Zeitgenössisch interpretiert
Zwei Stadthäuser in Potsdam von zanderroth
Zwei neue Stadthäuser sind in Potsdams Mitte fertig geworden. Das für die Entwürfe verantwortliche Büro zanderroth (Berlin) musste dabei mit strengen Gestaltungsvorgaben umgehen. Denn rund um den Alten Markt wird fleißig rekonstruiert. Die Vorgeschichte dieser Planung beginnt schon mit der Wende.
Bereits im Oktober 1990 hatte die Stadtverordnetenversammlung von Potsdam beschlossen, dass der Bereich um Nikolaikirche und Stadtschloss nach dem „historisch gewachsenen Stadtbild“, sprich: dem barocken Zustand in Stadtgrund- und -aufriss, umgestaltet werden soll. Das Institut für Lehrerbildung von 1974, in dem seit der Wende die Fachhochschule Potsdam saß, ließ man abreißen.
An seiner Stelle entstehen aktuell zwei Stadtblöcke mit kleinen Parzellen, die eine gewachsene Stadtstruktur nachempfinden und für Architektur- und Nutzungsvielfalt sorgen sollen. Der südlichere „Block III“ wird derzeit fertig. Die 14 Parzellen waren 2017/18 in einem aufwändigen Vergabeverfahren der Stadt zum Festpreis und nach Nutzungskonzept verkauft worden. Konzepte, die bezahlbaren Wohnraum versprachen, wurden bevorzugt. So konnten sich letztlich nur vier private Bauherren durchsetzen. Alle anderen Lose wurden an zwei Potsdamer Wohnungsbaugenossenschaften vergeben, die gut 80 Prozent des Blockes verantworten.
Architektonisch mussten an den Eckbauten von Block III die historischen Fassaden originalgetreu rekonstruiert werden. Die Bauten dazwischen durften in „zeitgenössischer Architektursprache“ entstehen, wenn sie sich an bestimmte, festgelegte „historische Dimensionen“ hielten. Unter diesen Rahmenbedingungen wurden auch die zwei Stadthäuser von zanderroth fertiggestellt. Beides sind Wohngebäude mit einer Gewerbeeinheit im Erdgeschoss, Bauherrin ist die Potsdamer Wohnungsgenossenschaft Karl Marx eG. Die Architekt*innen von zanderroth begleiteten die Leistungsphasen eins bis vier.
Das größere der beiden Häuser ist ein zurückhaltender Dreigeschosser an der Friedrich-Ebert-Straße. Mit einer Fassade aus unverputzten Backsteinfeldern, bodentiefen Fenstern und kräftigen, horizontalen Betonbalken ist er eindeutig als zeitgenössische Interpretation historischer Bauweisen und -materialien zu erkennen. Über der Gewerbeeinheit gibt es in jedem Obergeschoss zwei Zwei-Zimmer-Wohnungen zur Straße und zwei durchgesteckte Vier-Zimmer-Wohnungen. So sind zwölf Wohnungen mit insgesamt 837 Quadratmetern Wohnfläche und Gewerbe über 309 Quadratmeter Nutzfläche entstanden.
An der Erika-Wolf-Straße, die zwischen den beiden neuen alten Stadtblöcken verläuft, befindet sich auf einer Parzelle von nur 333 Quadratmetern ein kleineres Haus. Die Fassade wird von Betonfertigteilen im Sockel und entlang der Geschossdecken strukturiert. Einen Akzent in kräftigem Rot setzen die Fensterprofile und -geländer sowie das Hoftor. Hier gibt es sechs Wohnungen mit insgesamt 461 Quadratmetern Wohnfläche sowie eine Gewerbeeinheit mit 84 Quadratmetern.
Die Architekt*innen berichten, dass ihre beiden Entwürfe nicht nur im Auswahlverfahren, sondern auch im weiteren Bauverlauf durch das städtische Begleitgremium streng kontrolliert wurden. Zu diesem Gremium gehörten unter anderem Petra Kahlfeldt, Uli Hellweg und Urs Kohlbrenner. Im Bebauungsplan sei sehr vieles bereits festgelegt worden, darunter die Trauf- und Firsthöhen, Dachneigungen und Fassadenmaterialien. Wärmedämmverbundsysteme waren ausgeschlossen, mineralischer Stein wurde ebenso empfohlen wie Fallrohrnischen und die Hervorhebung des Sockels durch Farb- und Materialwechsel. So seien an ihrem Entwurf unter anderem auch die Fenstergeländer kritisiert worden, da diese „Fremdkörper“ für Potsdam seien.
Die Wohnungen in beiden Häusern konnten zu „mietgedämpften Preisen“ unterhalb des Potsdamer Mietspiegels leicht und schnell unter den Genossenschaftsmitgliedern vergeben werden. (fh)
- Architektur:
- zanderroth (LPH 1-5), van Geisten Marfels Architekten (LPH 6-9)
- Team Architektur zanderroth:
- Christian Roth, Sascha Zander, Burkhard Köhler, Joost Willms, Isabel Fischer Perez-Lozao, Tilman Heiring
- Bauherrschaft:
- Wohnungsgenossenschaft Karl Marx Potsdam eG
- Bruttogrundfläche oberirdisch Friedrich-Ebert-Straße:
- 1.540 Quadratmeter
- Bruttogrundfläche oberirdisch Erika-Wolf-Straße:
- 803 Quadratmeter
- Fläche:
- 2.343 m² Bruttogrundfläche oberirdisch (Summe beider Häuser)
Eines von den vier privat entwickelten Projekten in Block III ist das Haus für Musik nach Entwürfen von abcarius + burns (Berlin).
Der 1972 errichtete Staudenhof, der sich schräg gegenüber von Block III befand, wurde längst abgerissen.







Wenn die Architektur wieder menschlicher werden würde. Orte voll Schönheit und zum Wohlfühlen geschaffen werden würde, dann würde bestimmt kein Mensch über Rekonstruktionen nachdenken.
Wie viele Neubaugebiete oder neu errichtete Stadtviertel kennen Sie, die eine Qualität der Jahrhundertwende oder einer Gartenstadt erreichen?
An den Hochschulen in Baden-Württemberg weiß ich aus eigener Erfahrung was gelehrt wird. Mir Populismus vorzuwerfen nur weil ich die Wahrheit ausspreche ist gängige Masche derer die ihr gelerntes Meinungsbild nicht zu hinterfragen lernen. Mein Diplom-Entwurf würde ich heute nicht mehr so machen, sie haben ihr Modell vermutlich noch auf dem Nachttisch stehen.
Gute Architektur darf immer neu aussehen, vor allem wenn sie neu ist. Neu heißt aber nicht das sie sich vom Alten abgrenzen muss/soll. Architektur hat sich immer entwickelt. Leider erkenne ich keine Entwicklung mehr, bzw. die Entwicklung ist negativ. Dafür gibt es mit Sicherheit viele Gründe dafür, eine davon ist die Architekturlehre.
"Die 14 Parzellen waren 2017/18 in einem aufwändigen Vergabeverfahren der Stadt zum Festpreis und nach Nutzungskonzept verkauft worden. Konzepte, die bezahlbaren Wohnraum versprachen, wurden bevorzugt. So konnten sich letztlich nur vier private Bauherren durchsetzen. Alle anderen Lose wurden an zwei Potsdamer Wohnungsbaugenossenschaften vergeben, die gut 80 Prozent des Blockes verantworten."
Geht es nur mir so, oder klingt das so, als stünde die Redaktion diesem Vergabeverfahren kritisch gegenüber? Wieso? Ist das nicht toll?! Da kommt endlich mal nicht der Investor zum Zuge, der nur Luxuswohnungen oder Büros baut, sondern ein paar private und vor allem Wohnungsbaugenossenschaften. Da wird endlich mal auf´s große Ganze - die Nutzung - geschaut, statt auf maximalen Profit. Und ja, da wird auch ganz genau auf die Ausführungsplanung geschaut, damit die Häuser gut altern. Und das mitten im Stadtzentrum! Hurra!
- weder „die Potsdamer Projekte“ (welche?) noch der Domrömer noch der Moltke-Markt (Sie meinen den Molkenmarkt, oder?) werden „von der Bevölkerung gefeiert“. Das gilt ganz besonders NICHT für den Molkenmarkt, der aktuell ein entsetzlicher Ort ist und über dessen künftige Gestaltung noch nicht entschieden ist. Oder wissen Sie da mehr?
- „in den Architekturhochschulen lernt man nur Bauhaus-Kisten mit Flachdach zu entwerfen“ … das ist nun wirklich der größte populistische Unsinn. Gehen Sie bitte mal zu einer Hochschule in ihrer Nähe und sehen sich dort die Entwürfe an, Sie werden sicher überrascht sein.
Schönheit zu wollen ist nicht rechts und gute Architektur auch nicht. Immerhin hier können wir uns einigen. Aber was „gute Architektur“ dann genau ist, da gehen unsere Meinungen sicher wieder sehr stark auseinander. Ich glaube, dass gute Architektur sowohl alt oder neu aussehen darf, und dass sie alle Dachformen in Betracht ziehen sollte. Flach oder Steil ist nicht der Schlüssel zum Glück. Ihnen alles Gute und gute Besserung.