Buchtipp: Trial-and-Error in der Baukunst
Historische Tragkonstruktionen. Von der Antike bis zur Moderne
„Die allermeisten historischen Bauwerke dürften nach aktuellen Regelwerken gar nicht existieren.“ Dieser Satz in der Einleitung des Bandes Historische Tragkonstruktionen. Von der Antike bis zur Moderne lässt aufhorchen. Die Zuspitzung von Herausgeber Jörg Rehm erweist sich während der Lektüre gleichermaßen als präzise Diagnose und ironischer Kommentar.
Bauwerke wie der Dogenpalast, die Hagia Sophia oder das Pantheon behaupten sich mit einer Selbstverständlichkeit im Stadtraum, als seien sie jeder Zeit enthoben. Ihre Präsenz verdanken sie nicht zuletzt ihren Tragkonstruktionen, obwohl zur Entstehungszeit weder normierte Berechnungsverfahren noch standardisierte Regelwerke existierten. Konstruktionen entstanden viel mehr aus Erfahrung und Kenntnis des Materials, durch Weitergabe handwerklichen Wissens und etlichen Schleifen von Versuch und Irrtum.
Der gelernte Zimmerer, Architekt und Bauforscher Rehm will mit dem reich bebilderten Band mehr Verständnis für historische Tragkonstruktionen aus Sicht der heutigen Baupraxis und Denkmalpflege schaffen. Dafür spannt er einen Bogen von der Antike bis ins frühe 20. Jahrhundert und konzentriert sich primär auf den mitteleuropäischen Raum. Neben Rehm sind neun weitere Autor*innen aus Architektur, Bauingenieurwesen und Bauforschung beteiligt, darunter auch Christian Kayer, der 2024 selbst eine Publikation zu ähnlichem Thema veröffentlichte.
Der Aufbau ist klar gegliedert, beinahe lexikalisch. Die Hauptkapitel folgen Materialepochen – Holzbau, Mauerwerksbau, Eisenbau und Eisenbetonbau – und betrachten jeweils den Werkstoff, Fügetechniken, Tragmechanismen, Tragwerkstypen und Gefährdungen. Ergänzt wird der Band durch Exkurse zu den Prinzipien des Ingenieurwesens, Untersuchungs- und Dokumentationsmethoden sowie zur Bestandserhaltung. Skizzen, Schemata, historische Darstellungen und Fotografien – sämtlich in Schwarzweiß – begleiten das Ganze.
Am Kapitelende stehen jene Bauwerke, die das kollektive Gedächtnis der Baukunst prägen – gewissermaßen die Crème de la Crème beispielhafter Konstruktionen. Erläutert werden unter anderem der Crystal Palace, die Kathedrale Santa Maria del Fiore, die St Paul’s Cathedral oder die Turmbauwerke von Vladimir Šuchov. Hier verdichten sich Material, Tragwerk und historischer Kontext zu exemplarischen Studien. Deutlich wird, wie eng architektonische Form und statisches Prinzip zusammenhängen. Und, dass konstruktive Innovation meist aus konkreten Herausforderungen entsteht.
Ein Vorwort von Florian Nagler fasst den Bezug zur Gegenwart. Historische Bauten zeichneten sich häufig durch einen sparsamen Einsatz überwiegend natürlicher Ressourcen aus und überdauerten Jahrhunderte, teils Jahrtausende. Die bauliche Entwicklung der letzten hundert Jahre hingegen sei häufig dem Paradigma des „höher, größer, weiter“ gefolgt. Das Buch lässt sich so auch als Einladung verstehen, das gegenwärtige Bauwesen mit Blick auf Übertechnisierung und verhältnismäßig kurzlebige Konstruktionen kritisch zu reflektieren.
Text: Gertje Koslik
Historische Tragkonstruktionen. Von der Antike bis zur Moderne
Jörg Rehm (Hg.)
304 Seiten
Deutsch
Birkhäuser Verlag, Basel 2025
ISBN 978-3-0356-2929-3
68 Euro
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