Denkmalschutz im Klimawandel
Zum Wettbewerb um die Neugestaltung der Ludwigstraße in München
Denkmalschutz im Klimawandel
Zum Wettbewerb um die Neugestaltung der Ludwigstraße in München
In München soll die Ludwigstraße umgebaut und an den Klimawandel angepasst werden. Das Wettbewerbsergebnis alarmiert den Denkmalschutz. Der Konflikt weist weit über München hinaus.
Die von Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner im 19. Jahrhundert angelegte Münchner Ludwigstraße gehört zu den Prachtstraßen von München. Gesäumt wird sie von Bauten einer Zeit, in der König Ludwig I. seine Vorliebe für Italien manifestierte. Heute präsentiert sich die vom Odeonsplatz zum Siegestor verlaufende Achse als sechsspurig versiegelter, vom Autoverkehr dominierter und an heißen Tagen stark aufgeheizter Streifen der Innenstadt.
Im Rahmen eines freiraumplanerischen Wettbewerbs suchte die Stadt München deshalb Ideen für eine klimaangepasste Neugestaltung mit Entsiegelung und Begrünung inklusive Bäumen. Zwischen den repräsentativen, historischen Gebäuden soll laut Auslobung eine „Flaniermeile von höchster Qualität und Attraktivität für die Stadtgesellschaft und Gäste aus aller Welt“ entstehen. Die Ausloberin erwartet, heißt es dort weiter, dass die Anforderungen des Denkmalschutzes und notwendige wirksame Maßnahmen zur Klimaanpassung in Einklang gebracht werden.
Auslöser für den Wettbewerb sind zwei Infrastrukturprojekte. Die Münchner Verkehrsgesellschaft und die Stadtwerke planen den Umbau der U-Bahnhaltestelle Odeonsplatz, danach muss die Straßenoberfläche ohnehin wiederhergestellt werden. Zudem erlaubt eine neue Verkehrsführung über den Oskar-von-Miller-Ring, die Fahrspuren der südlichen Ludwigstraße von sechs auf zwei zu reduzieren. Dadurch möchte man mehr Fläche für Fußgänger*innen, Radverkehr, Busse, Begrünung und Aufenthalt gewinnen.
Vom Transit- zum Aufenthaltsraum
Auf Basis einer Verkehrsplanung sollten die Wettbewerbsteams also den rund einen Kilometer langen Straßenraum freiraumplanerisch und städtebaulich gestalten. Der Realisierungsteil umfasste den Odeonsplatz und den südlichen Abschnitt der Ludwigstraße bis zur Von-der-Tann-Straße, insgesamt etwa 15.000 Quadratmeter. Der Ideenteil, rund 45.000 Quadratmeter, bezog den Platz vor der Feldherrnhalle sowie die Ludwigstraße bis zum Geschwister-Scholl- und Professor-Huber-Platz vor der Ludwig-Maximilians-Universität mit ein.
Auslöser für den Wettbewerb sind zwei Infrastrukturprojekte. Die Münchner Verkehrsgesellschaft und die Stadtwerke planen den Umbau der U-Bahnhaltestelle Odeonsplatz, danach muss die Straßenoberfläche ohnehin wiederhergestellt werden. Zudem erlaubt eine neue Verkehrsführung über den Oskar-von-Miller-Ring, die Fahrspuren der südlichen Ludwigstraße von sechs auf zwei zu reduzieren. Dadurch möchte man mehr Fläche für Fußgänger*innen, Radverkehr, Busse, Begrünung und Aufenthalt gewinnen.
Vom Transit- zum Aufenthaltsraum
Auf Basis einer Verkehrsplanung sollten die Wettbewerbsteams also den rund einen Kilometer langen Straßenraum freiraumplanerisch und städtebaulich gestalten. Der Realisierungsteil umfasste den Odeonsplatz und den südlichen Abschnitt der Ludwigstraße bis zur Von-der-Tann-Straße, insgesamt etwa 15.000 Quadratmeter. Der Ideenteil, rund 45.000 Quadratmeter, bezog den Platz vor der Feldherrnhalle sowie die Ludwigstraße bis zum Geschwister-Scholl- und Professor-Huber-Platz vor der Ludwig-Maximilians-Universität mit ein.
Entwürfe von zwölf Landschaftsarchitekturbüros waren eingegangen. Betreut wurde der Wettbewerb von bgsm Architekten Stadtplaner aus München. Das Preisgericht unter Vorsitz von BAK-Präsidentin Andrea Gebhard hatte zunächst fünf Projekte in die engere Wahl genommen und drei davon um Überarbeitung gebeten. Als Fachpreisrichter*innen saßen die Landschaftsarchitekt*innen Timo Herrmann, Birgit Kröniger, Tilman Latz, Günther Vogt und Udo Weilacher sowie Architekt und Stadtplaner Reiner Nagel und Mathias Pfeil, Generalkonservator im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, in der Jury. Im Mai fiel die Entscheidung wie folgt:
- 1. Preis: MDP Michel Desvigne Paysagiste (Paris) mit PCA-STREAM (Paris)
- 2. Preis: TOPOTEK 1 (Berlin)
- 3. Preis: IMI Levin Monsigny, Landschaftsarchitekten (Berlin)
- Anerkennung: studioB Landschaftsarchitektur (München)
- Anerkennung: raum + zeit Landschaftsarchitektur Stadtplanung (Landshut)
Michel Desvigne Paysagiste mit PCA-STREAM (1. Preis) verstehen die Ludwigstraße als zusammenhängenden „städtischen Saalplatz“ und wollen einen Teil mit einem parkettartig gestalteten Teppich aus Natursteinplatten hervorheben. Sie setzen außerdem trittsteinförmige Baumhaine in den Straßenraum. Während die historischen Fassaden zwischen den Baumgruppen sichtbar bleiben, entstehen räumlich gefasste Inseln zum Sitzen und Flanieren. Der Entwurf biete sehr flexible Ausgestaltungs- und Nutzungsmöglichkeiten bei Wahrung eines durchgängigen, robust gestalterischen Ansatzes, der der Bedeutung des Ortes angemessen sei. Aus denkmalpflegerischer Sicht habe der Entwurf noch einen hohen Anpassungsbedarf, urteilte die Jury.
TOPOTEK 1 (2. Preis) entwickeln eine landschaftlich-szenografische Folge, die sich auf die Tradition des englischen Landschaftsgartens bezieht. Mit verschieden großen und dichten Baumgruppen reagieren sie auf die jeweils angrenzende Architektur, straßenbegleitende Beete sollen Distanz zu den Fahrbahnen schaffen. Die Anzahl der Baumpflanzungen im Realisierungsteil, vor allem am Odeonsplatz, sei relativ gering, befand die Jury. Der Bereich um das Reiterdenkmal und vor dem Basargebäude sei auch nach der Überarbeitung gestalterisch unbefriedigend. Aus denkmalpflegerischer Sicht beschrieb das Preisgericht den Entwurf als „diskussionsfähigen“ Beitrag.
Im Vergleich zum Siegerprojekt erscheint der Vorschlag von Levin Monsigny (3. Preis) eher als architektonisch gefasste Interpretation des Boulevards. Im Realisierungsteil am Odeonsplatz werden zurückhaltende, fast schon minimalistische Maßnahmen vorgeschlagen, wie die Ergänzung einer Baumreihe vor dem Basargebäude und die behutsame Aufwertung der Grünfläche vor den Ministerien, heißt es in der Beurteilung der Jury. Sie würdigte den „respektvollen Ansatz, ihren Pragmatismus und die Erfüllung wesentlicher Funktionen“, vermisste jedoch „mehr Mut und Prägnanz bei der Gestaltung der Straßen- und Platzräume“.
Denkmalschutz im Klimawandel
Die mit dem Wettbewerb begonnene Suche nach einem neuen Verhältnis zwischen Verkehr, Denkmalpflege, Stadtklima und öffentlichem Leben hat zugleich auch einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Konflikt offenbart: Die Bekanntgabe der Juryentscheidung befeuerte eine intensive Debatte über die Vereinbarkeit von Denkmalschutz und klimagerechtem Stadtumbau aus.
In einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung mit dem treffenden Titel „Kahle Pracht oder kühler Park“ sagte Jurymitglied Mathias Pfeil, dass die Ludwigstraße einst bewusst als Monumentalachse, also ohne Bäume, angelegt worden sei, dass Klima- und Denkmalschutz hier nur schwer miteinander in Einklang zu bringen seien. Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) hingegen sieht keinen Gegensatz. Bei einem gehe es um den Schutz unseres kulturellen Erbes, also unserer Vergangenheit, beim anderen um eine lebenswerte Stadt. Das dürfe kein Entweder-oder sein, sagte er gegenüber der SZ.
Für den Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Adrian von Buttlar war die Aufgabenstellung von vornherein falsch, schreibt er bei marlowes.de. Man werde den Eindruck nicht los, dass die Klimaangst willkommener Anlass zu einer semantischen Um- und Abwertung der noch immer wirkmächtigen Prachtstraße ist, die sich als demokratische Aneignung eines ideologisch verdächtigen Erbes versteht.
„Im Siegerentwurf wird der Odeonsplatz mit dem Reiterdenkmal des Königs […] in eine riesige Buddelkiste verwandelt, damit unsere Kleinsten nicht zu heimlichen Monarchisten oder am Ende gar zu Nazis mutieren.“, so von Buttlar.
Es gehe heute darum, die materielle Erhaltung (kunst)geschichtlicher Zeugnisse heute und in Zukunft möglich zu machen, alle diskursabhängigen Ambivalenzen der Denkmalbotschaften und ihrer Schöpfer auszuhalten und zu reflektieren. Anstatt die historische Achse mit Baumgruppen zu besetzen schlägt von Buttlar vor, die Höfe, Brachen und Nebenstraßen extensiv zu begrünen und die Ludwigstraße als authentische architektonische „Traditionsinsel“ zu belassen.
Exemplarischer Konflikt
Angesichts dieser Argumente liest sich das Münchner Wettbewerbsergebnis als Wegmarke eines politischen und denkmalpflegerischen Aushandlungsprozesses, der weit über München hinaus strahlt. Wie sich historische Stadträume an die Auswirkungen des Klimawandels anpassen lassen, beschäftigt aktuell viele europäische Städte. Der Berliner Gendarmenmarkt zum Beispiel bleibt nach dem Einbau eines unterirdischen Regenwassermanagements weiterhin baumfrei und wird als „Steinwüste“ kritisiert. In Wien entbrannte ein Streit um die Neugestaltung des Michaelerplatzes mit Beeten. Die angrenzenden Bauten sind teils denkmalgeschützt. Und in Paris soll sich der Welterbe- und denkmalgeschützte Verkehrskreisel Place de la Concorde laut Wettbewerbsentscheid in eine Gartenanlage verwandeln.
Ob in München tatsächlich ein überzeugender „Saalplatz“ entsteht oder ob die Baumhaine die bauliche Kulisse schwächen, wird sich erst in den weiteren Planungsphasen zeigen. Das Preisgericht jedenfalls hat den Siegerentwurf für die Realisierung empfohlen. Die Stadt wird mit allen drei Preisträgern verhandeln, eine schrittweise Beauftragung ist vorgesehen. Laut Baureferentin Jeanne-Marie Ehbauer wird die Verwaltung dem Stadtrat einen Vorschlag zum weiteren Vorgehen unterbreiten.
Denkmalschutz im Klimawandel
Die mit dem Wettbewerb begonnene Suche nach einem neuen Verhältnis zwischen Verkehr, Denkmalpflege, Stadtklima und öffentlichem Leben hat zugleich auch einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Konflikt offenbart: Die Bekanntgabe der Juryentscheidung befeuerte eine intensive Debatte über die Vereinbarkeit von Denkmalschutz und klimagerechtem Stadtumbau aus.
In einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung mit dem treffenden Titel „Kahle Pracht oder kühler Park“ sagte Jurymitglied Mathias Pfeil, dass die Ludwigstraße einst bewusst als Monumentalachse, also ohne Bäume, angelegt worden sei, dass Klima- und Denkmalschutz hier nur schwer miteinander in Einklang zu bringen seien. Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) hingegen sieht keinen Gegensatz. Bei einem gehe es um den Schutz unseres kulturellen Erbes, also unserer Vergangenheit, beim anderen um eine lebenswerte Stadt. Das dürfe kein Entweder-oder sein, sagte er gegenüber der SZ.
Für den Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Adrian von Buttlar war die Aufgabenstellung von vornherein falsch, schreibt er bei marlowes.de. Man werde den Eindruck nicht los, dass die Klimaangst willkommener Anlass zu einer semantischen Um- und Abwertung der noch immer wirkmächtigen Prachtstraße ist, die sich als demokratische Aneignung eines ideologisch verdächtigen Erbes versteht.
„Im Siegerentwurf wird der Odeonsplatz mit dem Reiterdenkmal des Königs […] in eine riesige Buddelkiste verwandelt, damit unsere Kleinsten nicht zu heimlichen Monarchisten oder am Ende gar zu Nazis mutieren.“, so von Buttlar.
Es gehe heute darum, die materielle Erhaltung (kunst)geschichtlicher Zeugnisse heute und in Zukunft möglich zu machen, alle diskursabhängigen Ambivalenzen der Denkmalbotschaften und ihrer Schöpfer auszuhalten und zu reflektieren. Anstatt die historische Achse mit Baumgruppen zu besetzen schlägt von Buttlar vor, die Höfe, Brachen und Nebenstraßen extensiv zu begrünen und die Ludwigstraße als authentische architektonische „Traditionsinsel“ zu belassen.
Exemplarischer Konflikt
Angesichts dieser Argumente liest sich das Münchner Wettbewerbsergebnis als Wegmarke eines politischen und denkmalpflegerischen Aushandlungsprozesses, der weit über München hinaus strahlt. Wie sich historische Stadträume an die Auswirkungen des Klimawandels anpassen lassen, beschäftigt aktuell viele europäische Städte. Der Berliner Gendarmenmarkt zum Beispiel bleibt nach dem Einbau eines unterirdischen Regenwassermanagements weiterhin baumfrei und wird als „Steinwüste“ kritisiert. In Wien entbrannte ein Streit um die Neugestaltung des Michaelerplatzes mit Beeten. Die angrenzenden Bauten sind teils denkmalgeschützt. Und in Paris soll sich der Welterbe- und denkmalgeschützte Verkehrskreisel Place de la Concorde laut Wettbewerbsentscheid in eine Gartenanlage verwandeln.
Ob in München tatsächlich ein überzeugender „Saalplatz“ entsteht oder ob die Baumhaine die bauliche Kulisse schwächen, wird sich erst in den weiteren Planungsphasen zeigen. Das Preisgericht jedenfalls hat den Siegerentwurf für die Realisierung empfohlen. Die Stadt wird mit allen drei Preisträgern verhandeln, eine schrittweise Beauftragung ist vorgesehen. Laut Baureferentin Jeanne-Marie Ehbauer wird die Verwaltung dem Stadtrat einen Vorschlag zum weiteren Vorgehen unterbreiten.
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Im Norden, Westen und Süden stehen eine ganze Menge Bäume, die im Süden sind noch klein, werden aber wachsen.