Leidenschaftlicher Realist
Zum Tod von Oliver Thill
Vergangenen Montag ist der Architekt Oliver Thill nach schwerer Krankheit im Alter von 55 Jahren verstorben. Er war Mitgründer des niederländischen Atelier Kempe Thill. Im Jahr 1971 im heutigen Chemnitz geboren, studierte Oliver Thill in Dresden, Paris und Tokio. Nach Gastprofessuren an der EPFL in Lausanne, der TU Berlin und der Peter Behrens School of Art in Düsseldorf hielt er gemeinsam mit André Kempe eine Professur am Institut für Gebäudelehre der Leibnitz Universität in Hannover. Er war unter anderem Beiratsmitglied der JAAP Bakema Foundation in Rotterdam und der Rotterdam Academy of of Architecture and Urban Design.
Es war der Erfolg beim Europan 5, der ihn mit seinem Studienfreund André Kempe im Jahr 2000 in Rotterdam Atelier Kempe Thill gründen ließ. Beide hatten sich an der TU Dresden kennen gelernt. Mit dem Entwurf von dreihundert Wohnungen auf der Kop van Zuid gewannen sie den 1. Preis. Das Projekt wurde nicht realisiert, aber die Niederlande in den Folgejahren zu ihrem Wirkungsfeld.
Wohnungsbau und kleine öffentliche Bauten waren anfangs Thema des jungen Büros. Ab Mitte der 2000er-Jahre kamen größere Projekte hinzu. Später dehnten sie ihre Tätigkeit vor allem auf Belgien und Deutschland aus. Die Jugendherberge in Prora auf Rügen (2011) oder das Wohngebäude (2016) im Antwerpener Stadtteil Nieuw Zuid gehören zu den Meilensteinen. Jüngst waren es vor allem auch Sanierungen wie beim Konzertsaal De Harmonie in Antwerpen (2021) oder dem Umbau des Wintercircus in Gent (2022).
Das von den beiden Sachsen Oliver Thill und André Kempe (geboren in Freiberg) gegründete Atelier Kempe Thill zählt seit Jahren zu den interessantesten niederländischen Architekturbüros. Mit innovativen, vor allem aber pragmatischen Sonderlösungen haben sie immer wieder den standardisierten Wohnungsbau der Niederlande herausgefordert und das Maximum aus geringen Budgets herausgeholt. Einsparen, um an anderen Stellen außergewöhnliche Lösungen zu verwirklichen, lautet ein Credo ihrer Arbeit.
Das Rotterdamer Büro mit rund dreißig Mitarbeitenden kann inzwischen auf mehr als fünftausend internationale Veröffentlichungen verweisen, die jüngste Ausgabe ihrer Werkreihe erschien 2024. Über 100 Meldungen finden sich im BauNetz-Archiv. Mehrfach waren Projekte von Atelier Kempe Thill für den Mies van der Rohe Award nominiert.
Als ich die beiden vor Jahren in ihrem Büro in der Rotterdamer Van Nelle Fabrik besuchte, erschienen André Kempe und Oliver Thill als perfektes Architekten-Team, wie es sie nur selten gibt. Lebhaft, ehrlich und mit viel trockenem Witz sprachen sie über ihre Arbeit. Bereits damals waren sie bekannt dafür, mit ihren Bauherren endlose Diskussionen über den Einsatz von Materialien zu führen und diese auch schon mal unkonventionell zu verarbeiten, um ein geringes Budget zu bewältigen.
Von der fruchtbaren Zusammenarbeit und der Wertschätzung, die sie sich gegenseitig entgegen brachten zeugen nicht zuletzt die Worte, die André Kempe für seinen „alten Studienfreund, Kollege, Büropartner und Co-Professor“ in einem Nachruf auf der Seite der Universität Hannover findet: „Von Tag eins an haben wir nahezu alle Uni-Projekte gemeinsam erarbeitet in einem fast symbiotischen, sich ergänzenden und sich gegenseitig steigernden Austausch... Sein Verlust bedeutet nicht einfach den Verlust eines Büropartners, sondern den Verlust eines großen Architekten von europäischen Rang, eines komplexen Denkers, genauen Beobachters, inspirierten und humorvollen Gesprächspartners, eloquenten Hochschullehrers und Redners.“ (fm)





