Buchtipp: Ein Premier entwirft sein Land
The Albanian Files
Es hat sie immer gegeben, jene Staatenlenker, die ihre Stellung in der Welt mit Architektur von internationaler Strahlkraft zu manifestieren versuchen. Auch in jüngerer Zeit. Erinnert sei an François Mitterrand und die Pariser Grand Projets, an Juscelino Kubitschek und Brasília oder an Nursultan Nasarbajew, der mithilfe namhafter Architekturbüros Astana zur kasachischen Hauptstadt formte.
Auch der albanische Premierminister Edi Rama reiht sich hier ein. Seit seinem Amtsantritt 2013 nutzt der Künstler und einstige Bürgermeister von Tirana Architekturprojekte, um das Selbstbild des einst abgeschotteten Albaniens und seine internationale Wahrnehmung zu verändern. Die 800 Seiten starke Publikation The Albanian Files. Freedom and Architecture dokumentiert diese Leistung. Sie versammelt Beiträge von rund 60, überwiegend namhaften Büros, die Rama größtenteils direkt für eine Zusammenarbeit im Buch oder Projekte im Land angesprochen hat.
Die Liste reicht von Alvaro Siza bis Xavier de Geyter, von Bolles + Wilson über Barozzi Veiga bis Stefano Boeri. Auf jeweils zehn Seiten präsentieren sie Geplantes und Gebautes, gezeichnete und geschriebene Visionen. Hochhäuser und Hotelanlagen am Meer, Masterpläne, Ideen für öffentliche Räume und ein Nationaltheater von BIG. Ein Fragebogen strukturiert und lenkt die Botschaften der Architekt*innen in Richtung Albaniens Zukunft. Sie reflektieren über ihre Erfahrung, über Partnerschaften und Arbeitsweisen. Manche äußern sich regelrecht euphorisch zu den sich im Land bietenden Möglichkeiten, andere bleiben zurückhaltend oder flüchten ins Theoretische.
Das Buch ist ein beeindruckender Beleg dafür, wie architektonische Ideen die Modernisierung eines Landes sichtbar machen können. Auch wenn nur ein Bruchteil der Entwürfe realisiert wurde. „Albanien ist kein Land, das Architekten mit Geld und Versprechen lockt. Es lockt sie mit dem Glauben, dass ein Traum Wirklichkeit werden kann.“, schreibt die Herausgeberin Anneke Abhelakh im Vorwort. Sie hat an der ETH Zürich gelehrt, war Kuratorin am Netherlands Architecture Institute und kuratierte den Albanischen Pavillon der Architekturbiennale Venedig im letzten Jahr.
Gleichwohl darf man nicht unerwähnt lassen, dass etwa der von 51N4E geplante, preisgekrönte Skanderbeg-Platz oder die von MVRDV zum Kulturzentrum umgenutzte Pyramide, die Diktator Enver Hoxha einstmals als Museum dienen sollte, nur ein Teil der jüngeren Architekturgeschichte Albaniens sind. Im Schatten ihrer gemeinwohlorientierten Strahlkraft ermöglicht Ramas Regierung eben auch viele Projekte, deren Investor*innen sich kaum darum scheren dürften, ob die Menschen im Land von ihrer Existenz profitieren.
Dafür stehen Berichte von gelockerten Bauverboten und ausgehebelten Naturschutzgesetzen zugunsten lukrativer Tourismusprojekte, die die Europäische Union scharf kritisiert hat. So gehören auch die Proteste gegen das mit dem Namen Jared Kushner verbundene Luxusresort auf der Insel Sazan im Meeresnationalpark Karaburun-Sazan zur Entwicklungsgeschichte des Landes. Dass Albaniens Suche nach Anschluss in der Welt erhebliche Kollateralschäden hinterlässt, wird in einem anderen Buch geschrieben werden.
Text: Friederike Meyer
The Albanian Files. Freedom and Architecture
Anneke Abhelakh (Hg.)
Gestaltung: Haller Brun
Englisch
796 Seiten
Lars Müller Publishers, Zürich 2026
ISBN 978-3-03778-800-4
70 Euro











