Um den Götterbaum geschwungen
Konservatorium in Massy von Dominique Coulon & Associés
Die Region um Paris erfährt seit den 2000er Jahren einen umfangreichen Transformationsprozess. Der Plan: monofunktionale Quartiere schrittweise zu gemischt genutzten, stärker vernetzten Stadtgebieten umzubauen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Stadt Massy etwa 15 Kilometer südlich des Stadtzentrums der französischen Hauptstadt. Hier haben Dominique Coulon & Associés (Straßburg) mit dem Conservatoire – École de Musique et de Danse einen kulturellen Neubau realisiert, der einen zentralen Baustein in der Umgestaltung des Quartiers Massy-Opéra bildet.
Massy-Opéra entstand zu großen Teilen in der Nachkriegszeit und ist demnach vor allem von großmaßstäblichem Wohnungsbau geprägt. 1993 realisierte die Stadt mit der Opéra de Massy bereits einen ungewöhnlichen kulturellen Bau. Das Opernhaus lag mitten in der Banlieue und wirkte damals fast wie ein Fremdkörper. Heute ist es längst etabliert und gab dem Quartier sogar seinen Namen. Seit 2009 wird das Umfeld im Rahmen der ZAC (Zone d’Aménagement Concerté) Franciades-Opéra nun sehr viel gezielter neu entwickelt.
Das Konservatorium wurde am 21. Juni 2025 – passend zur Fête de la Musique – eröffnet. Der entsprechende Wettbewerb war 2019 entschieden worden. Der Neubau liegt zwischen der Opéra de Massy und dem Parc de la Corneille. Er ersetzt die alte Musik- und Tanzschule, die nach rund 50 Jahren zu klein geworden war. Heute lernen, musizieren und tanzen hier mehr als 1.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Auf 2.500 Quadratmetern Fläche entstanden mehrere Räume für die musikalische Ausbildung und Praxis, drei Tanzstudios, ein 199 Quadratmeter großer Probenraum für das Orchester der Opéra de Massy sowie Empfangs-, Verwaltungs- und Nebenräume.
Dominique Coulon & Associés entwarfen ein kompaktes Volumen, das mit seiner Fassade aus rot eingefärbtem Sichtbeton einen markanten Akzent in der Monotonie der Banlieue setzt. Das zurückversetzte Erdgeschoss öffnet sich mit einer verglasten Fassade zum öffentlichen Raum. Darüber sitzt der rote, weitgehend geschlossene Baukörper. Entscheidend für dessen Formfindung war der große Götterbaum, der direkt vor der Eingangsfassade steht. Um diesen zu erhalten, weicht der Baukörper an dieser Stelle zurück und lässt die Fassade in einer geschwungenen Linie um den Baum herum verlaufen.
Im Inneren gruppieren sich die Räume um ein Atrium. Öffnungen verknüpfen die verschiedenen Ebenen miteinander und geben immer wieder Einblicke in die unterschiedlichen Aktivitäten des Konservatoriums. Schräg positionierte Treppenläufe erzeugen ein dynamisches Bild und nehmen Bezug auf die bewegungsorientierte Nutzung des Gebäudes.
Der große, zweigeschossige Saal im Untergeschoss kann sowohl für Theateraufführungen als auch für Orchesterproben genutzt werden. Auf der Eingangsebene befindet sich zudem eine kleine Tribüne, die auch informellen Aufführungen dient. Erdgeschoss und erstes Obergeschoss sind überwiegend der Musik gewidmet. Die Wände stehen hier bewusst nicht parallel zueinander, um Schallreflexionen und Nachhall zu reduzieren und damit bessere akustische Bedingungen zu schaffen, sagen die Architekt*innen.
Im dritten Obergeschoss befinden sich die Bereiche für den Tanz. Weiß-, Schwarz- und Rosatöne prägen die Räume. Auch im übrigen Gebäude findet sich eine kontrastreiche Farbpalette mit kräftigen Tönen à la Coulon wieder. Akustisch verfolgten die Architekt*innen verschiedene Konzepte: Während Unterrichtsräume und Erschließungsbereiche auf eine kontrollierte, eher trockene Akustik ausgelegt seien, gebe es im zentralen Bereich eine deutlich stärkere Nachhallzeit, heißt es in der Projektbeschreibung. Dadurch entstehen auch akustisch diverse Atmosphären innerhalb des Gebäudes.
Die Entwicklung der ZAC Franciades-Opéra ist noch nicht abgeschlossen. In naher Zukunft soll noch ein bestehendes Einkaufszentrum teilweise abgerissen und durch Wohnungen, Geschäfte sowie einen weitgehend fußgängerorientierten öffentlichen Raum ersetzt werden. Auch die Linie 18 des Grand Paris Express dürfte die Einbindung Massys in die Metropolregion weiter stärken. (dsm)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- Dominique Coulon & Associés
- Projektsteuerung:
- Dominique Coulon & Associés
- Team:
- Dominique Coulon, David Romero, Steve Letho Duclos, Lukas Unbekandt
- Tragwerksplanung:
- BET Gilbert Jost
- TGA:
- Solares Bauen
- Kostenplanung:
- E3 économie
- Akustikplanung:
- DB Silence
- Bauherrschaft:
- Paris Sud Aménagement
- Bauherrenvertretung:
- Cinq Huitièmes
- Fläche:
- 2.500 m²
Mehr zur Akustik in Musikunterrichtsräumen gibt es bei BauNetz Wissen.




