Dresden im Auswahlkampf
Zum Planungsprozess für die Carolabrücke
Dresden im Auswahlkampf
Zum Planungsprozess für die Carolabrücke
Morgen, am 3. September entscheidet der Dresdner Stadtrat, welches Planungsteam für den Ersatzneubau der Carolabrücke beauftragt wird. Es geht um rund 200 Millionen Euro Investition, das Stadtbild der kommenden 100 Jahre und einen ambitionierten Planungsprozess, der zum Auswahlkampf mutiert ist.
Ist das von wirtschaftlichen Interessen getriebenes Geklapper oder Ausdruck einer Baukultur, die wir uns immer wünschen? Diese Frage stellt sich, wer in diesen Tagen nach Dresden schaut. Dort tobt eine wilde, öffentliche Debatte um die Vergabe einer Brückenplanung. Dabei hatte alles so gut angefangen.
Seit dem Einsturz der Carolabrücke im Jahr 2024 steht der städtische Alltag unter Druck. Schnell stand fest: Die Lücke in der Verkehrsführung soll durch einen Ersatzneubau geschlossen werden. Also ein Bau, dessen Dimension und Konstruktion dem Vorgängerbau gleicht, damit kein zeitaufwendiges Planfeststellungsverfahren nötig wird. Die Stadt hätte ein VgV-Verfahren ausschreiben und den günstigsten Anbieter beauftragen können. Doch trotz des Zeitdrucks hat sie ein ambitioniertes Verfahren aufgestellt, bei dem die Qualität im Vordergrund steht und auch die Öffentlichkeit mitreden kann.
Alles lief nach Plan. Im Dezember 2025 waren vier Planungsteams beauftragt worden: Leonhardt, Andrä und Partner LAP und Knight Architects, ARGE Fhecor Deutschland und TSSB, Schüßler-Plan und DKFS sowie Ingenieurbüro Grassl und gmp. Sie hatten aufwendig ausgearbeitete Entwürfe für die neue Brücke eingereicht. Ein 28-köpfiges Expertengremium unter Vorsitz von Steffen Marx hatte diese beurteilt, ausführlich die jeweiligen Vor- und Nachteile dargelegt und eine Rangfolge als Empfehlung ausgesprochen.
Seit dem Einsturz der Carolabrücke im Jahr 2024 steht der städtische Alltag unter Druck. Schnell stand fest: Die Lücke in der Verkehrsführung soll durch einen Ersatzneubau geschlossen werden. Also ein Bau, dessen Dimension und Konstruktion dem Vorgängerbau gleicht, damit kein zeitaufwendiges Planfeststellungsverfahren nötig wird. Die Stadt hätte ein VgV-Verfahren ausschreiben und den günstigsten Anbieter beauftragen können. Doch trotz des Zeitdrucks hat sie ein ambitioniertes Verfahren aufgestellt, bei dem die Qualität im Vordergrund steht und auch die Öffentlichkeit mitreden kann.
Alles lief nach Plan. Im Dezember 2025 waren vier Planungsteams beauftragt worden: Leonhardt, Andrä und Partner LAP und Knight Architects, ARGE Fhecor Deutschland und TSSB, Schüßler-Plan und DKFS sowie Ingenieurbüro Grassl und gmp. Sie hatten aufwendig ausgearbeitete Entwürfe für die neue Brücke eingereicht. Ein 28-köpfiges Expertengremium unter Vorsitz von Steffen Marx hatte diese beurteilt, ausführlich die jeweiligen Vor- und Nachteile dargelegt und eine Rangfolge als Empfehlung ausgesprochen.
Transparenz und Bürgerbeteiligung
Zu den vier Entwürfen organisierte die Stadt Präsentationen und eine Ausstellung, Bürgerdialoge und Brückencafés. In vielen Runden stellten sich Experten, Planer*innen und Baubürgermeister Stephan Kühn (Bündnis 90/Die Grünen) den Fragen der Menschen. Auch 80 Workshops an 17 weiterführenden Schulen fanden statt, um Kinder und Jugendliche zu beteiligen. Fast alles ist im Netz dokumentiert. Aufwendiger und vielschichtiger kann man einen Beteiligungsprozess kaum aufstellen.
Im Juni und Juli waren die Bürger*innen an der Reihe. Bei carolaVOTE konnten sie ankreuzen, welchen Entwurf sie gern gebaut sehen würden und Kommentare hinterlassen. Wieder gab es eine Reihenfolge. Rund 25.800 beteiligten sich, was rund fünf Prozent der Stadtbevölkerung entspricht. 84 Prozent davon gaben an, einen Wohnsitz in Dresden zu haben.
Zu den vier Entwürfen organisierte die Stadt Präsentationen und eine Ausstellung, Bürgerdialoge und Brückencafés. In vielen Runden stellten sich Experten, Planer*innen und Baubürgermeister Stephan Kühn (Bündnis 90/Die Grünen) den Fragen der Menschen. Auch 80 Workshops an 17 weiterführenden Schulen fanden statt, um Kinder und Jugendliche zu beteiligen. Fast alles ist im Netz dokumentiert. Aufwendiger und vielschichtiger kann man einen Beteiligungsprozess kaum aufstellen.
Im Juni und Juli waren die Bürger*innen an der Reihe. Bei carolaVOTE konnten sie ankreuzen, welchen Entwurf sie gern gebaut sehen würden und Kommentare hinterlassen. Wieder gab es eine Reihenfolge. Rund 25.800 beteiligten sich, was rund fünf Prozent der Stadtbevölkerung entspricht. 84 Prozent davon gaben an, einen Wohnsitz in Dresden zu haben.
Der Stadtrat hat vier gute, baubare Vorschläge zur Auswahl.Steffen Marx
Als dritte Gruppe hat ein 26-köpfiges Begleitgremium seine Empfehlung formuliert und eine Rangfolge festgelegt. Es soll die Heterogenität der Stadtgesellschaft abbilden und besteht aus Vertreter*innen der Stadtverwaltung, den Stadtratsfraktionen, der Handwerks-, Ingenieur- und Architektenkammer, Naturschutz- und Verkehrsverbänden. Sowohl die Empfehlung des Expertengremiums als auch die Ergebnisse von carolaVOTE seien in der Empfehlung des Begleitgremiums berücksichtigt worden, so die Stadt zum Entscheidungsprozess.
Zwischen Panikmache und sachlichen Argumenten
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Kommunikation der Planungsbüros längst verselbstständigt. Sie sprachen längst nicht mehr nur auf den Veranstaltungen der Stadt in paritätisch festgelegten Zeitslots. Mit Social Media-Kampagnen, eigenen Webseiten zu ihren Entwürfen und Videos in der Straßenbahn warben sie um Stimmen bei carolaVOTE, bei den Stadträten und Stakeholdern. Letzte Woche wurde der Ton schärfer. Eine Forderung nach Verfahrensausschluss wegen unerfüllter Vorgaben und Rügen an die Auftraggeberin wurde laut, neue juristische Gutachten machten die Runde, wie auch lokale Medien berichteten. Menschen, die nicht täglich mit Planung zu tun haben, dürfte es in diesem Marktgeschrei schwerfallen, sachliche Argumente von Panikmache zu unterscheiden.
Zwischen Panikmache und sachlichen Argumenten
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Kommunikation der Planungsbüros längst verselbstständigt. Sie sprachen längst nicht mehr nur auf den Veranstaltungen der Stadt in paritätisch festgelegten Zeitslots. Mit Social Media-Kampagnen, eigenen Webseiten zu ihren Entwürfen und Videos in der Straßenbahn warben sie um Stimmen bei carolaVOTE, bei den Stadträten und Stakeholdern. Letzte Woche wurde der Ton schärfer. Eine Forderung nach Verfahrensausschluss wegen unerfüllter Vorgaben und Rügen an die Auftraggeberin wurde laut, neue juristische Gutachten machten die Runde, wie auch lokale Medien berichteten. Menschen, die nicht täglich mit Planung zu tun haben, dürfte es in diesem Marktgeschrei schwerfallen, sachliche Argumente von Panikmache zu unterscheiden.
Das Verfahren ist ein positives Signal für die Baukultur.Reiner Nagel
Der Vorsitzende des Expertengremiums Steffen Marx ruft derweil zur Gelassenheit auf. „Der Prozess läuft wie geplant. Das Expertengremium hatte die Aufgabe, die Entwürfe zu prüfen und auf Risiken und Konsequenzen ihrer Umsetzung hinzuweisen. Der Stadtrat hat vier gute, baubare Vorschläge zur Auswahl.“, so Marx gegenüber BauNetz. Reiner Nagel von der Bundesstiftung Baukultur, der im Expertenrat mitgewirkt hat, sieht „ein positives Signal für die Baukultur“. Mit dem Verfahren habe die Stadt Dresden Mut für neue, ungewöhnliche Qualifizierungsverfahren bewiesen und in kurzer Zeit eine hohe Gestaltqualität für die Brücke herausgeholt.
Andreas Wohlfarth, Präsident der Architektenkammer Sachsen, sieht „das Ziel der Stadt erreicht, die Bevölkerung in einem transparenten Verfahren mitzunehmen“. Er merkt jedoch an, dass durch das Vorbild Dresden etablierte Wettbewerbs- und Vergabeverfahren künftig aufgeweicht werden könnten. „Baukultur ist auch Prozesskultur“, sagt Juliane Naumann, Geschäftsführerin des Zentrums für Baukultur Sachsen: „Die Stadt hat sich für dieses Verfahren entschieden, nun sollten auch alle das Ergebnis annehmen können.“
Learning from Dresden
Viele öffentliche Verwaltungen in Deutschland schauen derweil auf Dresden und seinen Brückenplanungsprozess. Vielerorts im Land stehen Sanierungen und Ersatzneubauten an. Ganz unabhängig davon, für welches Team der Stadtrat morgen entscheidet, lässt sich davon schon jetzt lernen.
Andreas Wohlfarth, Präsident der Architektenkammer Sachsen, sieht „das Ziel der Stadt erreicht, die Bevölkerung in einem transparenten Verfahren mitzunehmen“. Er merkt jedoch an, dass durch das Vorbild Dresden etablierte Wettbewerbs- und Vergabeverfahren künftig aufgeweicht werden könnten. „Baukultur ist auch Prozesskultur“, sagt Juliane Naumann, Geschäftsführerin des Zentrums für Baukultur Sachsen: „Die Stadt hat sich für dieses Verfahren entschieden, nun sollten auch alle das Ergebnis annehmen können.“
Learning from Dresden
Viele öffentliche Verwaltungen in Deutschland schauen derweil auf Dresden und seinen Brückenplanungsprozess. Vielerorts im Land stehen Sanierungen und Ersatzneubauten an. Ganz unabhängig davon, für welches Team der Stadtrat morgen entscheidet, lässt sich davon schon jetzt lernen.
Baukultur ist auch Prozesskultur.Juliane Naumann
Erstens: Im Vorfeld wurde nicht festgelegt, wie und ob der Stadtrat die Empfehlungen von Expertenrat und Begleitgremium und das Ergebnis von CarolaVOTE bei seiner Entscheidung gewichten muss. Gleichwohl gehört es zum Grundgedanken politischen Handelns, dass sich Politiker*innen Volkes Stimme anschließen. Bei CarolaVOTE und seinen 25.800 Teilnehmer*innen entstand lediglich ein Stimmungsbild. Ein juristisch erfolgreicher Bürgerentscheid bräuchte im Vergleich rund 108.000 Stimmen.
Zweitens: Aus gutem Grund sitzen in Wettbewerbsjurys mehr Fach- als Sachpreisrichter*innen. Wer eine Vergabe an Qualitätskriterien und sachliche Argumente knüpft und die finale Entscheidung einem Stadtrat überlässt, sollte Spielregeln und Grenzen für den Wettbewerbswahlkampf der Bewerberteams festlegen. Sonst entscheidet im Zweifel die Höhe des Werbebudgets.
Zweitens: Aus gutem Grund sitzen in Wettbewerbsjurys mehr Fach- als Sachpreisrichter*innen. Wer eine Vergabe an Qualitätskriterien und sachliche Argumente knüpft und die finale Entscheidung einem Stadtrat überlässt, sollte Spielregeln und Grenzen für den Wettbewerbswahlkampf der Bewerberteams festlegen. Sonst entscheidet im Zweifel die Höhe des Werbebudgets.
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