Stille Riesen
Großer BDA-Preis 2026 für André Kempe und Oliver Thill
Der Große BDA-Preis 2026 ehrt André Kempe und den im März verstorbenen Oliver Thill. Im Jahr 2000 gründeten die beiden gebürtigen Sachsen ihr gemeinsames Büro Atelier Kempe Thill in Rotterdam. Vor allem im bezahlbaren Wohnungsbau haben sie mit einfachen, zugleich fast schon edlen Häusern im internationalen Vergleich Maßstäbe gesetzt.
Entsprechende Bauten entstanden in den Niederlanden, Belgien, Frankreich und auch in Deutschland. Es dürfte nur wenige Architekt*innen geben, die von sich behaupten können, in mehreren europäischen Ländern auf diesem schwierigen Feld zu reüssieren. Dennoch sei vielen Architekt*innen die Bedeutung dieses Werks nur in Ausschnitten bewusst, so die Preisjury. Sie bezeichnet die beiden als „stille Riesen“, um zu ergänzen: „Ihre Häuser geben dem Wohnen Würde und dem Alltag Schönheit. Sie halten architektonische Qualität gerade dort hoch, wo der Kostendruck am größten ist.“
Auf eine einseitige Handschrift lässt sich die Architektur von André Kempe und Oliver Thill nicht reduzieren – auch wenn der BauNetz-Tag „Schlicht und Gut“ eigentlich wie für sie geschaffen ist. Beste Beispiele sind etwa das Hip House von 2009 in Zwolle, ein Studierendenwohnheim in Berlin (2020) oder ein Altenheim in Flandern (2021). In einem Interview mit der Zeitschrift Detail erklärten die beiden Architekten vor fünf Jahren, dass sie mit ihrer Arbeit nach einem neuen Klassizismus für das 21. Jahrhundert suchen. Sie meinen damit eine Verbindung von einfachem Bauen und klassischer Schönheit.
Diesen Ansatz findet man längst nicht nur in den Wohnungsbauten des Büros, das inzwischen weitere Standorte in Paris, Zürich und Brüssel betreibt. Auch Sanierungen und Umbauten zählen zu ihrem Portfolio – etwa der Wintercircus in Gent vor vier Jahren oder die 4,5 Kilometer lange NS-Ferienanlage in Prora auf Rügen zu einer Jugendherberge im Jahr 2011.
An Kempe und Thill kommt man also nicht vorbei, wie die Jury völlig zu Recht sagt. Ihr gehörten dieses Jahr BDA-Präsident Alexander Poetzsch (als Vorsitzender), BDA-Vizepräsidentin Annemarie Bosch, Publizistin Katharina Benjamin, Architektin Aline Hielscher und Architekturhistorikerin Karin Wilhelm an. Mit der Wahl setzten sie einen Trend des Großen BDA-Preises fort. Auch die zuletzt ausgezeichneten Inken und Hinrich Baller (2023) sowie Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal (2020) stehen für herausragenden sozialen Wohnungsbau.
Der Preis wird im Dreijahres-Rhythmus an Architekt*innen oder Stadtplaner*innen aus dem In- wie Ausland vergeben. Alle BDA-Mitglieder und Organe des Verbands können Vorschläge einreichen. Der erste Preisträger war 1964 übrigens Hans Scharoun. Die öffentliche Preisverleihung findet am Donnerstag, 24. September 2026, im Sprengel Museum Hannover statt. (mh)





