Schichten eines Bauernhauses
Umbau von Marazzi Reinhardt bei Winterthur
Der Entwurf dieses Umbaus muss einem dreidimensionalen Puzzlespiel geglichen haben. In der ländlichen Peripherie Winterthurs bastelte das lokal ansässige Büro Marazzi Reinhardt einer privaten Bauherrschaft drei Mietwohnungen in ein altes Bauernhaus. Entstanden ist ein Sammelsurium an historischen Schichten, Materialien und verschachtelten Räumen.
Der Bestandsbau liegt an der Rumstalstraße, die sich von Winterthur gen Westen durch Wald- und Wiesenhänge schlängelt. Gerade mal sechs, sieben Gebäude zählt der Weiler, zu dem es gehört. Historisch wurde in dem denkmalgeschützten Bauernhaus sowohl gewohnt als auch Landwirtschaft betrieben. Der Stadt Winterthur nach soll diese Mischung erhalten bleiben. Zumindest fordert sie, dass bestehende Nebenbauten wie Lager, Ställe oder Scheunen in sogenannten Weilerzonen weiterhin der Arbeit dienen.
Marazzi Reinhardt kombinierten daher jede der drei Wohnungen mit einem Atelierraum, der auch separat zugängig ist. Die Einheiten greifen in- und übereinander, wodurch im besten Sinne verwinkelte Raumfolgen entstehen. Selbst Architektin Lisa Sallenbach, die an der Planung beteiligt war, muss sich immer wieder aufs Neue orientieren, sagt sie am Telefon. Zumal die zwischenzeitlich gewechselten Mieter*innen die Räume durchaus unterschiedlich auslegen und bespielen würden. Bei einer Besichtigung müsste man wohl achtgeben, niemanden zu verlieren. Wollen wir es versuchen.
Die zur Straße gelegene, größte Wohnung beginnt ebenerdig neben ihrem Werkraum, der seine alten Holztore und die typisch dunkle Bretterschalung behalten hat. Von dort geht es hinauf in die kleine Küche – zwar der niedrigste Raum, aber dennoch der Mittelpunkt. Treppe und ein Luftraum führen weiter hinauf zum Dachgeschoss, Durchgang und Durchreiche hingegen hinüber zum anliegenden Wohnbereich. Der ist – man kann es sich denken – kein einfaches Zimmer. Stattdessen besitzt der doppelgeschossige Raum eine Empore und Öffnungen in sämtliche Richtung. Die Sicht auf die Reben den Hang hinauf gibt eine vierteilige Fensterreihe frei. Ein Balkon, versteckt unterm tiefgezogenen Dach und hinter altem Außenwandgebälk, schafft durch seinen Gitterrostboden eine Verbindung nach unten.
Oben in der giebelförmigen Innenwand hocken derweil noch zwei weitere Fenster zum Rest dieser Wohnung. Sie belegt nämlich auch das gesamte Dachgeschoss – freilich mit verschiedenen Bodenniveaus. Hier befinden sich unter offenliegenden Dachbalken die Schlafzimmer und das Bad. Zu letzterem führt auch eines der beiden internen Fenster und erlaubt heimliche Blicke von der Badewanne aus in den Wohnbereich. Oder – fast hätten wir es übersehen – Aussicht auf die Reben durch das rautenförmige Fenster zur Straße.
Die anderen zwei Wohnungen, die beide zur abfallenden Hangseite liegen, sind etwas einfacher organisiert. Wobei: Im neu errichteten Anbau kreuzen sich ihre Ateliers in der Vertikalen. Der Arbeitsraum im Erdgeschoss gehört zur ansonsten im Untergeschoss angeordneten Einheit – und andersherum. Ebenso vielfältig wie die Raumzuschnitte ist auch die Liste der Materialien: Sichtbeton, Seekiefer-Verkleidung, Stahlgeländer, geschliffene Anhydritböden, um nur einige aufzuzählen.
Ohnehin finden sich im Haus ja auch diverse erhaltene Bauteile. Die bestehenden Geschossdecken etwa mussten die Architekt*innen für Schall- und Brandschutz sowie Tragfähigkeit ertüchtigen, wozu sie zwischen die bestehenden Balken zusätzliche einbauten. Und außen lässt die Kombination aus roter Lattenfassade am Anbau, verwittertem Holz am Bestand, Fachwerk und alten Eingangstüren schon erahnen, was einen innen erwartet. (mh)
- Fertigstellung:
- 2024
- Architektur:
- Marazzi Reinhardt
- Team Architektur:
- Lisa Sallenbach, Vendula Urbanova, Eva Aregger, Alexandros Sarantaenas, Sebastian Blüml
- Bauingenieur:
- Oberli Ingenieurbüro AG (inzwischen: Hochkant Ingenieurbüro)
- Holzbau:
- Krattiger Engineering
- Bauphysik:
- BWS Bauphysik
- Bauherrschaft:
- privat




