Die kleine Gelbe
Standseilbahn in Lissabon von atelier bugio
Lissabon ist für seine historischen Standseilbahnen bekannt. Die sogenannten Ascensores gehören seit dem späten 19. Jahrhundert zum Stadtbild und erschließen die steilen Hänge der „Stadt der sieben Hügel“. Nach dem schweren Unfall des Ascensor da Glória im September 2025 ist die Frage nach der Sicherheit und technischen Zuverlässigkeit der Anlagen in den Fokus gerückt. Alle historischen Ascensores sind derzeit außer Betrieb. Der Ascensor da Glória soll komplett neugebaut werden; eine Wiederinbetriebnahme ist für 2029 geplant.
Mit dem Funicular da Graça ist indessen eine weitere neue Standseilbahn hinzugekommen. Für die Planung der Anlage mit zwei Haltestellen zeichnet das ortsansässige Büro atelier bugio verantwortlich. Die kurze Fahrt beginnt im dichten Gefüge des Stadtteils Mouraria, führt entlang eines ehemaligen Klostergartens, bevor die kleine gelbe Bahn schließlich einen geschwungenen Tunnel erreicht. Unmittelbar davor eröffnet sich ein weiter Blick über Lissabon bis zum Tejo.
Die Höhenunterschiede stellten die portugiesische Hauptstadt schon früh vor Herausforderungen. Während heute zum Teil auch Rolltreppen die Fortbewegung erleichtern, wurden die ersten Standseilbahnen bereits Ende des 19. Jahrhunderts errichtet. Die erste Anlage eröffnete 1884, die zweite 1885 (Ascensor da Glória). Für ihren Entwurf orientierten sich Atelier Bugio vor allem an der dritten historischen Anlage: Ihr Funicular da Graça fügt sich auf ähnliche Weise in den historischen Stadtraum ein, wie der 1892 entstandene Ascensor da Bica.
Wer den Hügel hinauf möchte, betritt das Stationsgebäude auf der unteren Ebene an der Rua dos Lagares. Der schlichte, strahlend weiße Bau setzt das Fassadenbild der Straße in abstrahierter Form fort und bildet einen schönen Kontrast zum verkehrsgelben Korpus der neuen Bahn. Das gelb-weiße Farbschema prägt Fahrzeuge und Gebäude des städtischen Verkehrsunternehmens Carris bereits seit 1926. Durch eine große Holztür gelangt man zunächst in einen hellen, mit weißen Kacheln verkleideten Raum, der sich über zwei Geschosse erstreckt. Eine gelbe Tür weist Nutzer*innen den Weg zur Standseilbahn.
Die kleine, durch ihre abgerundeten Ecken etwas futuristisch anmutende Kabine bietet Platz für 14 Personen und gliedert sich in zwei Bereiche: einen geschlossenen mit Fahrerkabine und einen transparenten für die Fahrgäste. Im Inneren gibt es lediglich eine kleine klappbare Bank für zwei bis drei Personen, die übrigen Fahrgäste stehen. Viel Zeit zum Sitzen bleibt ohnehin nicht: Die rund 90 Meter lange Strecke legt die Kabine in rund zwei Minuten zurück.
Auf dem Weg nach oben wird die Trasse teilweise von Treppen und kleineren Aufenthaltsbereichen begleitet. Begrenzende, ebenfalls strahlend weiße Mauern lassen Stationen, Fußwege und Trasse eindeutig als zusammenhängendes Ensemble erkennen. Während der Fahrt fällt der Blick auf das angrenzende Klostergelände, das derzeit zu großen Teilen in einen öffentlichen Park umgestaltet wird.
Nachdem die Bahn im kleinen Tunnel verschwunden ist, erreicht sie auf Höhe der Calçada da Graça die obere Station. Von der unterirdisch angelegten Haltestelle führt eine sanft ansteigende Treppe hinauf zum Miradouro da Graça, einem der zahlreichen Aussichtspunkte der Stadt. Von hier aus lässt sich der Ausflug wunderbar fortsetzen – etwa mit einem Besuch der Igreja da Graça, die zum gleichnamigen ehemaligen Augustinerkloster gehört. (dsm)
- Fertigstelltung:
- 2024
- Architektur:
- Atelier Bugio
- Team:
- João Favila Menezes, Francesco Mariani, Bruno Oliveira, Ricardo Correia, Hugo Amaro, José Cano, Luis Ferro, Marlene Dos Santos, Mauricio Martins, Fernando Amado
- Tragwerksplanung:
- Betar
- TGA:
- Ohmsor
- Bauausführung:
- Rioboco
- Seilbahn-/Anlagentechnik:
- Liftech
- Landschaftsplanung:
- Campo d’Água
- Archäologie / Kulturerbe:
- Arqueohoje
- Bauherrschaft:
- EMEL – Empresa Municipal de Mobilidade e Estacionamento de Lisboa




