Buchtipp: Horrortrip durch die Republik
Schwarzbuch der Denkmalpflege
Nach Angaben der Deutschen Stiftung Denkmalschutz wird jeden Tag mindestens ein Gebäude abgerissen, das bereits in die Listen des Denkmalschutzes eingetragen war. Das neueste „Schwarzbuch“ der Stiftung indiziert sogar weit höhere Zahlen. Im Berichtszeitraum 2024 bis 2025 seien mehr als 1.077 Zerstörungen, schwere Beschädigungen oder den Denkmalwert gefährdende Umbauten gemeldet worden. Dabei sind hier viele denkmalwerte Bauten, die aber nie eingetragen wurden, noch gar nicht erfasst.
Die Statistik ist ohnehin schon schwer genug aufzustellen in einem Land, dass aufgrund des deutschen Denkmalschutzföderalismus gleich 16 (!) unterschiedliche Denkmalschutzgesetze und Verwaltungsstrukturen hat. Es gibt also keinerlei genaue Übersicht, wie viele Bauten, Anlagen und Bodendenkmäler gelistet sind, was noch erhalten, gut gepflegt oder bereits verschwunden ist. Es ist nicht einmal klar, wie viele Mitarbeitende denn nun eigentlich für den Schutz des gebauten Erbes zuständig sind – oder wie wenige.
Die Lektüre dieses Schwarzbuchs ist genrebedingt alles andere als erfreulich. Keine einzige Baugattung ist sicher vor Abriss oder Vandalisierung – vom großen Schloss über Kirchenbauten vor allem der Nachkriegszeit, erlesene Gründerzeitwohnhäuser, die für Neubauten mit ein oder zwei Geschossen mehr Vermarktungsfläche weichen sollen, bis hin zu Wohnhäusern selbst bekannter Architekten wie Bruno Ahrends in Berlin-Zehlendorf.
In Halle wurde skandalumwittert eines der wenigen noch erhaltenen Renaissance-Fachwerkhäuser mitten in der Altstadt bis auf die steinerne Fassade des Erdgeschosses abgerissen. Im von der Geschichte schon genug gebeutelten Bitterfeld fiel das Reuterhaus, das seit 1596 eines der prachtvollen Kaufleute-Bauten war. Im baden-württembergischen Oberkirch wird es künftig zwar eine Shoppingmall Untere Linde geben – das namensgebende Haus aber ist zerstört. Die Mack-Pyramide in Monheim wird nach dem Entwurf eines Studenten derart überbaut, dass der postmoderne Witz des Gebäudes vollständig verloren geht.
Allesamt Verluste, die auch durch Vernachlässigung an anderer Stelle entstehen: Die Personalausstattung der Unteren Denkmalschutzbehörden in Landkreisen und Kommunen ist desaströs. Dabei sind genau diese für den direkten Kontakt zu Bürgern, für Anträge und Beratungen zuständig. Doch oft müssen hunderte Anlagen von nur ein bis zwei Personen in Teilzeit betreut werden. Zudem haben sie meist nur eine Verwaltungsausbildung, keine Fachkenntnisse in Architektur, Ingenieurwesen, Gartenplanung, Archäologie oder Kunstgeschichte, geschweige denn eine Ausbildung in der Denkmalpflege.
Verfallende Denkmale können dann nur auf die wachsende Erfahrung in den Unteren Denkmalschutzbehörden hoffen. Allerdings steht gerade diese Verwaltungsebene unter immer stärkerem politischen Druck. Da sie größtenteils weisungsgebunden sind, kann sich die lokale Politik hier am einfachsten einmischen, die angenommenen Interessen ihrer Klientel durchsetzen – möglichst schnell, wirtschaftsfreundlich, zugunsten des Wohnungsneubaus oder des Klimaschutzes.
Ein Mittel dafür, so kritisiert die Stiftung, ist die inzwischen bei der Politik auch im Klimaschutz hoch beliebte „Genehmigungsfiktion“ – also die Behauptung, ein Projekt sei unproblematisch, wenn es in einer bestimmten Zeit nicht bearbeitet sei. Auf diese Weise greift man etwa für neue Solaranlagen massiv in historische Bauten ein, selbst wenn dadurch das Gesamtbild ganzer Dörfer und Städte gefährdet wird, mit dem man gleichzeitig um Touristen wirbt.
Die entsprechenden Anträge werden bemerkenswert oft genau dann eingereicht, selbstverständlich rein zufällig, wenn der einzig kompetente Sachbearbeiter gerade seinen Urlaub oder, noch besser, die Kinderbetreuungszeit angetreten hat. Und schon ist wieder ein Bau streng rechtskonform verschwunden, der teils hunderte von Jahren die Stadt prägte, das Dorf zu etwas Besonderem gemacht hat. Die Landesdenkmalämter können oft nicht mehr eingreifen, werden in vielen Bundesländern zu lediglich fachlich begleitenden Verwaltungen degradiert, mit der Begründung, dies diene der Effizienz und Bürgernähe.
Dabei ist die Denkmalpflege, unzählige Male bewiesen, ein immenser wirtschaftlicher Faktor. Für den Bestand und die Fortentwicklung gerade des mittelständischen Handwerks oder für die Integration von Eingewanderten spielt sie eine zentrale Rolle. Sie dient genau jener Konstruktion lokaler und regionaler Identitäten, die sich viele Bürger wünschen. Aber eben diesen Bürgern und ihren Politikern gilt Denkmalschutz genauso wie Umwelt- und Klimaschutz auch als Entwicklungshemmnis.
Das Schwarzbuch ist also ein Horrortrip durch eine immer noch vom Wachstumsfetisch geprägte Republik, die sich nur dann für ihr Erbe interessiert, wenn es nicht Bequemlichkeiten und kurzsichtige Zukunftsplanungen stört. Kein schön, allerdings gut zu lesendes Buch – und es lohnt sich. Vielleicht überzeugt es ja doch manchen Investor, den Weiterbau statt des Abrisses zu wagen.
Schwarzbuch der Denkmalpflege – ein Verzeichnis verlorener Geschichte 2024 /2025
Deutsche Stiftung Denkmalschutz (Hrsg.)
324 Seiten
kostenlos als Broschüre oder zum Download auf: denkmalschutz.de



