Buchtipp: Kirchenbauten
Ein Archiv der Nachkriegsmoderne
Der Kirchenbau der Nachkriegszeit zählt immer noch zu den faszinierendsten Kapiteln der jüngeren Architekturgeschichte. Während der damalige Büro- und Wohnungsbau eher eine Architektur für den „zweiten Blick“ ist, entfaltete sich im Sakralbau eine bemerkenswerte Hinwendung zu charakterstarken Formen. Das hat mit kirchlichen Reformbemühungen zu tun, aber auch mit einem gestalterischen Freiraum, der trotzdem nie in überbordendes Spektakel abdriftete.
Das eben erschienene Buch Kirchenbauten. Ein Archiv der Nachkriegsmoderne widmet sich nun 16 Bauten aus der alten Bundesrepublik – von Gottfried Böhms expressiver Sichtbetonarchitektur des Mariendom in Neviges (zu dem erst kürzlich eine exzessive Monographie erschienen ist) bis zur 1979 abgebrannten Jakobuskirche in Düsseldorf, bei der Eckhard Schulze-Fielitz ganz auf die raumauflösenden Qualitäten des Mero-Bausystems setzte. Man findet die großen Namen, die man hier erwartet, und entdeckt doch einige Bauten, die man nicht kannte. Denn neben der Qualität erstaunt auch die Quantität des damaligen Kirchenbaus.
Die Beschäftigung mit diesen Bauten ist nicht neu, doch die Herausgeber Piet und Wim Eckert haben mit ihrem Team an der TU Dortmund – insbesondere Eva H. Hepke ist hier zu nennen, die das Projekt leitete und einen Großteil der Texte verfasste – einen besonderen Fokus auf die Konstruktion der Bauten gelegt. Historische Fotos, neue Modelle sowie Zeichnungen (bis hin zu Wandaufbauten) wurden dabei auf sehr kluge und ruhige Art und Weise zusammengestellt. Dazwischen finden sich mehrere Texte, die von den architektonischen Themen der Zeit wie Antiheroik, Fragment und Offenheit ausgehend, sich den 16 Fallbeispielen widmen und das Buch zugleich angenehm strukturieren.
Das von Kathrin Schmuck konzipierte und gestaltete Kirchenbauten. Ein Archiv der Nachkriegsmoderne ist eine universitäre Publikation im besten Sinne, indem sie Bildmaterial und Forschungserkenntnisse auf ansprechende und zugängliche Weise präsentiert. Dass das Buch komplett zweisprachig auf Deutsch und Englisch vorliegt, ist ein weiterer Pluspunkt. Vor allem aber ist der nun erschienene Band der Auftakt der Reihe Ein Archiv der Nachkriegsarchitektur, schreiben die Herausgeber in ihrer Einleitung. Deren Ziel sei nicht zuletzt, vom intelligenten Arbeiten mit Material und Konstruktion zu lernen, das die von Krieg, Mangel und persönlichen Entbehrungen gezeichneten Architekt*innen pflegten: „So schauen wir zurück, um nach vorne sehen zu können und um zu lernen, wie viel mit wie wenig möglich ist.“
Texte: Gregor Harbusch
Kirchenbauten. Ein Archiv der Nachkriegsmoderne/Church Buildings. An Archive of Post-War Modernism
Piet Eckert, Wim Eckert (Hg.)
Gestaltung: Bucharchitektur \ Kathrin Schmuck
Deutsch/Englisch
240 Seiten
Triest Verlag, Zürich 2026
ISBN 978-3-03863-105-7
49 Euro
Das Buch wird am Dienstag, 16. Juni 2026 um 18.30 Uhr im Baukunstarchiv NRW (Ostwall 7, 44135 Dortmund) präsentiert. Nach einem Vortrag von Martin Boesch werden die Herausgeber mit Boesch diskutieren. Andrea Wiegelmann vom Triest Verlag moderiert.
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