Zwischen Notfall und Baukultur
Wie Dresden die neue Carolabrücke plant
Die Stadt Dresden plant einen Neubau anstelle der 2024 eingestürzten Carolabrücke. Trotz hohem Zeitdruck geht sie im Vergabeverfahren neue Wege. Vier Teams haben in den letzten Monaten Entwürfe erarbeitet. Gestern gab ein Expertengremium sein Votum ab. Morgen öffnet das Meinungsforum.
Noch während 2025 die Brückenteile aus der Elbe geborgen wurden, beschloss der Stadtrat, bis 2031 eine neue Brücke zu errichten. Um ein zeitintensives Planfeststellungsverfahren zu vermeiden, entschied er sich für einen vierspurigen Ersatzneubau mit Anpassungen. Außerdem wurde ein Begleitgremium aus Mitgliedern des Stadtrats sowie Vertreter*innen von Kammern und Interessenverbänden installiert, das sich mit der Ausschreibung für die Planungsleistungen befasste.
Die Entscheidung darüber, wer mit der Planung beauftragt wird, sollte demnach nicht im Rahmen eines anonymen Realisierungswettbewerbs mit Ingenier*innen und Architekt*innen stattfinden, wie das bei derart stadtbildprägenden Bauten vielerorts üblich ist. Stattdessen gibt es einen Diskussionsprozess auf Basis einer Mehrfachbeauftragung. Die im Anschluss öffentlich ausgestellten Entwürfe werden von einem Expert*innen- und einem Begleitgremium sowie im Rahmen eines Bürgerdialogs bewertet, die dem Stadtrat Empfehlungen für die endgültige Entscheidung vorlegen. Dieses Zusammenwirken von Expert*innen- und Stadtrat sowie die frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit ist ebenso neu wie die Tatsache, dass die finale Entscheidung nicht von einem Fachgremium getroffen wird.
Entscheidung des Expertengremiums
Im September 2025 wurde die Ausschreibung veröffentlicht, im Dezember wurden vier Teams mit einer vergleichsweise detaillierten Ausarbeitung bis Phase 2 beauftragt. Gestern hat sich das Expertengremium unter Leitung von Steffen Marx einstimmig auf ein Ranking der eingereichten Brückenentwürfe geeinigt. Dabei wurden unter anderem die Kriterien Städtebau, Architektur, Denkmalschutz, Verkehr, Tragwerksplanung, Bauzeit, Kosten, Wirtschaftlichkeit und Genehmigungsfähigkeit berücksichtigt.
- 1. Platz: Leonhardt, Andrä und Partner LAP und Knight Architects
- 2. Platz: ARGE Fhecor Deutschland und TSSB Planungsgesellschaft
- 3. Platz: Schüßler-Plan Ingenieurgesellschaft und DKFS
- 4. Platz: Ingenieurbüro Grassl und gmp Architekten
Der Entwurf der Planergemeinschaft LAP und Knight Architects erfüllt nach Ansicht des Expertengremiums die umfangreichen Anforderungen und Restriktionen eines Ersatzneubaus am besten. Die gut gestaltete, schlanke sowie transparente Brückenkonstruktion füge sich angenehm zurückhaltend in die historische Dresdner Altstadt ein, heißt es in der Begründung. Zudem seien alle Nutzungsarten und -anforderungen sowohl auf als auch unter der Brücke und im Bereich der Widerlager sorgfältig erarbeitet und gelöst. Die gitterförmige Gestaltung der Voutenbereiche – also der angedeuteten Brückenbögen – erziele eine eigenständige Identität als „neue Dresdner Carolabrücke“ und schreibe so die Entwicklungsgeschichte beider Vorgängerbauten auf gelungene Weise fort.
[[bildstrecke:7|links]]Der Entwurf der ARGE Fhecor und TSSB schreibe in hervorragender Weise und ähnlich wie die erstplatzierte Brücke die Entwicklungsgeschichte der Carolabrücke fort, schreibt das Gremium. Besonders gelungen fand es die Referenz an die Bogenbrückenfamilie der Stadt und ihre Übersetzung. Die Gestaltung erschien jedoch etwas zu dominant und konkurrierend mit dem historischen Stadtbild. Das Tragwerkskonzept sei außerdem nicht ganz stimmig.
[[bildstrecke:10|links]]Das Team Schüßler-Plan und DKFS referenziere am stärksten auf die Carolabrücke 2.0 und verbleibe dadurch im Konzept der 70er Jahre, ohne die überragende Stringenz des Vorgängerbaus zu erreichen, heißt es in der Beurteilung des drittplatzierten Projekts. Die Brücke zeige zu wenig städtischen Charakter und füge sich typologisch nicht in das heutige Stadtzentrum ein. Die drei festen, aufgefächerten Brückenzüge erlaubten nur bedingt eine Weiterentwicklung des Verkehrskonzepts der Innenstadt. Das Projekt überzeugte jedoch als wirtschaftlichste Lösung und als gutes, instandhaltungsarmes Tragwerkskonzept.
[[bildstrecke:11|links]]Technisch gut durchdacht, aber städtebaulich nicht überzeugend befand das Expertengremium die Arbeit von Grassl und gmp. Es sah Ähnlichkeiten mit der zweitplatzierten Arbeit hinsichtlich des Grundgedankens des Tragwerks, fand das Ergebnis allerdings in der gestalterischen Umsetzung weniger gelungen. Die übergroßen Pfeiler als inszeniertes Gestaltungselement mit Aussichtsbastionen reduzierten die Sichtbeziehungen von den Elbufern auf die Stadt und verringerten die Aufenthaltsqualität unterhalb der Brücke deutlich, heißt es kritisch.
Votum der Öffentlichkeit
Das Ranking soll dem Begleitgremium zum Wiederaufbau der Carolabrücke und dem Stadtrat als fachliche Empfehlung und Entscheidungshilfe dienen. Von morgen, 13. Juni bis zum 19. Juli 2026 können alle Dresdner*innen und die Menschen aus der Region ihre Meinung zu den vier Entwürfen abgeben. Die Entwürfe und Videos der Planungsteams sind bereits online, das Abstimmungstool carolaVOTE wird zeitnah freigeschaltet. Am Donnerstag, 3. September 2026, soll der Stadtrat über die weitere Beauftragung eines Planungsteams entscheiden.
Derweil läuft die Debatte über die Anzahl der Fahrspuren. Nachdem sich der Stadtrat für eine vierspurige Version entschieden hatte, kritisierten die Opposition im Stadtrat, Verkehrswissenschaftler*innen, Fachleute, der ADFC und die Initiative Carolabrücke dies als autobahnähnliche Breite. Sie plädieren für weniger Fahrspuren zugunsten besserer Rad- und Fußwege. Man darf gespannt sein, wie sich dies im Bürger*innendialog abbildet. Offen ist bisher auch, welche Gewichtung den Empfehlungen der jeweiligen Gremien und des Bürger*innendialogs bei der finalen Entscheidung des Stadtrates zufällt.
Eines hat das besondere Vergabeverfahren aber in jedem Fall schon bewirkt: Obwohl die Zeit drängt, öffnet es die Diskussion über städtebauliche, denkmalpflegerische und mobilitätspolitische Fragen, lässt die Menschen nicht außen vor und vermittelt so die Rolle von Brücken als Identifikationsorte einer Stadtgesellschaft und ihre Bedeutung für die Schönheit einer Stadt. Damit schreibt Dresden Baukulturgeschichte.








