Besser so
Zum Stopp der Planungen für das Exil-Museum in Berlin
Besser so
Zum Stopp der Planungen für das Exil-Museum in Berlin
Das Exil-Museum in Berlin-Kreuzberg nach Plänen des Kopenhagener Büros Dorte Mandrup wird nicht gebaut. Das wurde am Wochenende bekannt. Grund dafür sind die gestiegenen Baukosten. Unser Autor findet: Der Planungstopp ist auch eine Chance für die Institution, ihr inhaltliches Profil zu schärfen.
Das Exil-Museum neben der Portalruine des einst so gewaltigen Anhalter Bahnhofs in Berlin-Kreuzberg soll nun doch nicht gebaut werden. Der nach dem Wettbewerbssieg im August 2020 als Sensation gefeierte Entwurf des Kopenhagener Büros Dorte Mandrup – der sich gegen acht hochkarätige Konkurrent*innen durchgesetzt hatte – bleibt in den Schubladen.
Dabei war das Projekt bereits in der Ausführungsplanung, wurde der Bebauungsplan geändert, verlief die Bürgerbeteiligung – im Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain immer eine eigene Herausforderung – positiv. Sogar Denkmal- und Naturschutz hatten zugestimmt. Dennoch gab Museumsdirektorin Ruth Ur am Wochenende den Stopp des Bauprojekts bekannt. Die Kosten, ursprünglich auf 27 Millionen Euro geschätzt, seien inzwischen auf 130 Millionen gestiegen, ohne dass diese Summe als fix angesehen werden kann. Damit aber sei das Museum, Ur ist da als britisch sozialisierte Museumsmanagerin erfahren genug, nicht mehr aus privaten Spenden finanzierbar, wie es lang von den Initiator*innen versprochen worden war.
Das Exil-Museum werde laut Ur für seine Arbeit weiter die einstige Villa in der Fasanenstraße in Charlottenburg nutzen, die bis vor einigen Jahren vom Käthe-Kollwitz-Museum genutzt wurde. In den einstigen Salons hatte man schon bisher Veranstaltungen angeboten. Es sollen weitere folgen, auch Debatten und kleinere Ausstellungen zu einzelnen Lebensgeschichten von Exilanten und Exilierten aus der Zeit des Nationalsozialismus, dazu Projekte mit zeitgenössischer Kunst.
Dabei war das Projekt bereits in der Ausführungsplanung, wurde der Bebauungsplan geändert, verlief die Bürgerbeteiligung – im Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain immer eine eigene Herausforderung – positiv. Sogar Denkmal- und Naturschutz hatten zugestimmt. Dennoch gab Museumsdirektorin Ruth Ur am Wochenende den Stopp des Bauprojekts bekannt. Die Kosten, ursprünglich auf 27 Millionen Euro geschätzt, seien inzwischen auf 130 Millionen gestiegen, ohne dass diese Summe als fix angesehen werden kann. Damit aber sei das Museum, Ur ist da als britisch sozialisierte Museumsmanagerin erfahren genug, nicht mehr aus privaten Spenden finanzierbar, wie es lang von den Initiator*innen versprochen worden war.
Das Exil-Museum werde laut Ur für seine Arbeit weiter die einstige Villa in der Fasanenstraße in Charlottenburg nutzen, die bis vor einigen Jahren vom Käthe-Kollwitz-Museum genutzt wurde. In den einstigen Salons hatte man schon bisher Veranstaltungen angeboten. Es sollen weitere folgen, auch Debatten und kleinere Ausstellungen zu einzelnen Lebensgeschichten von Exilanten und Exilierten aus der Zeit des Nationalsozialismus, dazu Projekte mit zeitgenössischer Kunst.
Der Planungs- und Baustopp für dieses hochmoralisch aufgeladene Projekt ist die genau richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt.Nikolaus Bernau
Individuelle Lebensgeschichten und internationaler Ideentransfer
2009 hatte die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller angeregt, ein Exil-Museum in Berlin zu gründen – als Ergänzung zu den historischen Orten und Mahnmalen der NS-Zeit. Geplant war ein Ort der Erinnerung an all die Menschen, die zwischen 1933 und 1945 aus Deutschland vor den Nazis flohen, sei es aus politischen Gründen wie Kommunisten und Sozialisten, vor dem Antisemitismus wie viele nun als Juden Diskriminierte, oder weil sie sich nicht mit dem Terror gemein machen wollten wie die Familie von Thomas und Katja Mann. Zum Exil dieser Zeit gehören aber auch jene, die wie Ludwig Mies van der Rohe oder Walter Gropius erst nach tiefen Bücklingen vor der neuen Macht begriffen, dass diese keine Verwendung für sie haben werde.
Im Exil-Museum sollten die „individuellen Lebensgeschichten“ der aus Deutschland in alle Welt Geflohenen erzählt werden, auch deshalb, um den „internationalen Ideentransfer“ deutlich zu machen, der dadurch entstand. Modell: Ohne Bauhäusler*innen in den USA keine internationale Nachkriegsmoderne, ohne deutsche Modernist*innen in Tel Aviv kein modernes Israel.
Und doch: Der Planungs- und Baustopp für dieses hochmoralisch aufgeladene Projekt ist die genau richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt. Denn viel zu selten wird in Deutschland Planung als Test begriffen: Ist das Projekt sinnvoll an diesem Ort, zu dieser Formation, zu diesen Kosten? Hier fiel das Ergebnis dieses Tests negativ aus.
2009 hatte die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller angeregt, ein Exil-Museum in Berlin zu gründen – als Ergänzung zu den historischen Orten und Mahnmalen der NS-Zeit. Geplant war ein Ort der Erinnerung an all die Menschen, die zwischen 1933 und 1945 aus Deutschland vor den Nazis flohen, sei es aus politischen Gründen wie Kommunisten und Sozialisten, vor dem Antisemitismus wie viele nun als Juden Diskriminierte, oder weil sie sich nicht mit dem Terror gemein machen wollten wie die Familie von Thomas und Katja Mann. Zum Exil dieser Zeit gehören aber auch jene, die wie Ludwig Mies van der Rohe oder Walter Gropius erst nach tiefen Bücklingen vor der neuen Macht begriffen, dass diese keine Verwendung für sie haben werde.
Im Exil-Museum sollten die „individuellen Lebensgeschichten“ der aus Deutschland in alle Welt Geflohenen erzählt werden, auch deshalb, um den „internationalen Ideentransfer“ deutlich zu machen, der dadurch entstand. Modell: Ohne Bauhäusler*innen in den USA keine internationale Nachkriegsmoderne, ohne deutsche Modernist*innen in Tel Aviv kein modernes Israel.
Und doch: Der Planungs- und Baustopp für dieses hochmoralisch aufgeladene Projekt ist die genau richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt. Denn viel zu selten wird in Deutschland Planung als Test begriffen: Ist das Projekt sinnvoll an diesem Ort, zu dieser Formation, zu diesen Kosten? Hier fiel das Ergebnis dieses Tests negativ aus.
Ungeklärte Grundfragen
Dass das Projekt Exil-Museum jetzt erst einmal kleiner gefahren wird, hat aber sicher auch mit einigen Grundfragen zu tun, die bis heute nicht wirklich geklärt sind. Zwar wurde spätestens seit einer Veranstaltungsreihe 2023, die sich mit der Flucht von queeren Menschen aus Deutschland beschäftigte, der Fokus auf berühmte Namen aufgebrochen. Auch ist inzwischen klar, dass nicht nur Erfolgsgeschichten berichtet werden sollten. Ganz im Gegenteil ist das Exil meistens ein tiefer biografischer Einschnitt. Viele Menschen endeten in Armut oder mussten ganz neue Wege suchen, um sich und ihre Familien zu ernähren.
Aber vor allem: Warum sollte sich dieses Museum auf die Geschichte des „deutschen“ Exils zwischen 1933 und 1945 konzentrieren, statt das Exil und seine politischen, kulturellen, sozialen und emotionalen Folgen an sich als Thema zu haben? So begann das deutsche Exil in Frankreich oder in den USA bereits im 19. Jahrhundert. Deutschland wiederum bot bereits in der Weimarer Republik Exilanten aus der Sowjetunion oder China Zuflucht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen dann Menschen aus Polen, der Tschechoslowakei, der Türkei, Syrien, dem Iran, sogar den USA und Israel und selbstverständlich aus der DDR in die alte Bundesrepublik. Sie fanden hierzulande Zuflucht, weil Deutschland eines der wenigen Länder der Welt ist, in denen es einen in der Verfassung (Grundgesetz) verankerten Anspruch auf Asyl gibt. Dieser resultierte aus der Erfahrung des Landes, das während des Zweiten Weltkriegs im Exil das „bessere Deutschland“ überlebte. Auch diese Exil-Geschichte gehört zum Exil-Museum. Ganz zu schweigen von der Perspektive auf die etwa 65 Millionen Menschen, die derzeit weltweit fern der Heimat leben, um Schutz zu finden vor politischer, religiöser oder ethnischer Verfolgung.
Kurz: Dieses Museum braucht noch Zeit, um sich selbst zu finden, und zwar gerade deshalb, weil direkt gegenüber dem Anhalter Bahnhof das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung liegt, in dem bereits Fragen des Exils behandelt werden. Für die Selbstsuche des Exil-Museums braucht es keinen gewaltigen Neubau – für den nicht einmal die Betriebskosten gesichert waren.
Dass das Projekt Exil-Museum jetzt erst einmal kleiner gefahren wird, hat aber sicher auch mit einigen Grundfragen zu tun, die bis heute nicht wirklich geklärt sind. Zwar wurde spätestens seit einer Veranstaltungsreihe 2023, die sich mit der Flucht von queeren Menschen aus Deutschland beschäftigte, der Fokus auf berühmte Namen aufgebrochen. Auch ist inzwischen klar, dass nicht nur Erfolgsgeschichten berichtet werden sollten. Ganz im Gegenteil ist das Exil meistens ein tiefer biografischer Einschnitt. Viele Menschen endeten in Armut oder mussten ganz neue Wege suchen, um sich und ihre Familien zu ernähren.
Aber vor allem: Warum sollte sich dieses Museum auf die Geschichte des „deutschen“ Exils zwischen 1933 und 1945 konzentrieren, statt das Exil und seine politischen, kulturellen, sozialen und emotionalen Folgen an sich als Thema zu haben? So begann das deutsche Exil in Frankreich oder in den USA bereits im 19. Jahrhundert. Deutschland wiederum bot bereits in der Weimarer Republik Exilanten aus der Sowjetunion oder China Zuflucht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen dann Menschen aus Polen, der Tschechoslowakei, der Türkei, Syrien, dem Iran, sogar den USA und Israel und selbstverständlich aus der DDR in die alte Bundesrepublik. Sie fanden hierzulande Zuflucht, weil Deutschland eines der wenigen Länder der Welt ist, in denen es einen in der Verfassung (Grundgesetz) verankerten Anspruch auf Asyl gibt. Dieser resultierte aus der Erfahrung des Landes, das während des Zweiten Weltkriegs im Exil das „bessere Deutschland“ überlebte. Auch diese Exil-Geschichte gehört zum Exil-Museum. Ganz zu schweigen von der Perspektive auf die etwa 65 Millionen Menschen, die derzeit weltweit fern der Heimat leben, um Schutz zu finden vor politischer, religiöser oder ethnischer Verfolgung.
Kurz: Dieses Museum braucht noch Zeit, um sich selbst zu finden, und zwar gerade deshalb, weil direkt gegenüber dem Anhalter Bahnhof das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung liegt, in dem bereits Fragen des Exils behandelt werden. Für die Selbstsuche des Exil-Museums braucht es keinen gewaltigen Neubau – für den nicht einmal die Betriebskosten gesichert waren.
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