Unmittelbares Tun
Wang Shu und Lu Wenyu präsentieren Konzept für die Architekturbiennale 2027
Gestern präsentierten Wang Shu und Lu Wenyu ihr kuratorisches Konzept für die Architekturbiennale 2027 in Venedig. Die Schau eröffnet im Mai 2027 unter dem Titel „Do Architecture – For the Possibility of Coexistence Facing a Real Reality“. Es ist die 20. Ausgabe der weltweit wichtigsten Architekturausstellung. Die Ernennung des chinesischen Architektenpaares im vergangenen November ließ bereits erahnen, dass sich der Fokus in Richtung architektonischer Praxis verschiebt: Nach Biennale-Ausgaben, die Dekolonisierung oder Techno-Utopien verhandelten, rückt nächstes Jahr das unmittelbare Tun in den Blick.
„Architektur ist nicht nur etwas, worüber gesprochen wird, sondern vor allem etwas, das aus erster Hand getan werden muss“, formulieren Wang Shu und Lu Wenyu programmatisch. Mit „Do Architecture“ meinen sie eine konkrete, körperlich erfahrene Praxis. In deren Zentrum steht nicht die Auflösung von Widersprüchen, sondern ihre Koexistenz: Stadt und Land, Innovation und Erinnerung, industrielle Effizienz und Handwerk, Natur und gebauter Raum. Architektur wird so als Vermittlungspraxis in Zeiten ökologischer und sozialer Konflikte verstanden.
Die Kurator*innen plädieren dafür, Umweltstrategien mit regionalen Materialien, Handwerk und kulturellem Wissen zu verbinden. Ihr Ansatz knüpft an die Haltung ihres Büros Amateur Architecture Studio an, das für die Wiederverwendung von Materialien und die Integration lokaler Bautraditionen bekannt ist. Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco sagt: „Wang Shu und Lu Wenyu führen die Architektur zurück zu ihrer konkretesten, physischsten und wesentlichsten Dimension: dem Bauen in direkter Beziehung zum Land, zu den Materialien, zu den Gemeinschaften und zur Realität der Orte.“
Allzu leicht liest sich dieser Ansatz als anschlussfähig an kulturkonservative Narrative, die (nicht nur) in Italien derzeit politische Resonanz finden. „Do Architecture“ propagiert jedoch nicht den defensiven Rückzug ins Lokale. Das Konzept birgt vielmehr einen Gegenentwurf zu Ressourcenextraktion, Standardisierung und der Entkopplung architektonischer Entscheidungen von sozialen und ökologischen Realitäten. Es birgt die Aufforderung, Architektur in Zeiten der Globalisierung wieder als verortete Praxis zu „tun“: ortsbezogen, ressourcenbewusst, gesellschaftlich verankert – und widerständig gegenüber einer zunehmend abstrakten, ökonomiegetriebenen Raumproduktion. (kms)
Die 20. Architekturbiennale wird vom 8. Mai bis 21. November 2027 in den Giardini, dem Arsenale und an verschiedenen Orten in Venedig zu sehen sein. Noch bis zum 22. November dieses Jahres läuft die 61. Kunstbiennale – hier unsere Berichte zur Hauptausstellung „In Minor Keys“ und zum Beitrag „Ruin“ im Deutschen Pavillon.



