Rationalisierung im Villenviertel
Studentenwohnheim von Atelier Kempe Thill in Berlin
Das US-amerikanische Bard College mit Stammsitz nördlich von New York unterhält schon seit 2003 einen Ableger in Berlin. Die Privatuniversität für Geistes- und Sozialwissenschaften hat sich Pankow-Niederschönhausen als Standort ausgesucht. Dort wurden mehrere DDR-Gebäude des früheren Diplomatenviertels vom Büro Kaup + Wiegand für den Lehrbetrieb saniert. Wo früher Botschaftsangehörige residierten, lernen und leben seither Studierende. Weil der Platz jedoch eng wurde, beauftragte die Hochschule das Rotterdamer Büro Atelier Kempe Thill mit einem Wohnheim-Neubau nahe der bestehenden Mensa in der Waldstraße.
Der Ortsteil ist städtebaulich geprägt durch seine lockere Bebauung als altes Villenviertel, das von der DDR zur Ansiedlung vieler diplomatischer Vertretungen genutzt wurde. Neben den alten Häusern entstanden auch viele moderne Gebäude, die DDR-typisch teils aus vorgefertigten Elementen errichtet wurden. Keine schlechte Vorlage für Kempe Thill, die ebenfalls oft mit Vorfertigung experimentieren. Mit ihrer Henry Koerner Hall greifen sie den Kontext auf und lassen im Zusammenspiel mit der Mensa ein neues Ensemble entstehen.
Auf dem langestreckten Eckgrundstück fand ein viergeschossiger Schottenbau mit einem Achsraster von 6 Metern und einer Tiefe von 9 Metern Platz. Wohl, um die eher kubisch geprägte Umgebung nicht durch einen allzu langen Riegel zu dominieren, gaben die Architekt*innen dem Volumen einen Rücksprung. Hier liegt der Kellerzugang des Gebäudes, aber auch ein Treppenhaus zur Erschließung des oberen Laubengangs. Das Haus ist in doppelgeschossige Wohngruppen aufgeteilt, die teils über Einzel-, aber auch über die für amerikanische Hochschulen immer noch typischen Doppelzimmer verfügen.
Der Hauptteil des Gebäudes stapelt jeweils zwei doppelgeschossige Einheiten übereinander. Die sind entweder von außen ebenerdig oder aber von oben über den Laubengang zugänglich. Räumlich gleichen sich beide Typen, es gibt eine offene Wohnküche mit zweifacher Raumhöhe, Sanitärbereiche und eben die Schlafzimmer. Insgesamt entstehen so bei einer Bruttogrundfläche von 1.800 Quadratmetern 13 Wohneinheiten mit Platz für durchschnittlich sechs Studierende. Nach außen zeigt das Gebäude große quadratische Fensterflächen, die je Einheit mit einem Aluminiumrahmen doppelstöckig zusammengefasst wurden.
Um innerhalb des knappen Kostenbudgets Qualitäten wie die doppelten Raumhöhen umzusetzen, fanden beim Bau möglichst viele einfache Lösungen und eben auch vorgefertigte Elemente Verwendung. Das erlaubte es, die Nettokosten inklusiver Außenanlagen und Einbauten bei rund 2,5 Millionen Euro beziehungsweise 1.400 Euro pro Quadratmeter zu halten. Ihre Typologie eigene sich übrigens nicht nur für Studierende, erwähnen Kempe Thill noch. Auch Familien könnten in den doppelgeschossigen Einheiten, die an die gestapelten Villen von Le Corbusier anknüpfen, gut Platz finden. (at)
Fotos: Ulrich Schwarz, Berlin
Diese Kommentarkultur auf Baunetz ist unterirdisch ... keine Diskussion mehrheitlich negativ und sie können es alle besser!
Bitte mehr konstruktive Kritik und ggf. auch mal sagen wer es denn soviel besser kann?
Das Projekt ist großartig, ganz im Gegensatz was sonst hier so gebaut wird.
Herzlichen Willkommen in Berlin KempeThill ... bitte mehr davon auch wenn es bestimmt einfacher ist und mehr Spaß macht in Holland zu bauen.
Meiner Meinung nach handelt es sich um ein gut durchdachtes Projekt. Es ist nachhaltig im Sinne einer guten Umnutzbarkeit, nur die mit den Scheiben kollidierenden Vögel tun mir leid.
Farbe wird schon von alleine in die Räume einziehen, Studentenwohnungen bleiben selten lange clean.
Hierbei können in der Wohngruppe besondere Fähigkeiten antrainiert werden. Und der fehlende Sonnenschutz animiert frühzeitig zum Verlassen der (tendenziell überwärmten) Schlafgelegenheiten ...
nach so langer zeit endlich mal ein vorschlag von ihnen, dem ich mich anschließen würde!
aber ihnen ist hoffentlich klar, dass dem tatsächlich knallharte materielle tatsachen entgegenstehen, oder?
und ich fürchte ja, dass sie noch nicht bereit sind, die kapitalistische eigentumsordnung an grund und boden mit ihren exklusiven verwertungsmonopolen hinter sich zu lassen. schade eigentlich...
auch eine Qualität, die für Familien und WGs taugt. So wie ein etwas größeres ehemaliges Stadtschloss zur Bibliothek, zum Hörsaal, Schule, Seminarraum, Mensa, Museum etc taugt. Ich denke da an mononutzbare moderne hochinstallierte Bibliotheksflächen. Aus heutiger Sicht ein Irrweg. Selbst Kitas können sich an mehr oder weniger großen Wohnzellenclustern orientieren. Wäre den Kindern auch vertrauter, weil wohnlicher.
Schönste StudentenWG ist ein englisches Reihenhaus mit Küche und kleinem Garten. Maßstab ist hier immer wieder der Mensch und seine sozialen Fähigkeiten, die sich nicht ändern.