Buchtipp: Architecture against Architecture
Eine Introspektion der Disziplin
Anders als der Titel Architecture against Architecure. A Manifesto suggeriert, kämpfen in diesem Buch nicht zwei Entwurfsideologien mit- oder gegeneinander. Autor Reinier de Graaf sagt den heute noch inhärenten vitruvianischen Grundsätzen den Kampf an.
„Unlearn Vitruvius“ lautet eine der vierzehn analytischen Themengruppen im Buch. Die ersten sieben sind dem Architekten, die darauf folgenden der Architektur gewidmet. Ausgehend von der Prämisse, dass die Architektur in ihrer gegenwärtigen Form ihre Glaubwürdigkeit verloren hat, zögert de Graaf nicht, ohne Zynismus, aber mit überzeugender Aussagekraft auf aktuelle Missstände aufmerksam zu machen und plädiert fordernd für eine Neuausrichtung der Architektur.
„From an inward-looking bastion of creative individuals, it must evolve into a comprehensive field of knowledge – not an applied art, but a natural science.“ Sich keiner Illusion hingebend, weist er darauf hin, dass „recalibrating global built substance to the global population cannot take place without massive expropriation … and cannot take place without great risk to the financial system.“ Ein System, das auch mit Bezug auf die Architektur an die Kapitalakkumulation gekoppelt ist. „As soon as economic return from capital eclipses the economic return from labour inequality and unfair relations follow“, führt er aus.
De Graaf weist Spekulationsgewinne mit Bezug auf Leerstand nach. Sein Plädoyer lautet: „Stop building until the existing stock runs out.“ Es scheint lapidar, aber eine bittere Notwendigkeit, wenn er sagt: „You need to use what you have“. Nur steht das im kapitalistischen System wegen spekulativer Erwartungen nicht zur Verfügung.
Hier hätte man sich im Zusammenhang mit dem Schrei nach Veränderung mehr Argumente, adressiert an Politik und Gesetzgebung gewünscht. So wie Ernst May 1930 vom Staat gefordert hatte, dass dieser Bauland der Bodenspekulation entziehen und die städtebaulichen, tiefbau- und hochbautechnischen Bauvorschriften nach Möglichkeit erleichtern solle.
Besonders augenscheinlich wird im Text de Graafs Duktus eines provokativen Charakters mit der Betitelung „Forget about Sustainability“. Kein Architekt würde heute wagen, seine Architektur dem Markt als nicht umweltgerecht anzubieten. Zur Vermarktungsstrategie gehört stets dieses Label. Mit Bezug auf die wiederum stets erneut scheiternden Klimaziele heißt es im Buch: „Sustainabilty efforts in the hope of avoiding the worst are unconvincing. Buildings do not alter the nature of climate change. Climate change alters the nature of buildings.“ Nachhaltigkeit sollte man – so des Autors Argumentation – nicht mit Dauerhaftigkeit gleichsetzen, denn „the built environment will exist in a perpetual flux“.
Er unterstreicht, dass Langlebigkeit nicht auf das Materialisierte, sondern auf das Prozessuale hin zu denken sei. Hier kommt auch, eben im Sinne des Prozessualen der Dauerhaftigkeit, die Wiederverwertung ins Spiel, für die im Buch plädiert wird. Der Begriff der Dauerhaftigkeit taucht – oft gepaart mit dem des Ökosystems – und innerhalb dessen mit den Klimaveränderungen auf. De Graaf geht von der Prämisse aus: „We cannot mitigate climate change, we have no choice to adapt to it and explore meaningful ways to coexist with the inevitable“. Hier wird er mit Bezug auf die Architektur konkret und spricht von „floating homes“ und „amphibious buildings“.
„Architecture without Architects“ hieß die von Bernard Rudofsky 1964 im New Yorker MoMA kuratierte Ausstellung. De Graaf, Partner bei OMA und Mitgründer von AMO, fordert im ersten seiner Kapitel „Firms and Founders“ eine „Architecture without Figureheads“. Anstelle eines Architekturbüros, das auf Gedeih und Verderb an eine Person gebunden ist, plädiert er für ein Kollektiv, das als Arbeitsgemeinschaft die Verantwortung trägt. Selbst in einer Familie mit Gewerkschaftshintergrund sozialisiert, plädiert er seinerseits für „architects unite“. Es stellt sich die Frage, an wen eine Gewerkschaft der Architekten ihre Forderungen richten soll. Im gegenwärtigen Zustand der Architekturproduktion könnten sich diese an die Auftragnehmer oder Eigner von Architekturbüros richten und im Falle von architektonischen Großunternehmen wiederum an die „Figureheads“. Ein kooperatives Zustandekommen von Entwürfen würde das Urheberrecht obsolet machen und das Produkt Architektur vom gewinnorientierten Warencharakter entbinden.
Last but not least ergeht auch an die Ausbildung von Architekten die Forderung, ein Jahr praktische Erfahrung auf dem Bau in das Curriculum zu integrieren. „The tutored builders do not subordinate their work to the welfare of the people“, schreibt Rudofsky und fährt fort: „in accepting chaos and ugliness as our foreordained fate, we neutralize any and all misgivings about the inroads of architecture in our lives with lame protests“. De Graafs Antidote ist „the alignment of preoccupation to the depressing issues of the world at large“, und er gibt zu bedenken: „It would require a level of global solidarity unseen in history“.
Das Buch ist kein „Ruf zum Bauen“, sondern eine Introspektion der Disziplin, ihrer Autoren und ihrer Produktionsbedingungen. Es zeigt auf, welche Auswirkungen die weltweiten Kapitalegoismen auf diese Disziplin und ihre Autoren haben. Der Laswellschen Formel „who says what to whom, in which channel, with what effect“ folgend – und man möchte hinzufügen „under which circumstances“– wird in „Architecture against Architecture. A Manifesto“ informativ und provokativ das Bauen seziert.
Text: Franziska Bollerey
Architecture against Architecture. A Manifesto
Reinier de Graaf
Englisch
272 Seiten
Verso Books, London 2026,
ISBN 978-1-80429-903-6
22,27 Euro



