Landsitz aus dem Boden gestampft
Tuckey Design Studio in der Grafschaft Wiltshire
Dies ist ein Haus, das problemlos in einer Architektur-Doku eines beliebigen Streaming-Dienstes laufen könnte. Titel der Folge: „Das Haus, das aus der Landschaft wuchs“ oder „Landhaus neu erfunden“ oder „Pur, Natürlich, Majestätisch“. Allesamt Beschreibungen, die der Pressetext von Tuckey Design Studio (London/Andermatt) aufführt, die das Projekt in der zeremoniellen Grafschaft Wiltshire im Süden Englands entworfen haben.
Was der Text leider nicht verrät, ist, für wen oder zumindest wie viele Menschen dieses Anwesen errichtet wurde. Nur so viel: Die Herausforderung habe darin bestanden, die Architektur mit dem sehr facettenreichen Leben und den Besitztümern der Kunden in Einklang zu bringen, so Emily Todhunter vom Todhunter Earle Interiors (London). Noch bevor die Eigentümer*innen das 63 Hektar große Gelände samt ehemaliger Ziegelei gekauft hatten, sprachen sie mit den Planer*innen über Konzepte für die Neuinterpretation eines englischen Landhauses.
Eine entsprechend stattliche Menge an Räumen besitzt das Rammed Earth House. Sechs Schlafzimmer, fünf Bäder, diverse Wohnbereiche, Rückzugsecken und ein gesonderter Küchen- und Speisetrakt im Zentrum lassen sich im Grundriss ausmachen. Allerdings sollte das „traditionelle Landhauskonzept“, das sich von der Außenwelt eher abschottet, in sein Gegenteil gewendet werden. So setzt sich das Projekt aus mehreren kleinen Baukörpern zusammen, durchsetzt mit Höfen und gezielten Öffnungen. Aus der Ferne erinnert das Ensemble aus zusammengeschobenen Giebel- und Pultdächern ein wenig an das Condominium 1 auf der Sea Ranch in Kalifornien von Moore, Lyndon, Turnbull, Whitaker (MLTW).
Die Architekt*innen um Bürogründer Jonathan Tuckey und die Eigentümer*innen teilen ihre Wertschätzung für Jun’ichirō Tanizakis Essay „In Praise of Shadows“ über japanische Ästhetik. Interessanterweise steuerte Charles W. Moore (zu dem im vergangenen Jahr eine eigenständige Publikation erschien) der englischen Übersetzung ein Vorwort bei. Tanizakis Gedanken, schreiben die Architekt*innen, seien prägend für die Innenraumgestaltung gewesen. Die Stampflehmbauweise besitze „eine elementare Schönheit, die die Arbeit des Machens offenlege“, so Projektleiter Emaad Damda. Zudem erlaube sie Nischen, die sich etwa für Sitzgelegenheiten oder Einrichtungsgegenstände anbieten.
Auf dem Grundstück befanden sich zuvor mehrere, verstreute Bestandsbauten. Nur einige wenige der viktorianischen Ziegelhäuser erhielten Bauherrschaft und Architekt*innen. Dafür nutzten sie das Abbruchmaterial, um es dem Lehm beizumischen, der sich in großen Mengen aus dem Geländeboden gewinnen ließ. Gemeinsam mit Lehm Ton Erde Baukunst um Martin Rauch, der erst kürzlich sein Experimentierlabor in Vorarlberg erweiterte, arbeiten Tuckey Design daran, möglichst keinen Zement oder Kalk einzusetzen. Beides wird Stampflehm häufig als Stabilisator beigefügt.
Die verwendete Mischung – zu je einem Viertel aus Ton, zerkleinerte Ziegel- und Betontrümmern, lokal verfügbarem Kalksteinkies und Wasser – ließen die Architekt*innen zu bis zu einem Meter dicken, monolithischen Wänden stampfen. Innen sorge eine Kaseinbeschichtung nicht nur für den Schutz der Trümmerzuschläge, sondern schaffe auch glänzende Oberflächen und minimiere Staub, schreiben Tuckey Design. Ein Anwesen über 810 Quadratmeter Fläche wäre anderenfalls aber auch ziemlich aufwendig sauber zu halten. (mh)
- Fertigstellung:
- 2024
- Architektur:
- Tuckey Design Studio
- Projektleitung:
- Emaad Damda, James Moore
- Team Architektur:
- Emma Carroll, Emaad Damda, Ross Langtree, James Moore, Karolina Szlauer, Jonathan Tuckey, Molly Wheeler
- Innenarchitektur:
- Todhunter Earle Interiors
- Statik:
- Webb Yates Engineers
- Landschaftsarchitektur:
- Pip Morrison
- Lehmbau:
- Lehm Ton Erde
- Bauherrschaft:
- privat
- Fläche:
- 810 m² Bruttogrundfläche
- Auszeichnungen:
- RIBA Regional Awards



