24.05.2023

Über Mauern schauen

Die besten Länderpavillons in Giardini und Arsenale

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Sinnlich und asketisch: Im belgischen Pavillon stellen das Architekturkollektiv Bento und die Philosophin Vinciane Despret Myzelien als Baumaterial vor.

Wer die Architektur in der Hauptausstellung vermisst, wird in den Länderpavillons der diesjährigen Biennale auf jeden Fall fündig. Das Niveau ist durchgängig hoch, gerade bei den drei deutschsprachigen Pavillons, die griffige Themen formulieren und auf eingängige Präsentationen setzen. Doch natürlich gibt es noch viel mehr zu entdecken.

Von Gregor Harbusch

Es dürfte sich bereits herumgesprochen haben: Der Deutsche Pavillon auf der diesjährigen Architekturbiennale ist unbedingt einen Besuch wert. Aber auch die deutschsprachigen Nachbarländer Schweiz und Österreich überzeugen mit klaren Gesten. Interessanterweise drehen sich beide Pavillons um das Thema Öffnung.

Bei dem von AKT und Herman Czech kuratierten Österreichischen Pavillon geht es ganz konkret um das Überwinden der Mauer, die das Biennale-Gelände von der Stadt und ihren Bewohner*innen trennt. Diese physisch zu durchbrechen, wurde von Seiten der Biennale und der venezianischen Ämter leider untersagt. Gezeigt werden deshalb die geplanten Einbauten für die Nachbarschaft, ein Brückenfragment sowie Forschungsergebnisse zur „Landnahme“ der Institution Biennale seit dem 19. Jahrhundert. Mit dem deutschen Beitrag teilen die Österreicher*innen das Interesse an einer Integration der lokalen Bevölkerung Venedigs.

Die Kurator*innen des Schweizer Pavillons, Philip Ursprung und Karin Sander, hatten es bei ihrer Intervention einfacher. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass der von Bruno Giacometti gebaute Schweizer Pavillon und der direkt danebenstehende Venezolanische von Carlo Scarpa die einzigen Bauten sind, die durch eine Mauer im Außenbereich baulich miteinander verbunden sind. Diese Mauer wurde rückgebaut und aus den Steinen wurden Bänke geformt. Eine schöne Geste, die beim autoritär regierten Nachbarn Venezuela jedoch keinen Widerhall fand.

Der Goldene Löwe für den besten Länderpavillon ging an den von Gabriela de Matos und Paulo Tavares verantworteten Brasilianischen Pavillon. Stampflehm und helle, leichte Stoffe stecken dort den räumlichen und sensorischen Rahmen ab, innerhalb dessen Fragen der Wiedergutmachung gegenüber der indigenen und Schwarzen Bevölkerung Brasiliens verhandelt werden. Demgegenüber dürfte die Besondere Erwähnung für den Britischen Pavillon bei den meisten Beobachter*innen durchaus Fragen provoziert haben. Viele würden wohl eher an den Belgischen Pavillon denken, der auf asketische, sehr sinnliche und angenehm philosophische Weise das Bauen mit Pilzstrukturen inszenierte. Oder an den Israelischen Pavillon, in dem es um die Materialität der Digitalisierung geht. Wenige Elemente und ein knapper Text genügen den Kurator*innen, um von der israelischen Situation ausgehend ein global relevantes Thema zu diskutieren. Raum wird hier sowohl architektonisch aber auch geopolitisch thematisiert.

Seit vielen Jahren war die Ukraine nicht mehr auf der Architekturbiennale präsent. Nun ist sie sowohl in den Giardini als auch im Arsenale vertreten. In den Giardini haben die Ukrainer*innen – geradezu provokativ zwischen der Präsentation von Hauptsponsor Rolex und dem bezaubernden Buchpavillon – einen wuchtigen landschaftsarchitektonischen Eingriff realisiert, der zwischen militärischem Schutzwall und entspanntem Rückzugsort changiert. Im Arsenale gibt es einen dunklen, ganz in Grau gehaltenen Raum mit bunkerartig niedriger Decke, in der nur ein programmatischer Text zu lesen ist. Thema ist das Erzählen von Geschichten als hoffnungsvolle Praxis einer besseren Zukunft. Der Schwerpunkt liegt auf Veranstaltungen.

Länderpavillons im Arsenale

Die Länderpavillons im Arsenale haben es traditionell etwas schwerer, die volle Aufmerksamkeit der Besucher*innen zu bekommen, da sie hinter der großen Hauptausstellung liegen. Völlig zu Unrecht, wie bereits ein kurzer Blick auf einige Beispiele belegt. Ein spezifisches Thema der architektonischen Berufspraxis wird im Tschechischen Pavillon angesprochen, in dem es um die oftmals prekären Arbeitsbedingungen geht, mit denen insbesondere Berufseinsteiger*innen konfrontiert sind.

Slowenien zeigt in einer gepflegten Inszenierung aus hellem Holz und beigen Stoffbahnen vernakuläre Elemente klimaresilienten Bauens. Die Präsentation lässt die Herzen aller Architekt*innen höher schlagen, die Low-Tech-Ansätzen zuneigen und in altem, erprobtem Wissen Potenziale für das „Labor der Zukunft“ sehen. Der Mexikanische Pavillon wurde in einen einladenden, knallig bunten Basketballplatz verwandelt, der zum Pausieren bei einem Kaffee oder Mezcal einlädt. Fast nebenbei erfährt man dort von der emanzipatorischen Aneignung solcher Sportplätze durch die indigene Bevölkerung des Landes.

Überzeugend wie in den letzten Jahren zeigt sich der Applied Arts Pavillon. Hinter dem Namen verbergen sich vom Victoria & Albert Museum in London verantwortete Ausstellungen. Dieses Jahr geht es um „Tropical Modernism“ in Ghana und die hochinteressanten Wechselbeziehungen zwischen dem westafrikanischen Land und dem ehemaligen Kolonialherren Großbritannien im Kontext der Dekolonialisierung. Die Präsentation in Venedig bildet den Auftakt einer großen Ausstellung, die 2024 in London eröffnet.

Anders als bei vielen früheren Biennalen lohnt es sich, ganz am Ende des Arsenale und trotz potenzieller Erschöpfung einen frischen Blick in den großen Italienischen Pavillon zu werfen. Er ist dieses Jahr im besten Sinne halbleer und stellt neun Installationen junger Büros vor. Diese verweisen auf Projekte, die in Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Gruppen im ganzen Land umgesetzt wurden und werden.