05.04.2019

Formale Provokation in Weimar

Bauhaus-Museum von Heike Hanada eröffnet

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Der monolithische Kubus des neuen Bauhaus-Museums Weimar von Heike Hanada sitzt am Hang zum Weimarhallenpark. Foto: Andrew Alberts / © heike hanada laboratory of art and architecture 2019

Heute eröffnet das Bauhaus-Museum Weimar. Damit ist der Wettstreit der drei historischen Bauhaus-Standorte um den interessantesten Neubau eröffnet, denn nach der Klassikerstadt werden in einem halben Jahr in Dessau und in drei Jahren in Berlin Neubauten eröffnen. Die zentrale Frage: Wie kann die berühmteste Kunstschule der Welt aktuell vermittelt werden – und welche Rolle spielt die Architektur? Unser Autor Gregor Harbusch kam ratlos aus Weimar zurück.

Von Gregor Harbusch


Lange Zeit wurde das Bauhaus-Erbe in Weimar stiefmütterlich behandelt. Goethe und die deutsche Klassik schienen wichtiger für das Selbstverständnis der Stadt. Erst seit 1995 gab es ein Bauhaus-Museum am Theaterplatz, doch dieses hatte nur provisorischen Charakter. Im März 2012 wurde ein offener, zweistufiger Wettbewerb für einen angemessenen Neubau entschieden. Das Votum der Jury unter Vorsitz des Hamburg Architekten Jörg Friedrich war bemerkenswert, denn die Preisrichter konnten sich auf keinen ersten Preis einigen, sondern vergaben zwei zweite und zwei dritte Preise, darunter einen dritten Preis an Heike Hanada mit Benedict Tonon (beide Berlin). Die beiden konnten sich dann im anschließenden VOF-Verfahren, das auch eine Überarbeitung der Entwürfe umfasste, durchsetzten. Beauftragt wurde schließlich Hanada allein, die mit dem Museum ihren bisher größten Bau realisieren konnte.

Viel wurde seit der Auslobung des Wettbewerbs über den Standort des Museums geklagt – irgendwie uneindeutig und verzwickt zwischen den vulgärklassizistischen Bauten des nationalsozialistischen Gauforums, dem schönen Weimarhallenpark und der kleinteiligen Bebauung der nördlichen Altstadt. Ein Geländesprung von fast sechs Metern zum tiefer gelegenen Park sowie das selbstbewusst auftretende Kongresszentrum vom gmp quer gegenüber dem Bauplatz machten das Ganze nicht besser. Mit dem Neubau verband sich der hehre Wunsch, diese heterogene und historisch belastete Situation neu zu interpretieren. Dass dies gelungen ist, darf man – auch wenn alle Beteiligten das Gegenteil behaupten – durchaus bezweifeln. Denn dafür bezieht sich der Neubau in seiner monolithischen Geschlossenheit doch zu sehr auf sich selbst, während er zugleich seltsam im Windschatten des Gauforums mit seiner bizarren, halboffenen Tiefgarage und dem unzugänglichen Einkaufszentrum liegt.

Kostenfragen

Im November 2015 fand der erste Spatenstich statt. Damals hatte man noch mit Baukosten in Höhe von knapp 23 Millionen gerechnet. Am Schluss wurden es 27 Millionen Euro (Kostengruppen 100-700), wobei 3,6 Millionen Mehrkosten durch die allgemeine Kostensteigerung entstanden und 800.000 Euro durch neue Teilprojekte wie eine Photovoltaikanlage und die Fassadenbeleuchtung. Circa 2.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche umfasst das fünfgeschossige Haus, das Hanada so an den Hang setzte, dass sich Cafeteria und Vortragssaal im sockelartigen Untergeschoss gelungen zum Park öffnen. Das Erdgeschoss ist der Erschließung gewidmet, in den drei Obergeschossen liegen die Ausstellungsräume.

Auffällig sind die Betonrippendecken, in die die Architekten geschickt die notwendige Museumstechnik integrierten, sowie die etwas gewöhnungsbedürftige, grobkörnige Kalkschlämme der Innenwände. Die durchgängig gelungene Ausstellungsgestaltung übernahmen Holzer Kobler Architekturen (Zürich, Berlin), die ausschließlich mit Metall, Glas und Textilien arbeiteten und ein zeitloses und leichtes Display schufen, das immer wieder erstaunlichen Mut zur Farbe beweist.

Hülle und Werkstatt

Die komplett künstlich belichteten Ausstellungsräume bedingen die weitgehend geschlossene Fassade aus Betonplatten mit horizontalen Fugen, in die wiederum LED-Bänder eingelassen wurden, die den wuchtigen Baukörper nachts in sanftes Licht tauchen sollen. Die Architekten hatten von Anfang an eine Betonfassade bevorzugt, zwischenzeitlich arbeitete man an einer hinterleuchteten Glashülle, ließ diese Idee aber aus konzeptionellen Gründen schließlich fallen – nicht aus finanziellen, wie Thüringens Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff auf der Pressekonferenz am Donnerstagmorgen nochmals betonte.

Die Gebäudehülle aus Beton ist sicherlich ehrlicher als wenn man dem Kubus eine Glasfassade vormontiert hätte, doch ihre ästhetische Konzeption ist erstaunlich konservativ und sucht den expliziten Rückgriff in die Architekturgeschichte. Hanada bezieht sich mit ihrem Entwurf erklärtermaßen auf die Frühphase des Bauhauses „zwischen Klassizismus, Jugendstil und der Entwicklung der Moderne“. Das Ergebnis ist geprägt von einer expliziten Verankerung im Repertoire der historischen Architekturelemente: Sockel, Attika, Gesimse, stehende Fenster und ein hohes Eingangsportal bestimmen das Bild. Monumentalität und Erhabenheit sind explizite Ziele der Architektin.

Das neue Bauhaus-Museum hat sich laut seiner Leiterin Ulrike Bestgen vorgenommen, ein „diskursives Museum“ zu sein, in dem kritische Diskussion und zeitgenössische Vermittlungsangebote gefördert werden sollen. Generaldirektor Wolfgang Holler ließ im Kontext des Architekturwettbewerbs 2012 sogar verlautbaren, dass man mit dem Neubau nicht so sehr auf das Auratische der Objekte ziele, sondern dass das Haus eine Werkstatt für „innovative, prozessuale, ja radikale Präsentationen“ sein soll. Von diesem Anspruch ist auf architektonischer Ebene wenig zu spüren. Das Haus funktioniert augenscheinlich gut und bietet gelungene Ausstellungsräume – aber es ist letztlich doch ein konventioneller Museumsbau. Weder innen noch außen wird viel gewagt.

Formale Provokation

Die Provokation findet vor allem auf der formalen Ebene statt, indem im Kontext des Gauforums mit dem Vokabular klassischer Baukunst hantiert wird. Misst man das Haus am architektonischen Maßstab, den die Architektin anlegt, also an der Interpretation formaler Bezüge, mag man das Ergebnis als durchaus schlüssig empfinden. Geht man jedoch einen Schritt weiter, dann stellt sich doch rasch die Frage: Reicht es wirklich, ein solches architekturhistorisches Interpretationsspiel zu betreiben, wenn man über angemessene Musealisierungsstrategien und zukunftsorientierte Verhandlungspraktiken des Bauhaus-Erbes im frühen 21. Jahrhundert und im Schatten deutscher NS-Architektur nachdenkt?

Wer sich nun aufmacht, diese Frage in Weimar selbst zu beantworten, der sollte unbedingt auch in das neu eingerichtete Neue Museum gehen. Dort ist die gehaltvolle, dabei erstaunlich unbeschwert und zugleich überzeugend inszenierte Ausstellung „Van de Velde, Nietzsche und die Moderne um 1900“ zu sehen. Was ganz harmlos mit Landschaftsmalerei des späten 19. Jahrhunderts beginnt, endet in der Berufung von Walter Gropius zum Direktor des Bauhauses – und ist nicht weniger als die  souveräne Dekonstruktion des Mythos, dass am Bauhaus aus dem Nichts heraus die Welt neu erfunden wurde.

Fotos: Andrew Alberts, Thomas Müller