Möglichkeiten im Sozialwohnungsbau
Atelier Kempe Thill in Bremen
Eine Antwort auf die Herausforderungen des demografischen Wandels hin zu immer kleineren Haushalten soll dieses Wohnhaus sein, außerdem mit gemeinschaftlich genutzten Räumen, dabei kompakt und ökonomisch – kurz: ein Prototyp für zeitgemäßes urbanes Wohnen. So möchten Atelier Kempe Thill (Rotterdam) ihren Neubau im Bremer Stadtteil Tenever verstanden wissen, der im letzten Jahr fertig wurde. Doch damit nicht genug. Schließlich soll der Entwurf zeigen, dass auch mit dem schmalen Budget des deutschen Sozialwohnungsbaus „Momente von Luxus“ möglich sind, wie die Architekt*innen schreiben.
Am östlichen Stadtrand von Bremen gelegen, durch die Autobahn von den Feldern Niedersachsens getrennt, galt die Großwohnsiedlung mit ihren Hochhäusern lange als sozialer Brennpunkt. Mehr als 2.000 Wohnungen für 7.700 Menschen errichtete man hier in den 1970er-Jahren. Anfang der 2000er-Jahre stand gut die Hälfte der Siedlung leer. Es folgten umfangreiche Sanierungsmaßnahmen im Rahmen des Programms „Stadtumbau West“. Etwa ein Drittel der Häuser wurde abgerissen oder rückgebaut. Heute gilt Bremen-Tenever als positives Beispiel sozialer Stadtentwicklung. 10.000 Menschen aus 90 Nationen leben hier.
Sozialen Wohnungsbau weiterdenken – das wollte die Auftraggeberin Gewoba AG mit der Erweiterung im Norden der Siedlung. Deshalb schrieb sie vor neun Jahren den Wettbewerb „ungewöhnlich wohnen“ aus. 28 Wohnungen auf drei Geschossen, 4.758 Quadratmeter BGF, ein Kindergarten und ein Stadtteilbüro im Erdgeschoss, Holzfassaden – das ist es, was das Rotterdamer Büro für ihr erstes Sozialwohnungsbauprojekt in Deutschland vorschlug. Ein Experiment, wie die Architekt*innen schreiben, denn der soziale Wohnungsbau hierzulande sei nicht nur stark reguliert, sondern im europäischen Vergleich mit kleinem Budget ausgestattet.
Und so begann man Kosten zu optimieren, um bessere räumliche Qualitäten und angenehmere Fassaden zu erlangen, als dies im sozialen Wohnungsbau normalerweise der Fall wäre – schreiben die Architekt*innen. Als Vorbilder dienten ihnen ein Wohnprojekt in Amsterdam und ein Altenheim im belgischen Heist-op-den-Berg. Entstanden ist eine Typologie, die alle 28 Einheiten über ein mit Oberlichtern ausgestattetes Atrium und eine zentrale, offene Treppe erschließt. Eine zusätzliche Fluchttreppe wurde auf der Südseite des Blocks realisiert. Rund um das Atrium sind die zwischen 45 und 50 Quadratmeter messenden Wohnungen angeordnet, alle mit großzügigen Balkonen. An den Ecken gibt es nach zwei Seiten orientierte Wohnungen für Familien.
Das „Atriumhaus“ steht nicht allein. Es ist zentraler Baustein einer kompakten, autofreien und nachhaltigen Minisiedlung – eine Art Gartenstadt mit Stadtvillen auf der Basis eines Masterplans von Spengler Wiescholek (Hamburg). Oder eben: zeitgemäßer sozialer Wohnungsbau. (kat)
Fotos: Ulrich Schwarz, Berlin
Soziale Bauten dürfen in Deutschland ja nicht zu schön oder (oh Gott!) großzügig werden. Den Bewohnern wird automatisch unterstellt, dass diese asozial sind und eh nur alles kaputt machen. (siehe Kommentare hier) Ich finde, dass das hier in diesem Gebäude, trotz aller Versuche der Kollegen, erkennbar ist. Ich würde sagen, dass die Architekten hier das Beste draus gemacht haben unter den Vorgaben. Die spießigen Doppelstegzäune werden die sich nicht ausgedacht haben …