Buchtipp: Buildings on Standby
Die Hochhausscheiben in Halle-Neustadt
Plattenbauten sind zur Zeit en vogue, das zeigt nicht erst diese Publikation: Nachdem sich ihnen im Potsdamer Minsk eine ganze Ausstellung widmete, setzte Künstlerin Sung Tieu auf der Venedig-Biennale noch eins drauf und verpasste dem Deutschen Pavillon eine neue Fassade in Plattenbauoptik. Tieu bezieht sich dabei auf einen Gebäudekomplex in der Gehrenseestraße in Berlin Hohenschönhausen, der seit Jahren leer steht und einem Neubau weichen soll. Doch die Pläne sind ins Stocken geraten: Entkernt, aber nicht abgerissen, bewacht, aber nicht zwischengenutzt (bis auf unregelmäßige Führungen von Sung Tieu, die hier ein paar Jahre lang zusammen mit ihrer Mutter wohnte).
Wie dem ehemaligen Vertragsarbeiter*innenheim in Berlin geht es vielen markanten DDR-Bauten, die nach der Wende an private Investoren verkauft wurden und seitdem ein Zwitterdasein zwischen Potenzial und Scheitersymbolik führen, weil sie auf ihre Aktivierung warten und dabei verkommen. Während die Robotron-Kantine in Dresden seit letztem Jahr durch das Kunsthaus genutzt wird, bangt man weiter um die Zukunft des SEZ in Berlin und des Hotel Luniks in Eisenhüttenstadt. Die komplexe Gemengelage, die zu dieser Situation geführt hat, fächert Hendrikje Alpermann in ihrer nun veröffentlichten Dissertation am Beispiel der Hochhauscheiben in Halle-Neustadt auf.
Mit ihrem interdisziplinären Hintergrund in Ethnologie, Urban Studies und Sustainability Studies schließt Alpermann eine Forschungslücke, indem sie die Entwicklung dieser Gebäude aus stadtplanerischer Perspektive untersucht. Sie beschreibt die fünf Hochhausscheiben in Halle-Neustadt in ihrem Standby-Modus – als Orte mit ungewisser Zukunft, an denen die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Stadtplanung nach dem Sozialismus verhandelt werden.
In den 1970er Jahren nach schwedischem Vorbild als Studenten- und Arbeiterwohnheime errichtet, befinden sie sich heute alle in privater Hand, wobei zwei von der öffentlichen Verwaltung genutzt werden. Der Zustand der übrigen drei variiert von baufällig zu im-Umbau-befindlich. Weil die Besitzer teils nicht mehr erreichbar sind, hat die öffentliche Hand kaum Handhabe, was bei Stadtplaner*innen wie Anwohner*innen zu Frustration führt.
Diese Publikation sei lange überfällig, stellte Architekturhistoriker Wolfgang Kil im Rahmen der Buchpräsentation am vergangenen Freitag in der Berliner Buchhandlung „pro qm“ klar. Zudem lobte er die ungewöhnliche Perspektive, die auf mehreren Ebenen des Buches zum Ausdruck kommt: Zum einen basiert die Methodik unter anderem auf Alpermanns Feldforschung im Stadtplanungsamt in Halle-Neustadt. Von dort sind nicht nur Archivmaterialien ins Buch eingeflossen, sondern auch Gespräche von Mitarbeitenden, die Einblick geben in einen Berufsalltag, der sich oft eher wie ein Flicken denn als ein Gestalten des urbanen Raumes anfühlt.
Zum anderen erweitert Alpermann die Perspektive auf den postsozialistischen Raum, indem sie vergleichend Entwicklungen in anderen Städten heranzieht. Erfrischend ist auch ihre philosophisch fundierte Ausarbeitung des Begriffs Standby: „Standby can be understood as a state of in|activity that indicates readiness without immediate engagement, but that nevertheless requires and generates energy, resources and relations.“ Darüber hinaus beschränkt sie ihre Analyse nicht auf die Materialität der Scheiben, sondern bezieht auch „weiche“ Faktoren wie Erinnerungen, Performativität und Aufmerksamkeit ein. So kann sie untersuchen, warum die Gebäude zugleich als Ausdruck des Scheiterns und als wertvoll wahrgenommen und verhandelt werden.
Ergänzt wird die umfassende Aufarbeitung durch einen Bildessay von Eiko Grimberg. Ohne in Verklärung oder Pessimismus zu verfallen, macht das Buch einmal mehr deutlich: Es gibt weder einfache Lösungen noch eindeutige Sündenböcke. Zugleich zeigt es, wie wichtig eine stärkere Vermittlung ist, um den oft als Stillstand oder Vernachlässigung wahrgenommenen Zustand dieser Gebäude nachvollziehbar zu machen. Denn der Umgang mit dem historischen Erbe, insbesondere mit markanten und erinnerungspolitisch aufgeladenen Gebäuden der DDR, berührt letztlich auch die Frage nach dem Vertrauen in die Handlungsfähigkeit einer demokratischen Gesellschaft.
Text: Anna-Lena Wenzel
Buildings on Standby: Stitching the Post-Socialist Cityscape
Hendrikje Alpermann
272 Seiten
Englisch
adocs, Hamburg 2026
ISBN 9783943253962
28 Euro
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