Zur Potsdamer Abrissdebatte
Breites Bündnis für Erhalt des Staudenhofs
Der Streit um die Gestalt der Potsdamer Innenstadt geht munter weiter. Nachdem mit der umstrittenen Rekonstruktion des „Minsk“ die Preisgabe bestehender DDR-Architektur in der brandenburgischen Landeshauptstadt zuletzt wieder einmal ausgiebig diskutiert wurde, steht mit dem Staudenhof das nächste Stück Ostmoderne auf dem Spiel. Dagegen formiert sich nun ein Bündnis.
Von Maximilian Hinz
Wo heute unmittelbar hinter der Potsdamer St. Nikolaikirche noch ein 1972 erbautes Wohn- und Geschäftshaus, der so genannte Staudenhof weilt, soll bald nach Plänen der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung ein weiterer Neubaublock die vormals barocke Stadtstruktur nachempfinden. Es wäre der nächste Griff in die Vergangenheit in Potsdams Mitte: Die einstige Fachhochschule musste dem historischen Grundriss bereits 2018 weichen, das Rechenzentrum hat im Wettkampf mit dem Wiederaufbau der Garnisonkirche immerhin einen Aufschub bekommen. Auf einer Pressekonferenz in eben jenem widerständigen Rechenzentrum hat sich am heutigen Freitag, 25. November 2022 ein breites Bündnis um die Initiator*innen Anja Günther, Stadtverordnete in Potsdam (Die Linke), und Frank Schönert, Mitgründer von Hütten & Paläste, offensiv gegen den Abbruch und für den Erhalt des Staudenhofs ausgesprochen. Dabei geht es der Initiative weniger um einen ideologisch aufgeladenen Bilderstreit, vielmehr fordert sie einen klimagerechten und sozialverträglichen Weiterbau des Bestandes.
Ersetzt werden soll der L-förmige Plattenbau mit seinen 186 größtenteils 30 Quadratmeter großen Wohnungen durch Neubauten nach Maßgabe des Leitbautenkonzepts „Potsdamer Mitte“. Neben der Annäherung an den einstmaligen Stadtgrundriss ist in den Planungen auch die Errichtung von sogenannten „Erinnerungsarchitekturen“ mit Fassaden nach historischem Vorbild vorgesehen. Das Ganze ist Teil eines 1999 ausgewiesenen Sanierungsgebietes, dessen Hauptziel laut Satzung die Beseitigung „städtebaulicher Missstände“ ist.
Künftig sollen 20 bis 30 Prozent der geplanten Fläche dem Gewerbe gewidmet werden, die restlichen rund 10.000 Quadratmeter Nutzfläche dem Wohnen, drei Viertel davon wohl mietpreis- und belegungsgebunden. Die dafür nötigen Mittel sollen aus der Wohnraumförderung des Landes Brandenburg stammen.
Ein weiterer Grund für die Abrissentscheidung waren Berechnungen der Eigentümerin – dem kommunalen Bauunternehmen ProPotsdam – nach denen eine Sanierung unwirtschaftlich sei. Ursache dafür könnten, erklärte Sophie Haebel (Energie Forum Potsdam), nur höhere Gewerbemieten und die Verwendung von Fördermitteln sein. Beispielsweise stünden im Rahmen des städtebaulichen Denkmalschutzes auch Zuschüsse für den Abriss zu Verfügung.
Das neu formierte Bündnis prangert an, dass Abriss und Neubau – noch dazu im historisierenden Gewand – angesichts der Klimakrise ohnehin nicht mehr zeitgemäß sind – erst kürzlich richtete auch das Abrissmoratorium ganz ähnliche Kritik an die Bundesbaupolitik. Nicht nur sei die Ressourcen- und Energiebilanz weitaus schlechter als bei einer Instandsetzung, ein Abriss hätte in diesem Fall auch die Verdrängung von über 230 Bewohner*innen aus der Innenstadt zur Folge, darunter zahlreiche Geflüchtete. Stattdessen sieht die Initiative im Staudenhof die Chance für ein Modellprojekt der längst überfälligen Bauwende. Mit vergleichsweise geringem Kosten- und Materialaufwand sei ein ökologischer und sozialgerechter Umbau möglich.
Das letzte Wort scheint hier noch nicht gesprochen. Zu den über 200 Erstunterzeichnenden des von der Initiative gestarteten Aufrufs zählen unter anderem der BDA, die Architektenkammern der Länder Brandenburg und Berlin, die Potsdamer Gruppen von Architects und Fridays for Future, Pritzkerpreisträger Jean-Philipp Vassal sowie zahlreiche Vertreter*innen aus Forschung, Lehre und der Zivilgesellschaft. Am Mittwoch, den 7. Dezember 2022 werden die Forderungen offiziell an Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) übergeben.
Fotos: Leon Lenk
Häuser in städtischen Quartieren formen und säumen den öffentlichen Raum, bzw. sollten dieses tun. Der öffentliche Raum ist ein Gesamtkunstwerk oder sollte diesen Anspruch an sich stellen, ein Gesamtkunstwerk, dessen Teile sich dialektisch zueinander verhalten oder sich gegenseitig referenzieren. Denn erst durch das gekonnte Verbinden einzelner Elemente entsteht ein Sinnzusammenhang. Ausgangspunkt muss in hierarchisch richtiger Reihenfolge immer der städtebauliche-stadträumliche Zusammenhang sein. Der qualitative Anspruch des umgebenden Stadtraums muss also über die Einzelarchitektur gestellt werden. In welcher Art und Weise bespielen die einzelnen Häuser oder Hausensembles einen Platz- oder Straßenraum? Leisten diese Einzelarchitekturen keinen Beitrag zur Raumbildung, bzw. festigen oder verstärken sie den Stadtraum nicht, müssen sie infrage gestellt werden. Denn das ist hier der Fall. Also die Qualität des städtischen Raums muss über der "Qualität " eines Solitärs stehen und nicht umgekehrt. Ein geplanter Neubau, der den Stadtraum nicht verbessert, ist es nicht Wert, gebaut zu werden, bzw. ein Haus, das den Stadtraum als Ganzes nicht respektiert und keinen hochwertigen öffentlichen Raum generiert, also falsch platziert ist, muss infrage gestellt werden dürfen. Es verhält wie in einem Zimmer. Die Außenwände des Innenraums (eines Hauses) sind die Innenwände eines Außenraums (Platz, Straße). Sowohl das Fehlen einer Außenwand eines Hauses als auch das Fehlen einer Platz- oder Straßenwand ist für den Raum, innen wie außen, nicht zuträglich. Die Position des Staudenhofs verschafft der Nikolaikirche keinen rahmenden Rücken, damit dem Alten Markt keine raumabschließende Platzwand, so wie dieses die modifizierten künftigen Quartiere/Blöcke es leisten können. Es wird also mit der beabsichtigten baulichen Rahmung ein in sich abgeschlossener Platzraum mit hoher Aufenthaltsqualität geschaffen, so wie es z.B. in den Büchern von Joseph Stübben (Der Städtebau) oder Camillo Sitte (Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen) beschrieben wird. In Sittes Kapitel Beziehung zwischen Bauten, Monumenten und Plätzen wird unterschieden zwischen Agora oder Forum und Marktplatz und das Streben, an diesen Hauptpunkten der Stadt die hervorragendsten Bauwerke zu vereinigen . . Diese hervorragenden Bauwerke (Barberini, Altes Rathaus, Landtag im Schloss) existieren bereits und sind Platzwand oder stehen in der Mitte eines Platzes (Nikolaikirche) und benötigen nur noch die sie umgebenden Platzwände, die nun geschaffen werden sollen. Solange die Daseinsberechtigung einzelner Gebäude unabhängig von ihrer architektonischen Qualität und stadträumlichen Bedeutung ausschließlich aus ihrer Repräsentanz für eine bestimmte Zeit hergeleitet wird, solange bewegen wir uns in der gemordeten Stadt (Wolf Jobst Siedler 1964).
Nach dem Motto: "Ach wenn doch der alte Fritz noch leben würde wäre alles besser..." Also, ein für alle Mal: Stehenlassen. Umnutzen. Preise und Lob und Fördermittel einheimsen. Und der "Eigentümerin" mal ordentlich den Marsch blasen, auf dass sie kompetente Leute an die Rechnerei setzen. Die sogenannten Rechnungen haben mich schon zu Studentenzeiten aufgeregt. Ein Haus kaputtrechnen kann heutzutage jeder Werkstudent. Da erwarte ich von der hochdotierten Verwaltung anderes und besseres. Vielleicht geht von Potsdam ja doch mal wieder etwas positives und der Allgemeinheit förderliches aus. Jenseits der üblichen Tümelei. Danke.