Eindeutig zeitgenössisch
Kreativquartier von MVRDV und &MICA in Potsdam
Im Stadtzentrum von Potsdam wird am 4. September das Kreativquartier eröffnet. Nicht nur seine Lage direkt neben der umstrittenen Rekonstruktion des Turms der Garnisonskirche und dem Rechenzentrum, auch sein Entstehungsprozess haben es deutschlandweit bekannt gemacht.
2018 beschloss die Stadt Potsdam, eine durch Abrisse freigewordene Fläche zwischen Werner-Seelenbinder-Straße und Yorckstraße per Konzeptvergabe zu einem reduzierten Preis zu vergeben. Kostengünstige Büros, Ateliers und Veranstaltungsräume sollten entstehen. Damit reagierte die Stadt auf die Debatten um den geplanten Abriss des Rechenzentrums, das seit 2015 von über 300 Kunst- und Kulturschaffenden sowie von sozialen Trägern genutzt wird.
Die Konzeptvergabe 2019 gewann der Berliner Immobilienentwickler Glockenweiss. Er war mit einem Masterplan von MVRDV angetreten. Zum Team gehörten auch KVL Bauconsult, Wilfried Lembert und Berlins ehemaliger Kultur-Staatssekretär Tim Renner. Anstatt das Grundstück im Erbbaurecht zu vergeben, verkaufte es die Stadt für 12 Millionen Euro. Kapitalpartner ist die Ideal Lebensversicherungs a.G., in deren Bestand die Gebäude verbleiben. Die Versicherung investierte nach eigenen Angaben etwa 120 Millionen Euro in das Projekt.
Den Planungsauftrag für alle Gebäude erhielt das Büro &MICA (Köln/Berlin) nach einem eingeladenen Realisierungswettbewerb mit fünf Teilnehmern und anschließenden Werkstatt- und Dialogverfahren. Am Plan von MVRDV, der eine dichte, vielgestaltige Bebauung vorgeschlagen hatte, hat sich in der B-Plan-Erstellung, Genehmigung und Realisierung nichts Grundsätzliches verändert. Statt der anfangs geplanten zehn sind sieben Gebäude entstanden. „Der rote Faden des Quartiers“, schreiben &MICA, „ist seine Vielgestalt“.
Zwei lange Häuser schließen die Blockkanten im Potsdamer Straßenraster nach Süden und nach Westen: Zur Werner-Seelenbinder-Straße steht das Townhouse, zur Neuen Plantage hin zeichnet der Lange Stall mit 166 Metern Länge und 21,50 Metern Breite den Grundriss seines historischen Vorbildes nach. Das Vorbild war bis auf die Südportalfassade von 1781 im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Der Neubau präsentiert sich mit Holzfassade und großem Satteldach nicht als Rekonstruktion, sondern als zeitgenössische Interpretation.
Auch das Townhouse ist eine freisinnige Neuerfindung: Zur Stadt zeigt es eine helle Putz-, zum Blockinneren eine Holzfassade. Diese Janusköpfigkeit ist als Statement zu verstehen. „Die Straßenfronten fügen sich ganz selbstverständlich in die historische Kontinuität der Garnisons- und Residenzstadt ein“, erklären &MICA, während die Fassaden zum Blockinneren eine „vielfältig bespielte Gegenwart“ reflektieren.
Drei öffentliche Passagen führen durch den Blockrand ins Innere des Kreativquartiers. Fünf Neubauten gruppieren sich um einen kleinen, öffentlichen Platz. In den Erdgeschossen gibt es Läden, Gastronomie und Veranstaltungsräume. Verbindungen zwischen Innen- und Außenräumen entstehen durch Arkaden und großzügige Glasfassaden.
Die fünf Häuser betonen ihre Unterschiedlichkeit, bis hin zu einer für MVRDV typischen, fast comic-haften Überzeichnung: Die Akademie zeigt eine kräftig rote Putzfassade mit Loggien und Sheddach. Die Orangerie ist ein flexibel einteilbares Stahlbetonregal mit großen Fensterfronten und einem vorgestellten Balkonregal mit silbrigen Vorhängen. Das Musikhaus wiederum trägt eine Fassade aus weißem Wellblech, die über dem Erdgeschoss in runden Schwüngen ausgeschnitten ist, als ob das Haus ein leichtes Kleid trüge. Darunter blitzen hellblauer Putz und knallrote Fensterprofile hervor. Die viergeschossige Laterne erkennt man an Industrieglas-Fassaden, die nachts von innen leuchten. Nach Norden schließt The Rack das Quartier ab, ein schlichter Bau aus Betonfertigteilen mit Holzfassaden und für ein Bürogebäude überraschend vielen Balkonen.
Insgesamt bietet das Kreativquartier rund 25.000 Quadratmeter Nutzfläche für Büros, Ateliers oder Studios. Die Einheiten variieren von 15 bis 1.600 Quadratmetern. Etwa 16.000 Quadratmeter sind für Kultur- und Kreativberufe vorgesehen, davon wiederum die Hälfte nutzungs- und mietpreisgebunden mit Nettokaltmieten ab neun Euro pro Quadratmeter. Im Langen Stall haben sich 100 Kreative zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen, die für zwanzig Jahre 4.800 Quadratmeter zum Vorzugspreis mietet.
Der Plan, mit dem Kreativquartier den Kunstschaffenden im Rechenzentrum günstige Alternativen zu bauen, ist jedoch nicht aufgegangen. Laut einem Artikel der Märkischer Allgemeiner Zeitung vom 11. Juli 2026 seien nur 29 Künstler*innen aus dem Rechenzentrum in die Genossenschaft im Langen Stall eingetreten – die wirtschaftlich erfolgreichsten. Für viele Andere, die im DDR-Bau um die 4,50 Euro Nettokaltmiete zahlen, sei das Kreativquartier letztlich doch zu teuer.
Andere Nutzer*innen hingegen wollen im Rechenzentrum bleiben. Mit Blick auf das Kreativquartier lautet ihr Slogan: Ergänzung, kein Ersatz. Und warum sollte nicht auch beides möglich sein? An der Neuen Plantage stehen sich Alt- und Neubau ziemlich friedlich gegenüber. Und die Nachfrage nach günstigen Arbeitsräumen ist offensichtlich groß genug für beide. (fh)
- Bauherrschaft:
- Glockenweiß und IDEAL Lebensversicherungen a.G.
- Masterplan Konzeptverfahren:
- MVRDV
- Architektur:
- &MICA
- Projektmanagement Phase 1:
- KVL Bauconsult
- Projektmanagement Phase 2:
- Bohn-Zirlewagen
- Fläche:
- 25.000 m² Bruttogrundfläche
- Baukosten:
- 130.000.000 € Investitionskosten
Das Kreativquartier wird am 4. September ab 11 Uhr mit Open Ateliers, Ausstellungen, Performances und einem Design-Markt eröffnet. Mit dabei sind u.a. auch Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD) und Potsdams Oberbürgermeisterin Noosha Aubel (parteilos). www.kreativ-quartier-potsdam.de