Buchtipp: Kunst am Bau
Zustände, Erhalt und Vermittlung
In das Buch von Denise Madsack muss man sich etwas hineinarbeiten. Denn das Thema „Kunst am Bau“ ist komplex, interessant aus verschiedenen Blickrichtungen: natürlich der Denkmalpflege, Kunstgeschichte und Architektur. Aber auch aus der Perspektive von Sozial- und Politikwissenschaften. Wie werden Kunst-am-Bau-Projekte ausgesucht? Welche Vergabeverfahren und Wettbewerbsformen gab und gibt es? Und vor allem: Warum funktioniert die Vorplanung und Realisierung neuer Werke, die kontinuierliche Vermittlung und Erhaltung der Objekte aber nicht? Vor dem Hintergrund dieser Fragen führt das Buch in die kulturhistorische Bedeutung ebenso wie in die Realisierung von Kunst-am-Bau-Projekten ein. Auch Erhaltungsstrategien und Vermittlungsansätze werden thematisiert.
Als Kunstwissenschaftlerin und Restauratorin wirbt die Autorin um eine prägnante Verwendung von Termini. „Kunst am Bau“ sei eine weniger gattungsspezifische als vielmehr verwaltungstechnische Bezeichnung und nicht gleichzusetzen mit „Kunst im öffentlichen Raum“. Auch wenn, so Madsack, die Unterscheidung der Begriffe „für Laien, aufmerksame Betrachterinnen und Spaziergänger“ kaum relevant sein möge. Ich muss sagen, ich fühlte mich dieser bezaubernden Gruppe zu Beginn meiner Lektüre gleich verbunden.
Aber je mehr ich in Madsacks umfangreicher und mit gutem Bildmaterial – bestehend v. a. aus eigenen Aufnahmen – versehener Publikation las, desto klarer wurde die Skizzierung. Bei Kunst am Bau begegnen sich Architektur und Gegenwartskunst unmittelbar und fordern einen eigenen Dialog. Die Kunstwerke entstehen als Teil eines Bauprojekts und sind in seine Finanzierung eingebunden. Sie können technische Funktionen wie die Beleuchtung übernehmen – oder die Fassaden-, Wand- und Dachgestaltung. Kunst am Bau ist, so Madsack, in Verknüpfung mit ‚ihrer‘ Architektur Spiegel der jeweiligen Zeit und Speicher gesellschaftlicher Zustände. In einer demokratisch geprägten Baukultur gelänge es dieser Kunstform, Orte, Architektur und Gebäudefunktionen zu deuten, ohne diese bloß zu illustrieren.
Es ist auffallend, so die Autorin, dass Kunst-am-Bau-Werke zum einen als ‚Visitenkarte‘ gesehen, zum anderen jedoch nach ihrer feierlichen Einweihung oftmals sich selbst überlassen werden. Und tatsächlich sind fast alle Werke, die in der Publikation vorgestellt werden, in schlechtem Zustand. Verwittert, demoliert, bekritzelt, verstellt, unsachgemäß repariert, falsch geputzt. Manches wurde wegen modernisierter Brandschutzregeln umgestaltet oder entfernt. Andere Arbeiten sind den Bauten, für die sie geschaffen wurde, im Laufe der Jahre gänzlich abhandengekommen. So bemängelte zum Beispiel der SPD-Abgeordnete Rolf Gaßmann 1995 in einer Anfrage an den Landtag Baden-Württemberg, „Objekte seien teils, wie bei der Universität Stuttgart, nicht auffindbar und es würde vorkommen, dass Mitarbeitende der öffentlichen Hand bei ihrer Pensionierung Bilder einfach mitnähmen“.
Denise Madsack hat ihre Studie regional begrenzt, und so finden wir in ihrer Bestandsaufnahme ausschließlich Objektberichte von Kunst-am-Bau-Werken, die das Land Baden-Württemberg (zurzeit) besitzt. Darunter Henry Moores Skulptur „Draped Reclining Woman“ (1957/58), die einige Male umziehen musste, inzwischen aber einen sicheren Platz auf der Terrasse der Staatsgalerie Stuttgart gefunden hat; Gottfried Bechtolds „Betonporsche“ (1971), der im Parkhaus Süd in Konstanz steht und zahlreiche Blessuren aufweist; Georg Karl Pfahlers „Sitzlandschaft“ (1973) in der Universität Tübingen, mehrfach um- und abgebaut. Interessant ist auch Frieder Schnocks „Konzerthimmel“ (1991) in der Hochschule für Musik Trossingen. Der Künstler hatte für die Gestaltung der Konzertsaaldecke eine besondere Farbbeschichtung konzipiert, einen „unregelmäßigen Eisenglimmer-Auftrag“. Ohne Zustimmung Schnocks wurden die Deckenpaneele jedoch in der Farbe Enziantiefblau sprühlackiert und bei der Eröffnung des Baus als „bizarrer Wolkenhimmel mit Sternennacht-Atmosphäre“ angepriesen.
Diese und viele weitere Beispiele zeigen, dass Denise Madsacks Anliegen, die Auseinandersetzung mit Kunst am Bau zu stärken, berechtigt ist. Es ist wichtig, so zeigt ihr Buch, Erhalt und Vermittlung transparent zu gestalten und gut zu dokumentieren. Madsack hat eine fundierte Studie vorgelegt, die als auch praktischer Ratgeber und Leitfaden dienen kann: ein Plädoyer für einen verbesserten Umgang mit den vielen spannenden Varianten von Kunst am Bau. Ein kleiner Kritikpunkt jedoch am Schluss: Dass das Personenverzeichnis im Appendix keine Seitenzahlen hat, erweist sich als echter Nachteil. Schön gestaltet, aber unpraktisch.
Text: Fiona Trede
Kunst am Bau. Zustände, Erhalt und Vermittlung
Denise Madsack
383 Seiten
arnoldsche Art Publishers, Stuttgart 2026
ISBN 978-3-89790-759-1
34 Euro