Buchtipp: Bunkerarchäologie
Neuauflage von Paul Virilios Klassiker
Natürlich ist dieses Buch nichts Neues, im Gegenteil. Es hält sich akribisch an die Originalversion, die der 2018 verstorbene Philosoph Paul Virilio anlässlich der ersten Ausstellung seiner „Bunkerarchäologie“ 1975 im Musée des arts décoratifs in Paris veröffentlichte. Es sind die gleichen Texte, in einer vorzüglichen deutschen Übersetzung von Bernd Wilczek, und vor allem sind es dieselben Bilder in der gleichen Reihenfolge und Platzierung des Originals. Was hätte man auch ändern sollen? Es ist eine perfekte Publikation, bis heute.
Überraschend ist, dass die Bilder nichts von ihrer Kraft und Faszination verloren haben. Das liegt zum einen an der hohen Qualität des neuen Drucks. Tatsächlich wirken die Schwarzweißaufnahmen der Betonbunker, die wie rätselhafte archaische Heiligtümer an den leeren Stränden erscheinen, schärfer und präziser. Zum anderen erscheint Virilios Untersuchung des deutschen Atlantikwalls an der französischen Küste aufgrund der aktuellen Weltlage leider höchst aktuell.
Es sind aber vor allem auch Virilios Texte, die unter die Haut fahren. Vom biografisch gefärbten Vorwort, in dem er beschreibt, wie er als Kind nach Kriegsende zum ersten Mal das Meer sah. Wie er im Juli 1958 auf die Bunker aufmerksam wurde, die verlassen und vergessen fast unverändert zurückgeblieben waren; zu aufwändig, sie zu sprengen.
Virilio begann, sie zu fotografieren, zeichnete und entwickelte eine Systematik, ordnete sie nach Typen, recherchierte mühsam, da es fast keine Aufzeichnungen gab. Über zehn Jahre unternahm er mit Frau und Tochter Sophie zahllose Reisen an die Atlantikküste, „sucht und lokalisiert die Bunker“, schreibt letztere im Vorwort zur Neuausgabe, erfasst „die topografischen und typologischen Erhebungen“ in Landkarten und Notizbüchern.
„Ihm geht es um DEN Bunker an sich. Sobald er einen aufgespürt hat, umkreist er ihn und hält ihn sowohl fotografisch als auch in Skizzen fest.“ Bis zu fünfmal kehrt er zu manchen Exemplaren zurück, fotografiert sie dokumentarisch und „ohne Effekthascherei“, was unter anderem an die Aufnahmen der Industrieanlagenrelikte im Ruhrgebiet von Hilla und Bernd Becher erinnert.
Wie die Aufnahmen sind auch Virilios Texte von nüchterner, glasklarer Akribie mit einer präzisen Sprache. Er führt uns in die „Kriegslandschaft“ dieser Festungsanlagen und erinnert immer wieder an das, was hinter der bizarren Schönheit lauert: Die Anlagen erzählen von effizienter Kontrolle und Waffengewalt. Als noch Soldaten hinter den dunklen Schlitzen hockten, hatten sie freies Sicht- und Schussfeld. Hier wurde grausam gekämpft und elend gestorben.
Auch dem Kriegsverbrecher Albert Speer widmete Virilio ein Kapitel, das die mörderische Klarheit hinter der nationalsozialistischen Kriegslogik benennt und auch die mitwisserische Schuld von Paul Ludwig Troost, Fritz Todt, Fritz Sauckel oder Franz Xaver Dorsch benennt.
Insofern ist das hoffnungsvollste Kapitel dieses Buches das letzte. Virilio nennt es „Ästhetik des Verschwindens“ und zeigt jene Bunker, die von Sand verschüttet, von Erosion freigelegt oder von der Dünenbewegung aus dem Gleichgewicht gebracht wurden. In ihren absurden Schieflagen zerstreuen die Anlagen jeden Gedanken, jemals wieder Teil einer Kriegsmaschinerie zu werden.
Wie gerne würde man aus vollem Herzen über diese absurden Bauten lachen. Was waren das bloß für Zeiten, als der Strand dem Kampf diente und nicht dem Vergnügen? Angesichts der aktuellen Nachrichten bleibt einem jedoch das Lachen im Halse stecken.
Text: Florian Heilmeyer
Paul Virilio: Bunkerarchäologie
Florian Ebner, Sophie Virilio, Jan Wenzel (Hrg.)
Getrennte Deutsche, Englische und Französische Ausgaben
212 Seiten
Spector Books, Leipzig 2026
ISBN 978-3-95905-7356 (deutsch), ISBN 9783959057349 (englisch), ISBN 9783959057332 (französisch)
42 Euro




