Buchtipp: Astra Zarina
She Was an Architect
Dass Frauen in der Architekturwelt weniger Anerkennung bekommen und bekommen haben als ihre männlichen Kollegen, ist ein vertrautes Thema. Festivals, Ausstellungen, Vereine und Publikationen arbeiten zunehmend daran, Architektinnen sichtbarer zu machen. Nun hat der Verlag Hatje Cantz eine Buchreihe gestartet: She Was an Architect porträtiert Architektinnen des 20. Jahrhunderts in schmalen Büchlein. Der erste Band, geschrieben von der Kunstkritikerin und Journalistin Laura Helena Wurth, widmet sich der Architektin Astra Zarina (1929–2008).
Zarinas Werdegang, der alles andere als konventionell war, wird im Heft durch Fotos und Zeichnungen begleitet. Geboren in Riga, kam sie über Salzburg und Esslingen in die USA, wo sie an der University of Washington Architektur studierte. Für ihr weiterführendes Studium wurde sie an Harvard, am MIT und am IIT angenommen – damals drei der renommiertesten Architekturschulen der USA. Sie entschied sich für das MIT und schloss dort 1956 mit Auszeichnung ab. Anschließend arbeitete sie im Büro von Minoru Yamasaki, dem späteren Architekten des World Trade Centers. 1960 erhielt sie als erste Frau den Rome Prize in Architecture von der American Academy. Wenig später zog sie mit einem Fulbright-Stipendium in die italienische Metropole.
Kurz darauf wurde sie gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Douglas Philip Haner für die Planung von über 1.100 Wohneinheiten des Märkischen Viertels in Nordberlin engagiert. Unter rund 35 beteiligten Architekten für die modernistische Großwohnsiedlung war Zarina die einzige Frau. Das Paar trennte sich früh in der Planungsphase, Haner zog sich aus dem Projekt zurück. Zarina wurde von den leitenden Architekten – Georg Heinrichs, Hans Christian Müller und Werner Düttmann – immer wieder massiv hinterfragt und ihre Entwürfe stark verändert.
Es ist bezeichnend, dass ihr Name in späteren Dokumentationen und Unterlagen zu dem Projekt verschwand und stattdessen der ihres Ex-Mannes aufgeführt wurde, – obwohl sie maßgeblich an der Planung beteiligt war und eines der größten Baufelder eigenständig bis zum Abschluss führte. Bei keinem anderen Büro mit mehreren Architekten ist Ähnliches passiert.
Später wandte sich Zarina zunehmend der Denkmalpflege und der Lehre zu. Sie lehrte an der University of Washington und entwickelte ab 1970 ein Studienprogramm in Rom. Die Stadt wurde dabei zum Seminarraum: Architektur sollte nicht nur gezeichnet und analysiert, sondern als Teil einer lebendigen Kultur verstanden werden. Zarina verband Entwurfsarbeit mit Stadtbeobachtung und so alltäglichen Dingen wie gemeinsamem Kochen und Essen.
Aus diesem Interesse entwickelte sich auch ihre besondere Beziehung zu Civita di Bagnoregio, einem kleinen Bergdorf nördlich von Rom. Gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann, Anthony Costa Heywood, restaurierte sie dort historische Gebäude und bezog Studierende in die Arbeit ein. Sie gründete das Civita Institute, das sich bis heute dem Erhalt des Ortes widmet. In Civita verbrachte Zarina ihre letzten Lebensjahre und starb dort 2008.Das Büchlein endet mit einem Interview mit einem ihrer ehemaligen Studenten: Steven Holl nahm 1970 an Zarinas Rom-Programm teil. Er erinnert sich an eine strenge und zugleich offene Lehrerin, die ihm vor allem eines vermittelte: ein Verantwortungsbewusstsein dafür, mit der Erde zu planen und nicht gegen sie.
Astra Zarina. Lessons on Continuity and Change
Laura Helena Wurth
64 Seiten
Englisch
Hatje Cantz, Berlin 2026
ISBN 978-3-7757-6210-6
16 Euro



