Buchtipp: Schlüsselwerk in Mönchengladbach
Hans Hollein’s Masterpiece
„Es geschieht der Durchstich des Museums Abteiberg zur Stadt.“ So verkündet die Mönchengladbacher Kunstinstitution aktuell auf ihrer Website, dass eine Schneise durch die angrenzende Bebauung geschlagen wird. 44 Jahre nach der Eröffnung kann man also endlich ein entscheidendes Puzzlestück aus Hans Holleins ursprünglichem Entwurf umsetzen. Der 1982 fertiggestellte Bau ist in seinem Auftreten das Gegenteil einer Ikone, camoufliert sich so sehr in die Stadt, dass er beinahe verschwindet. Ein Dilemma für ein Kunstmuseum, das Avantgarde-Kunst niedrigschwellig an die Leute bringen möchte. Kommt nun also – im wahrsten Sinne – der Durchbruch?
Für eine Antwort muss man das enigmatische Bauwerk nachvollziehen, das wohl ebenso komplex gestrickt ist, wie es sein Erbauer war. Eva Branscome hat sich dem angenommen und nicht nur ihre Doktorarbeit zum Frühwerk Hans Holleins verfasst, sondern jüngst auch eine Publikation zu dessen vermeintlichem Schlüsselwerk vorgelegt. In Hans Holleins Masterpiece. Art, Architecture and the City zeichnet sie die Entstehungsgeschichte des Museums Abteiberg nach, die vor allem auch mit den Laufbahnen von Hollein, Joseph Beuys und dem Gründungsdirektor Johannes Cladders verknüpft ist.
Branscome sucht im Buch nach Lesarten dieser Architektur – in einem Gebäude, das dem Architekten aus Österreich den Pritzker-Preis eingebracht haben dürfte, obwohl Stadt und Museum bis dato um die richtige Beziehung zueinander ringen. Dabei schienen beide einst wie gemacht füreinander. Frank Gehry sagte in seiner Rede zur Eröffnung des Guggenheim-Museums 1997: „Bilbao würde es ohne Mönchengladbach nicht geben.“
Was der US-amerikanische Architekt damals im Baskenland bewirkte, hatte Hollein 15 Jahre zuvor am Niederrhein bereits vorgemacht. Sein Museum hob eine ins Straucheln geratene Industriestadt aufs Tableau internationaler Aufmerksamkeit. Schon Jahre vor der Fertigstellung besprach die Fachpresse das Gebäude rauf und runter. Zur Eröffnung 1982 kamen 20.000 Menschen. Besucherzahlen, zu denen in der Stadt damals nur der Fußballverein Borussia Mönchengladbach imstande war.
Allerdings zeigten sich schon damals Widersprüche, in die das Museum verstrickt war und nach wie vor ist. Eine lautstarke Gruppe protestierte gegen die 31,6 Millionen Deutschmark, die die Stadt für das Museum ausgab, während sie gleichzeitig Haus Zoar schloss. Der Betrieb der unweit des Museums gelegenen Diakonie für Obdachlose sei aufgrund von Budgetkürzungen nicht länger möglich gewesen. Den Demonstrant*innen gelang es, Beuys, der selbst mit einem prominenten Werk im Museum vertreten war, auf ihre Seite zu ziehen. Zumindest lieh sich der Künstler eine Spraydose, um „Haus Zoa (sic) must stay“ auf eine nahe Mauer zu schreiben.
Beuys war es auch, über den Hollein an Cladders und so indirekt zu seinem Auftrag für das Museum kam. Beide hatten in der Wiener Galerie nächst St. Stephan ausgestellt. 1967 tauchte Beuys vollkommen unverhofft vor Holleins Tür auf. Er wollte ihn an die Düsseldorfer Kunstakademie lotsen, wo Beuys bereits unterrichtete, und Hollein schließlich ebenfalls landete. Später verschaffte Beuys Hollein eine eigene Ausstellung bei Cladders, der zu diesem Zeitpunkt in Mönchengladbach noch das Mönchengladbacher Hausmuseum in der Bismarckstraße leitete.
Dieses Museum war in einem neogotischen bürgerlichen Wohnhaus untergebracht, das so gar nicht den Vorstellungen con Cladders entsprach, der seinen kuratorischen Ansatz in einem Essay als „Antimuseum“ beschrieb. In Beuys, von dem der Satz „Jeder ist ein Künstler“ stammt, und Hollein – „Alles ist Architektur“ – hatte er Verbündete gefunden, die mit ihm an einem Museum feilten, das nicht nur neutraler Hintergrund der Kunst bleiben, sondern vielmehr selbst zum Gegenstand der künstlerischer Praktik werden sollte.
Der Bau, der daraus entstand, lockt bis heute Architekt*innen und Kunstinteressierte an. Hollein entwarf eine Collage – Branscome liest es als „Land-Art in der Stadt“ – die sich mithilfe zahlreicher Bezüge in den Kontext einbettet und auf niedrigschwellige Weise Kunst als Teil der Stadt verorten sollte. Das Museum sollte mit dem urbanen Raum verwachsen, sich der Wahrnehmung als Kunsttempel verweigern. Das gelang Hollein gewissermaßen so sehr, dass Taxifahrer damals wie heute nicht wissen, wo sie Besucher*innen absetzen sollen, um zum Eingang zu gelangen.
Ein Grund dafür ist nicht zuletzt, dass die geplante direkte Wegeverbindung zur nahen Einkaufsmeile Hindenburgstraße nicht realisiert wurde. Eine Fußgängerbrücke führt zwar dorthin, endet aber ziemlich abrupt vor zwei Häuserzeilen. Hollein schlug vor, eine Passage durch die Erdgeschosse der Bauten zu führen. Bisher war das nicht gelungen. Nun aber lässt die Stadt die Bauten abreißen. Die Frage, ob das einer sorgfältigen Einbettung in eine bestehende Stadt tatsächlich entspricht, würde man zumindest heute anders beantworten.
Hans Hollein’s Masterpiece. Art, Architecture and the City
Eva Branscome
208 Seiten
Englisch
Lund Humphries, London 2025
ISBN 978-1-84822-715-6
49,99 £ (ca. 58 Euro)



