Haus fast ohne Heizung
Wohnungsbau in Ingolstadt von nbundm*
Haus fast ohne Heizung
Wohnungsbau in Ingolstadt von nbundm*
Für die Promotion des neuen „Gebäudedyp-e“ entstehen in ganz Bayern aktuell 19 radikal abgespeckte Pilotprojekte. Der erste Wohnbau dieser Art ist nun fertig – und beweist, dass Verzicht sehr chic und lebenswert sein kann.
Mit dem Gebäudetyp-e will die Bayerische Architektenkammer das Bauen vereinfachen und billiger machen. Wer baut, so der Plan, kann die rechtlichen Rahmenbedingungen auf die Schutzziele der Bayerischen Bauordnung reduzieren. Brandschutz, Standsicherheit sowie Umwelt- und Ressourcenschutz gehören dazu. Auf alle anderen Normen und Komfortstandards kann im Einzelfall – und in Absprache mit den Behörden – verzichtet werden.
Erste Ideen gab es schon 2020, drei Jahre später rückte die Vision auf politischer und rechtlicher Ebene näher an die Realität heran: Artikel 63 der Bayerischen Bauordnung wurde adaptiert und erlaubt seitdem das Abweichen von gesetzlichen Anforderungen, vor allem beim Bauen im Bestand, bei der Erprobung neuer Bau- und Wohnformen sowie bei Pionierprojekten mit erneuerbaren Energien. Zudem gab das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr den Startschuss für 19 Pilotprojekte, die in fast allen Regierungsbezirken Bayerns realisiert werden sollen.
Das Haus fast ohne Heizung im Nordwesten von Ingolstadt ist der erste fertig gestellte Gebäudetyp-e-Bau. Es steht im Quartier Friedrichshofen, das von weißen Einfamilienhäusern, Doppelhaushälften und hell verputzten Wohngehegen geprägt wird. Alles sehr uninspiriert, alles sehr von der Stange, mit Klimaanlage, Doppelgarage und einer Portion baukultureller und stadträumlicher Ignoranz. Doch dann, Steigerwaldstraße 21 bis 23, an der Demarkationslinie zu Wald- und Ackerland, die Entschädigung: Backsteinsockel, vertikale Lärchenholzschalung, ein paar freche Knicke im Baukörper, und über allem ein appetitliches Spiel aus Salbeigrün mit einem Klecks Tomatenrot.
Hinter dem ansprechend gestalteten Wohnbau mit 15 groß geschnittenen Wohnungen mit bis zu fünf Zimmern, verbirgt sich ein abgespecktes Konzept: Keller, Tiefgarage, Zentralheizung, Vollwärmeschutz und massive Estrichböden sucht man vergebens. Und auch die ganze Batterie an vorauseilendem Normengehorsam, ob das nun Hunderte Steckdosen oder überdimensionierte Durchlauferhitzer für den Warmwassergebrauch sind, sucht man vergeblich. Das Unterfangen ist dem Vorarlberger Erfolgsmodell 2226 vom Baumschlager Eberle nachempfunden. Doch hier stecken die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Ingolstadt als auch das in München und Ingolstadt ansässige Büro nbundm* architekten dahinter.
Erste Ideen gab es schon 2020, drei Jahre später rückte die Vision auf politischer und rechtlicher Ebene näher an die Realität heran: Artikel 63 der Bayerischen Bauordnung wurde adaptiert und erlaubt seitdem das Abweichen von gesetzlichen Anforderungen, vor allem beim Bauen im Bestand, bei der Erprobung neuer Bau- und Wohnformen sowie bei Pionierprojekten mit erneuerbaren Energien. Zudem gab das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr den Startschuss für 19 Pilotprojekte, die in fast allen Regierungsbezirken Bayerns realisiert werden sollen.
Das Haus fast ohne Heizung im Nordwesten von Ingolstadt ist der erste fertig gestellte Gebäudetyp-e-Bau. Es steht im Quartier Friedrichshofen, das von weißen Einfamilienhäusern, Doppelhaushälften und hell verputzten Wohngehegen geprägt wird. Alles sehr uninspiriert, alles sehr von der Stange, mit Klimaanlage, Doppelgarage und einer Portion baukultureller und stadträumlicher Ignoranz. Doch dann, Steigerwaldstraße 21 bis 23, an der Demarkationslinie zu Wald- und Ackerland, die Entschädigung: Backsteinsockel, vertikale Lärchenholzschalung, ein paar freche Knicke im Baukörper, und über allem ein appetitliches Spiel aus Salbeigrün mit einem Klecks Tomatenrot.
Hinter dem ansprechend gestalteten Wohnbau mit 15 groß geschnittenen Wohnungen mit bis zu fünf Zimmern, verbirgt sich ein abgespecktes Konzept: Keller, Tiefgarage, Zentralheizung, Vollwärmeschutz und massive Estrichböden sucht man vergebens. Und auch die ganze Batterie an vorauseilendem Normengehorsam, ob das nun Hunderte Steckdosen oder überdimensionierte Durchlauferhitzer für den Warmwassergebrauch sind, sucht man vergeblich. Das Unterfangen ist dem Vorarlberger Erfolgsmodell 2226 vom Baumschlager Eberle nachempfunden. Doch hier stecken die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Ingolstadt als auch das in München und Ingolstadt ansässige Büro nbundm* architekten dahinter.
„Wir wollten beweisen, dass man mit wenig Geld hochwertig bauen und Schönheit schaffen kann“, sagt Chris Neuburger, Partner bei nbundm* architekten. „Durch das Weglassen von kostspieligen Material- und Haustechniklösungen können wir uns auf das konzentrieren, was fürs Wohnen wirklich relevant ist: Fläche, Schönheit, Leistbarkeit, Funktionalität, Bequemlichkeit und Raum zur persönlichen Entfaltung in großen Wohnküchen und auf Balkonen mit Blick in die Natur.“
Um dieses Ziel zu erreichen, ist das Haus fast ohne Heizung aus Hohlblockziegeln mit maschinell gefüllter Holzfaserdämmung errichtet, der Fußbodenaufbau als Trockenestrich eingebracht. Als Energiequelle werden wie bei 2226 Sonnenlicht, elektrische Geräte und die thermischen Emissionen der hier wohnenden Menschen herangezogen. Eine Heizfolie mit 24-Volt-Elektroheizung unter dem Fußbodenbelag in den Wohn- und Aufenthaltsräumen soll die Kältespitzen im tiefsten Winter abfedern. Daher auch das „Fast“ im Projekttitel. Angesteuert wird diese über einen Niederspannungstrafo, der in jedem Raum in der Wand verbaut ist.
Um dieses Ziel zu erreichen, ist das Haus fast ohne Heizung aus Hohlblockziegeln mit maschinell gefüllter Holzfaserdämmung errichtet, der Fußbodenaufbau als Trockenestrich eingebracht. Als Energiequelle werden wie bei 2226 Sonnenlicht, elektrische Geräte und die thermischen Emissionen der hier wohnenden Menschen herangezogen. Eine Heizfolie mit 24-Volt-Elektroheizung unter dem Fußbodenbelag in den Wohn- und Aufenthaltsräumen soll die Kältespitzen im tiefsten Winter abfedern. Daher auch das „Fast“ im Projekttitel. Angesteuert wird diese über einen Niederspannungstrafo, der in jedem Raum in der Wand verbaut ist.
„Mit der Heizfolie können wir sicherstellen, dass die Innenraumtemperatur nie unter die magische Grenze von 22 Grad fallen muss“, sagt Neuburger. „Auch dann nicht, wenn die Bewohner verreist sind und durch ihre Körper oder die Benutzung von Elektrogeräten keine thermische Abwärme erzeugen.“ Derweil fungieren die Betondecken und Ziegelaußenwände als thermische Speicher und die partiell verlegten Heizfolien als eine Art mentales Back-up in der Kommunikation an die Bewohner*innen. Die erste Kälte- und Sommersaison hat der fast heizungslose Wohnbau erfolgreich überstanden.
„Wir beschäftigen uns schon seit einigen Jahren damit, wie wir die Baukosten senken können“, erklärt Jörg Koch, Abteilungsleiter Technik bei der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Ingolstadt. „Der Gebäudetyp-e erlaubt uns, nicht verpflichtende Normen und technische Baustandards zu umgehen.“ Die Mieter*innen müssten nur bereit sein zu akzeptieren, dass in einem Pionierprojekt manche Dinge anders funktionieren, als sie es vielleicht gewohnt sind.
„Und nur, damit das klar ist“, so Koch: „Wir stellen keinen einzigen miet- oder sicherheitstechnischen Standard infrage, da gibt es keinerlei Kompromiss! Wir hinterfragen nur, was normativer Schwachsinn ist und wo die Industrielobby aus ökonomischen Eigeninteressen heraus völlig überzogene Standards hineinreklamiert hat, die immer schärfer werden und die sogenannten anerkannten Regeln der Technik zunehmend hinaufschrauben. Dem entziehen wir uns.“ Mit Erfolg: Beim Haus fast ohne Heizung liegen die Baukosten gegenüber einem vergleichbaren Bau um rund 10 bis 15 Prozent niedriger. Das wiederum wirkt sich auf die Nebenkosten für die Mietenden aus.
[Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, die niedrigen Baukosten wirkten sich auf die Mieten aus. Wir haben die Passage präzisiert. Präzisiert wurde auch der Satz zu den herangezogenen Energiequellen sowie die Angabe zur 22-Grad-Grenze.]
„Wir beschäftigen uns schon seit einigen Jahren damit, wie wir die Baukosten senken können“, erklärt Jörg Koch, Abteilungsleiter Technik bei der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Ingolstadt. „Der Gebäudetyp-e erlaubt uns, nicht verpflichtende Normen und technische Baustandards zu umgehen.“ Die Mieter*innen müssten nur bereit sein zu akzeptieren, dass in einem Pionierprojekt manche Dinge anders funktionieren, als sie es vielleicht gewohnt sind.
„Und nur, damit das klar ist“, so Koch: „Wir stellen keinen einzigen miet- oder sicherheitstechnischen Standard infrage, da gibt es keinerlei Kompromiss! Wir hinterfragen nur, was normativer Schwachsinn ist und wo die Industrielobby aus ökonomischen Eigeninteressen heraus völlig überzogene Standards hineinreklamiert hat, die immer schärfer werden und die sogenannten anerkannten Regeln der Technik zunehmend hinaufschrauben. Dem entziehen wir uns.“ Mit Erfolg: Beim Haus fast ohne Heizung liegen die Baukosten gegenüber einem vergleichbaren Bau um rund 10 bis 15 Prozent niedriger. Das wiederum wirkt sich auf die Nebenkosten für die Mietenden aus.
[Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, die niedrigen Baukosten wirkten sich auf die Mieten aus. Wir haben die Passage präzisiert. Präzisiert wurde auch der Satz zu den herangezogenen Energiequellen sowie die Angabe zur 22-Grad-Grenze.]
Bautafel
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- nbundm* Architekten
- Bauphysik:
- 2226, archenea
- Statik:
- Michael Heubl– Ingenieurbüro für Baustatik
- Brandschutz:
- Springl Ingenieurbüro für Brandschutz
- Auftraggeber:
- GWG Ingolstadt GmbH
- Fläche:
- 1.261 m² Grundfläche
- Auszeichnungen:
- POLIS Award 1. Preis Ökologische Wirklichkeit, DAM Preis 2027 Shortlist
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Die Fassadenschalung aus Lärchenholz ist hinterlüftet und ungedämmt ausgeführt. So entsteht ein thermischer Auftrieb oder Kamineffekt, der zu einer nachweisbaren Reduzierung der Oberflächentemperaturen führt: während auf der Holzschalung im zurückliegenden heißen Sommer rund 60 °C gemessen wurden, lagen die Temperaturen an der dahinterliegenden Ziegelwandoberfläche lediglich bei ca. 25–30 °C.
Dieser reduzierende Effekt wurde in der dynamischen Gebäudesimulation berücksichtigt und entsprechend in der Bewertung des sommerlichen Wärmeschutzes angesetzt.
Grüsse,
nbundm*
Warum wurde der Mauerziegel nicht einfach verputzt?