Vertraute Silhouette
Fakultätsgebäude in Brüssel von ATAMA und V+
Die Erasmushogeschool in Brüssel ging 1995 aus einem Zusammenschluss mehrerer kleinerer Hochschulen hervor und verteilt sich dementsprechend über mehrere Standorte. Im Stadtteil Anderlecht im Süden der belgischen Hauptstadt liegt der Campus Kaai, wo die Studiengänge für Tanz, Schauspiel und Bühnentechnik das Royal Institute for Theater, Cinema and Sound (RITCS) bilden.
Wir befinden uns in einem ehemaligen Industriegebiet, wo die Hochschule einen früheren Werkstattkomplex und ein Bürohaus nutzt. Die Gebäude stammen aus dem Jahr 1980, was man ihnen auch deutlich ansieht. Sie waren ursprünglich für das Rijksinstitut voor Technisch en Handelsonderwijs errichtet worden. Das Ensemble erhielt nun eine umfassende Sanierung und Erweiterung. Entworfen haben das Projekt ATAMA (Gent) und V+ (Brüssel). Die beiden Büros kooperierten bereits beim Leietheaters im belgischen Deinze, wobei Atama damals noch Trans Architectuur hießen. Beide Projekte entstammen dem speziellen flämischen Open Oproep-Wettbewerbsverfahren.
Für etwa 16 Millionen Euro wurden die bestehenden Hallen und Häuser saniert. Dazu kam ein hochmoderner Neubau, der vor allem einen großen Vorführungssaal und ein Filmstudio beinhaltet. Zudem nutzten die Architekt*innen den Bau für die Reorganisation der räumlichen Zusammenhänge zwischen allen Bestandsgebäuden.
Die Ergänzung fügt sich mit zwei Haupteingängen in den Bestand ein, die durch weit vorspringende, leichte Stahldächer markiert sind. Die Dächer ermöglichen eine weitgehend wettergeschützte Wegeführung zwischen den Gebäuden. Im Inneren erstreckt sich zwischen den Eingängen eine Art innere Straße. An beiden Enden liegen große Fensterfronten und die Büros sind mit Türen und Schaufenstern wie Läden zum Durchgangsraum orientiert. Offene Treppen führen ins Obergeschoss. Die sichtbaren und übersichtlichen Zirkulationsrouten sollen diese Passage zum Treffpunkt für alle Beschäftigten und Studierenden machen.
Durch seine Positionierung zwischen den Bestandsbauten sortiert der Neubau zudem die Innenhöfe neu. Sie sind nun klarer proportioniert und eindeutig den jeweiligen Programmen im Inneren zugeordnet: Es gibt einen „Theaterhof“, einen „Kino-Hof“ sowie einen „Verborgenen Garten“. Jeder Hof wurde unterschiedlich gestaltet – von einer urbanen Pflasterung bis zu einer intensiven Begrünung –, so dass sie den Programmteilen unterschiedliche Freiraumqualitäten bieten.
Insgesamt zeigt das Ensemble aus Altem und Neuem eine einheitliche architektonische Strategie: Alles Überflüssige scheint entfernt, die Robaustrukturen aus Stahl, Beton oder Backstein sind ebenso sichtbar wie die offen liegende Gebäudetechnik. Damit konnten auch Baukosten gesenkt werden, um die Mittel für die akustische und technische Ausstattung der Bühne und des Filmstudios frei zu machen.
Äußerlich orientiert sich der Neubau an den Industrie- und Gewerbebauten ringsum. Dies wird besonders deutlich an der langgestreckten Nordfassade, wo der Bau an einen großen benachbarten Parkplatz stößt „Die Silhouette wirkt gleichzeitig vertraut und neu“, so beschreiben es die beiden Büros. Man habe dafür die üblichen Dachformen von Filmstudios, Theatern und Industriehallen untersucht, um sie schließlich neu zu kombinieren und zu interpretieren.
Im Resultat enstand eine eigentümlich lange, weitgehend geschlossene Wand, die selbst ein bisschen wie eine umgenutzte Struktur aussieht. Einzig das merkwürdig weit oben positionierte Fenster und die orange gestrichenen Lüftungsschächte werden zu prägenden Elementen und verraten die gestalterischen Ambitionen im Inneren. (fh)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- ATAMA und V+
- Bauherrschaft:
- Erasmus Hogeschool Brussel
- Fachplanungen:
- Ney & Partners, Studiebureau Boydens, Daidalos Peutz, TTAS
- Fläche:
- 2.557 m² Nutzfläche
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