Buchtipp: Aalto and Nature
Spurensuche in der Biografie
Die Bauten und Entwürfe von Alvar, Aino und Elissa Aalto sind gut erforscht, trotzdem gibt es noch Lücken. Das Buch Aalto and Nature untersucht Inspirationsquellen für das Verständnis von Natur und Landschaft – auf eine sehr konventionelle Art.
War der junge Alvar Aalto ein Sohn des Waldes? Wann hat er die mediterrane Landschaft und wann den islamischen Garten kennengelernt? Inwiefern hat dies seine Entwürfe beeinflusst? All diese Fragen werden in Aalto and Nature aufgegriffen. Die Essays verschiedener Autor*innen konzentrieren sich auf Phasen im Leben des Architekten (1898–1976), auf seine Reisen und die Rolle der Natur in den Ausstellungsgestaltungen von Studio Aalto.
Anhaltspunkte bieten neben biografischen Daten auch historische Quellen: Auszüge aus dem Herbarium, das Alvar Aalto im Sommer 1911 anlegte – damals war er 13 Jahre alt; Zeichnungen, die während der Hochzeitsreise entstanden, die Alvar und Aino Aalto 1924 in Italien unternahmen; oder Fotografien von Moscheen im Irak und im Iran aus den 1950er Jahren. Das klassische Inventar an Inspirationsquellen ist in diesem Band, herausgegeben von Tom Simons und Rainer Knapas, weit gespannt. Auch Vorbilder wie Gunnar Asplund, Le Corbusier und die Gärten der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung werden genannt.
Architektur und Landschaftsarchitektur Aaltos werden am Beispiel der Villa Mairea in Noormarkku oder der Maison Louis Carré außerhalb von Paris erläutert. Natürlich fehlt auch das Sanatorium inmitten der Kiefernwälder von Paimio im Südwesten Finnlands nicht. Hier gestaltete Studio Aalto Wege, die sich durch den Wald schlängeln und zur Heilung der tuberkulosekranken Patient*innen dienen sollten – die Natur als segensreiche Heilerin, ein Mythos, der sich im Fall von TBC als Irrglaube erwies.
Dass auch Aino Aalto am Entwurf des Sanatoriums Paimio beteiligt war, ist für die Autor*innen nicht weiter von Bedeutung. Überhaupt ist die Architektin – ab 1924 Ehefrau und bis zu ihrem frühen Tod eine tatenreiche Partnerin im Studio Aalto – in diesem Buch nicht mehr als eine Reisebegleiterin. Auch die zweite Ehefrau Elissa Aalto – die nach dem Tod ihres Mannes 1976 das gemeinsame Architekturbüro fast zwei Jahrzehnte erfolgreich weiterführte – wird kaum erwähnt. Es geht den Herausgebern um den Meister Alvar Aalto – und letztlich um sein Genie. Diesen Ansatz hatten wir zum Glück eigentlich längst hinter uns gelassen.
Trotzdem sind die Skizzen Alvar Aaltos – etwa San Gimignano, Assisi, Zypressen in Marokko, das Löwentor des antiken Mykene – ein Genuss. Vilhelm Helander zieht die Reisen des Baumeisters und seiner Begleiterinnen als Inspirationsquelle für Entwurfsideen heran, doch eine direkte Verbindung lässt sich nicht nachweisen. Dass die Natur und ihr Verständnis zur Zeit Aaltos ein Konstrukt sein könnten, das kulturell definiert war und deshalb kritisch betrachtet werden muss – ähnlich wie die Bedeutung der Ehefrauen berühmter Architekten –, bleibt für den Essay des kürzlich verstorbenen Architekturhistorikers irrelevant.
Fotostrecken von Elina Brotherus lockern die Texte in diesem Buch auf: finnische Landschaften, die Gärten in Aaltos Architektur oder der Tempel in Selinunt auf Sizilien. Mit Rückenfiguren wie in den Gemälden von Caspar David Friedrich und Detailbeobachtungen wie dem Blick in die Winterlandschaft durch die Fenster im Sanatorium Paimio zeigen die Aufnahmen der finnischen Fotografin, dass es hier nicht um die Natur an sich geht, sondern um ihre Wahrnehmung. Architektur kann die Rezeption von Landschaften lenken, sie inszeniert die Natur nach eigenem Verständnis.
Rainer Knapas resümiert seine Grundhaltung als Herausgeber im Epilog so: „Hinter Architektur und Kunst verbirgt sich die Natur. Die Aufgabe des Künstlers besteht, wie bei Aalto, darin, Kunst und Natur zu einer Synthese zu vereinen – zur Landschaftsarchitektur.“ Es wäre schön, wenn das mit der Natur und der Architektur so einfach wäre, wenn die Natur als Urkraft unveränderbar wäre und Landschaftsarchitektur das Bauen mit ihr vereint.
Text: Sandra Hofmeister
Aalto and Nature
Tom Simons, Rainer Knapas (Hg.)
Fotos: Elina Brotherus
Englisch
184 Seiten
Birkhäuser Verlag, Basel 2026
ISBN 978-3-0356-2884-5
48 Euro
Dies ist die leicht überarbeitete Version eines Textes, der ursprünglich auf der von Sandra Hofmeister im letzten Jahr gestarteten Webseite castello books erschienen ist.



