Weniger Achtsamkeit wagen
Zur Kunstbiennale in Venedig
Gäbe es noch eine Jury, der Deutsche Pavillon gehörte in diesem Jahr zu den Favoriten. Die nachdenkliche Hauptausstellung von Koyo Kouoh tut sich angesichts der vielen Tumulte hingegen schwer. Dafür überzeugen die Beiträge aus Belgien, der Schweiz und den Niederlanden. Während Dänemark mit Pornografie als Wissensform provoziert und der Vatikan mit einem Mashup aus Hildegard von Bingen und Patti Smith antritt. Ein kleiner Rundgang über die Biennale und weitere Tipps in der Galerie.
Strategische Zurückhaltung
Dass die Umstände ein Stück weit gegen ihr Konzept gearbeitet haben, kann man der Kuratorin und ihrem Team – nach ihrem Tod verantwortlich für die Umsetzung der Biennale – natürlich schlecht vorwerfen. Gegen die populistischen Schreihälse der Gegenwart wollte Kouoh eben nicht mit gleichfalls lauter Politkunst anschreien, sondern den Fokus lieber auf nachdenkliche Auseinandersetzungen legen. Das merkt man deutlich vor Ort, wo im frisch renovierten Zentralpavillon in den Giardini und in der endlosen Corderie des Arsenale eine bemerkenswert ruhige Show zu begutachten ist – frei von Bombast und großen Gesten. Dazu passt auch, dass die Zahl der teilnehmenden Künstler*innen mit 111 im Vergleich zu den Vorjahren drastisch gesunken ist. Der Architektur des Zentralpavillons – noch kabinettartiger seit der kürzlich abgeschlossenen Umgestaltung durch Labics (Rom) und Fabio Fumagalli – setzen die Kurator*innen im Arsenale eine hierarchielose „Prozession“ der Werke entgegen. Nach Entwurf von Wolff Architects (Kapstadt) hält sich auch die Ausstellungsarchitektur weitgehend zurück.
Im Sinne des Konzepts standen nicht so sehr bestimmte thematische Setzungen, sondern eher konkrete Arbeitsweisen bei der Auswahl der Beiträge im Vordergrund. Eine historische Ausnahmefigur wie der 1968 verstorbene Marcel Duchamp – ältester Teilnehmer dieser Biennale – steht so neben einem internationalen Star des Betriebs wie Carsten Höller und zahlreichen, zumindest in Europa deutlich weniger bekannten Künstler*innen.
Sitzkreise und Atemräume
Die Materialien und Oberflächen vieler Arbeiten passen gut zu den im kuratorischen Konzept skizzierten Vorstellungen von Achtsamkeit. Nicht alles muss verstandesgemäß erfasst werden, die Besucher*innen sollen auch einfach nur verweilen, atmen und zuhören dürfen. Multisensorische Installationen, Sitzkreise, Klangräume, Pflanzen und Düfte laden zur Entschleunigung ein, wozu auch einige fast schon häusliche Pausen-Settings mit Teppichen und gemütlicher Möblierung gehören. Darüber hinaus gibt es nur wenig ordnende Struktur. Lieber soll man sich zwischen den unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen treiben lassen können. Auch wenn sich natürlich thematische Stränge wie postkoloniale Debatten, ökologische Krisen, Spiritualität und Heilung oder queere und feministische Lebenswelten identifizieren lassen.
Die Stimmung ist dabei ziemlich analog. Dass so manche Raumfolge der Biennale nach weicher Instagram-Wohlfühl-Ästhetik aussieht, kann man den einzelnen Künstler*innen sicherlich nicht vorwerfen – es lässt sich aber auch nicht ganz ignorieren. Etwas mehr Aktualität, etwa mit Blick auf Technikdiskurse oder westliche künstlerische Positionen der letzten Jahre, in denen Themen wie Mindfulness durchaus präsent waren, hätte sicherlich nicht geschadet. So bleibt die zentrale Ausstellung manchmal etwas altbacken.
Klangkunst mit Hildegard
Nach alternativen Interpretationen des kuratorischen Grundkonzepts muss man in Venedig, diesem Zirkus der Weltkunst, aber zum Glück nicht lange suchen. Dem Vatikan zum Beispiel gelingt in diesem Jahr das Kunststück, Hans Ulrich Obrist mit dem kürzlich verstorbenen Alexander Kluge und zahlreichen Stars aus der experimentellen Musik wie Brian Eno, FKA Twigs und Patti Smith zu einer rundum bemerkenswerten Erfahrung zu verschränken. In einem Kirchenkomplex in Castello erwartet einen einerseits eine Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Mystikerin Hildegard von Bingen, die in der Präsentation einer neuen Klosteranlage von Tatiana Bilbao, MAIO Architects und Dogma mündet, die in der Nähe von Berlin entstehen soll.
Und direkt neben dem Hauptbahnhof sind im Giardino Mistico – einem echten Klostergarten! – die Hildegard-Vertonungen von Eno & Co. verortet. Diese sind, technisch beeindruckend umgesetzt, per Kopfhörer als begehbares Klangfeld über den Garten verteilt. Viele Themen, die auch die Hauptausstellung „In Minor Keys“ adressiert, sind beim Lustwandeln im Kräutergarten letztlich eingängiger zu erleben, als in den düsteren Raumfolgen des Arsenale.
Performant: Österreich, Belgien und die Niederlande
Wem das meditative Gartenpanorama des Vatikans zu vergeistigt ist, dem sei der Weg zurück in die Giardini empfohlen. Drei der interessantesten Länderpavillons setzen voll auf Performance, was eine weitere Leerstelle der Hauptausstellung füllt – sieht man von Praktiken wie Prozessionen, Atemübungen oder kollektiven Pflegeritualen ab.
Allen voran ist natürlich das große Seaworld-Event im Österreichischen Pavillon zu nennen, bei dem Florentina Holzinger und ihre Gruppe bis an die Grenzen gehen. Eine Performerin schwimmt acht Stunden im gefilterten Urin der Besucher*innen, eine andere hängt als Klöppel an einer Glocke, Blut rinnt einer dritten den Rücken hinunter – und ein Fäkalien-Kompressor explodiert. Es geht um das Verhältnis von kreatürlichem Menschsein, Technologie und Natur, aber das ist angesichts der eigentlichen Show nur dünner Überbau. Das Paradox: Zwar wird man Holzinger mit Besinnlichkeit nicht kommen brauchen, trotzdem steckt in ihrer Aufopferung fürs Publikum eine sakrale Dimension, die nicht zuletzt in der langen Warteschlange vor dem Pavillon zum Ausdruck kommt. Geduldig warteten Presse und Professionals während der Preview-Tage auf ihre Erlösung.
Komplementär passt dazu, dass die benachbarten Niederlande mit Dries Verhoeven diesen Optimismus nicht teilen. Die offene Architektur Gerrit Rietvelds wird hier zum Bunker. Die westlichen Demokratien machen zu, soll dies wohl heißen. Das Publikum betritt „The Fortress“ und die Stahlläden gehen nach unten. Drinnen folgen 25 Minuten Death Metal-Grunting als Warnung vor den exkludierenden Tendenzen der Gegenwart.
Queere Schweizer Bunkerkultur
Von Belgien und den Niederlanden sind es nur ein paar Meter bis zu einigen weiteren Pavillons, die zufällig auf ungewöhnliche Weise verklammert sind. Da wäre zunächst der Schweizer Beitrag von Miriam Laura Leonardi, Lithic Alliance, Yul Tomatala und Nina Wakeford, der ebenfalls mit der Architektur des Gebäudes arbeitet. Eine „Zivilschutzarchitektur“ aus dicken Mauern konterkariert hier die offene Gestaltung Alberto Giacomettis.
Japan und Dänemark reproduzieren sich
Dass es auch im benachbarten Japanischen Pavillon um queere Selbstverständlichkeit geht, ist auf den ersten Blick kaum zu erkennen. Unter und um den Pavillon lungern Babys herum, teils mit Sonnenbrille oder in coolen Posen. Reproduktion steht auf dem Programm und die Besucher*innen dürfen sich im Wickeln üben. Um Sorgearbeit geht es offenbar. Und um die Frage, was es bedeutet, in der heutigen, von Krisen geprägten Zeit Kinder zu bekommen. Ei Arakawa-Nash hat sich für den Beitrag auch von der eigenen Elternschaft als queerer Künstler inspirieren lassen und möchte in diesem Sinne Gebären mit der historischen Verantwortung gegenüber marginalisierten Gemeinschaften verbinden. Über einen QR-Code wird jedes der Babys Träger von emanzipativer Geschichte.
Pornografie als Wissensform
Mit Blick auf die Hauptausstellung liefert dieser ebenso sehenswerte wie merkwürdige dänische Beitrag übrigens eine der interessantesten Pointen der gesamten Biennale. „In Minor Keys“ rufe dazu auf, die moralisierenden Kunstdebatten der letzten Jahre zu überwinden, lässt sich Lyse zitieren – nur um in diesem Sinne Pornografie als eine marginalisierte Wissensform zu beschreiben, die ernst genommen werden müsse.
Angesichts der manchmal doch etwas blutleeren Hauptausstellung hätte man es sich durchaus gewünscht, die Kurator*innen um Kouoh hätten die Linie der gediegenen Achtsamkeit zugunsten solcher extremer Positionen zumindest hier und da ein Stück weit verlassen.








