Im Dickicht der Lorbeeren
Zur Debatte um Architekturpreise
Die Juryentscheidung zum DAM-Preis 2026 hat Wellen geschlagen. Der Ruf des Pritzker-Preises steht wegen der Verbindung seines Repräsentanten zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein in Frage. Beides befeuert eine schwelende Debatte über die Aussagekraft von Architekturpreisen.
Immer mehr Institutionen, Verbände und Unternehmen nutzen Preise für ihre Außendarstellung. Als Fachmedium wollen wir Orientierung bieten, Rahmenbedingungen und Jurybesetzung beleuchten, Hintergründe aufzeigen und Entscheidungen einordnen. Ein Nachjurieren liegt uns fern. Denn wir wissen um den Spagat der Juror*innen, Äpfel mit Birnen und Brokkoli vergleichen zu müssen, im Namen der Ausloberin zu entscheiden und die formulierten Kriterien zu gewichten. Einer Entscheidung gehen oft hitzige Debatten voraus. Ist Nachhaltigkeit ein ästhetisches oder ein technisches Kriterium, sind soziale Wirkung und gesellschaftlicher Mehrwert wichtiger als gestalterische Qualität? Wen und was rückt die Wahl ins Rampenlicht und wer fühlt sich dadurch provoziert?
Verlässlich hässlich?
Dass der DAM-Preis 2026 an das Berliner Zentrum für Kunst und Medien von Peter Grundmann Architektur ging, fanden wir mutig. Die Erweiterung eines ehemaligen Güterbahnhofgebäudes hinterfragt so manche Prämisse des hiesigen Bauens und beweist, dass mit überschaubarem Budget offene und flexible Räume für Kunst und Kultur entstehen können, schrieb unser Autor.
Ein Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hingegen hat die DAM-Preis-Entscheidung unter der online inzwischen geänderten Überschrift „Verlässlich hässlich“ kritisiert. Matthias Alexander sah darin „die Abwesenheit von – horribile dictu – Schönheit, die beim Gang durch die Ausstellung und beim Blättern durch den dazugehörigen Katalog verstört“. Selbst wenn man zusätzlich Kühnheit als hinreichende Tugend gelten lasse, gäbe es erschreckend wenig Überzeugendes zu entdecken. Die Auswahl des Deutschen Architekturmuseums zeuge vor allem von der Engstirnigkeit des sozial-ökologisch orientierten Preisrichter-Milieus. Auch die NZZ sprang auf die Kritik auf und holte zu einem fachlich unqualifizierten Rundumschlag aus. Vielstimmige Widerrede folgte beispielsweise auf LinkedIn.
Es gehört zum Mantra vieler Konservativer, den Begriff Schönheit für eine Ästhetik zu vereinnahmen, die tradierten Regeln folgt. Doch wer heute die Abwesenheit von Schönheit in Architekturpreisen beklagt, argumentiert mit dem Leitmotiv einer Zeit, in der das Formale Garant für eine Auszeichnung war. Als fast ausschließlich neu errichtete Einzelbauwerke gefeiert wurden, Einzelpersonen im Rampenlicht standen und sich niemand für Planungsprozesse interessierte. Doch Jurys diskutieren heute nicht nur Traufdetails, Fensterlaibungen und Fassadenbild, sondern auch Kreislauffähigkeit, Materialbewusstsein und Bestandserhalt. Auch das zahlt ein auf die Schönheit der Gestaltung. Architekturpreise sind Positionierungen. Sie sollen einladen darüber zu reden, was Architekturschaffenden den Weg in die Zukunft weisen könnte.
Schönheit der Nachhaltigkeit
Wegweisende Planung umfasst weit mehr, als eine bauliche Aufgabe gestalterisch zu lösen. Auch ein durchdachter Hochwasserschutzplan oder ein Partizipationsprozess sind Architektur im weitesten Sinne. In diesem oft unsichtbaren Tun eine baukulturelle Qualität und eine Art Schönheit zu erkennen, ist eine Herausforderung für alle, die beim Planen und Bauen das Wegweisende suchen.
Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) zum Beispiel hat seinem alle drei Jahre an Architekt*innen und Bauherrschaft vergebenen Preis Nike kürzlich ein Update verpasst. Die sechs bisherigen Kategorien (Atmosphäre, Symbolik, Fügung, Komposition, Neuerung, Soziales Engagement) mit ihrer arg formalen Schlagseite wurden ebenso abgeschafft wie die sogenannte Große Nike. Stattdessen definiert die Jury die Kategorien selbst und vergibt gleichberechtigte Preise – bis zu sieben Nikes insgesamt.
Ein Preisgericht muss heute herausfinden, inwiefern die Ambitionen der Projektbeteiligten und ihr Weg mit dem Ergebnis zusammenpassen. Dass sich diese, nennen wir sie Schönheit der Nachhaltigkeit, immer seltener über Bilder erklärt, die den Rezeptionsgewohnheiten für Architektur entsprechen, macht es nicht einfacher. In einer Zeit, in der gestern noch zukunftsweisend klingende Begriffe im Handumdrehen zur Floskel werden können, in der die Rolle der Bilder als Qualitätsbeweis in Frage steht, braucht es Informationen, die über Zahlen, Bilder und Pläne hinausreichen. Nicht nur die Fachmedien können hierzu einen wichtigen Beitrag leisten, auch Menschen, die die Wirkung eines Projekts vor Ort einschätzen können. Ob die Jury ihre Finalisten bereist und mit Planungsbeteiligten wie Nutzer*innen spricht oder sich bei ihrer Entscheidung in Bildkritik übt, bestimmt längst über die Relevanz eines Architekturpreises. Der Aga-Khan-Award for Architecture hat hier frühzeitig Maßstäbe gesetzt.
Wer prämiert wen?
Und was ist mit den Ausgezeichneten? Gerade bei Preisen, die von der Industrie ausgelobt werden, stellt sich immer auch die Frage, wer da eigentlich wen auszeichnet und womit sich Auslober und Stifter schmücken wollen. Welche Auswahlgremien beweisen einen visionären Blick und welche orientieren sich an bereits zuvor vergebenen Auszeichnungen.
Ein kurzer Blick auf die Geschichte des Schelling-Architekturpreises zum Beispiel zeigt, dass sein Kuratorium in der Vergangenheit mehrfach Signalgeber für weltweit bekannte Architekturpreise gewesen ist. Mit Preisträgern wie zum Beispiel Zaha Hadid (1994), Kazuyo Sejima (2000), Anne Lacaton & Philippe Vassal (2006) war die Schelling Architekturstiftung Jahre früher als die Jury des Pritzker-Preises, dessen Preisträger wiederum häufig als Stichwortgeber für den von der Japan Art Association vergebenen Praemium Imperiale gelten.
Seit dieser Woche steht der Ruf des häufig als Nobelpreis der Architektur bezeichneten Pritzker-Preises infrage. Viel Preisgeld (100.000 US-Dollar) ist im Spiel, die Auswahl geschieht mit weltumspannendem Blick, Menschen werden für ihr Lebenswerk geehrt, die Bekanntgabe ist minutengenau angekündigt, inszeniert wie bei den Oscars. Hier manifestiert sich ein elitäres Clubdenken, bei dem die milliardenschweren Erben der Hotelkette Hyatt auf den ebenfalls weltumspannend abgehaltenen Preisverleihungen zum Stelldichein mit den Preisträger*innen laden.
Der Hyatt-Erbe Thomas Pritzker repräsentiert als Präsident der Hyatt Foundation den von seinen Eltern Jay und Cindy Pritzker gestifteten Pritzker-Preis. Am Montag gab er wegen seiner Verbindungen zu Sexualstraftäter Jeffrey Epstein seine Position als Verwaltungsratschef der Hotelkette Hyatt auf. Er habe im Umgang mit Epstein ein „furchtbares Urteilsvermögen“ an den Tag gelegt und sich nicht früh genug distanziert, heißt es in seiner Erklärung. Ob sich Pritzker-Preisträger*innen zu Wort melden oder schweigen, wie die Süddeutsche Zeitung kritisiert, bleibt abzuwarten. Am 2. März sollte ursprünglich verkündet werden, wer den Pritzker-Preis 2026 erhält, doch vorgestern wurde die Angabe auf der Webseite zu „bald“ geändert.
Relevanz der Preise
Das Image eines Architekturpreises entsteht nicht allein durch Fokus und Dotierung. Vielmehr basiert es auf der Kombination aus Ziel, Juryzusammensetzung, Auswahlprozess und Ergebnis. Kann man sich bewerben oder nicht? Und was passiert, wenn die Teilnahmegebühren zu hoch sind oder im Falle einer Auszeichnung vierstellige Beträge für Ausstellung und Publikation fällig werden? Mitnichten kann ein Auslober davon ausgehen, dass sich auch alle der Konkurrenz stellen wollen.
Weder das Preisgeld noch die Prominenz der Preisträger haben dem DAM-Preis zu seinem Ruf als einer der wichtigsten deutschen Architekturpreise verholfen. Es waren geschickte Kommunikationszyklen von Longlist über Shortlist bis Finalisten und der Blick der jeweiligen Jury auf die Themen der Zeit und wie sich diese in der Kombination aus Programm, Gestaltung und Nutzung zum Zeitpunkt der Besichtigung darstellen.
Insofern darf man dem DAM und auch Matthias Alexander danken, die Debatte neu entfacht zu haben. Die Frage der Gestaltung muss Fachwelt wie Laien weiterhin beschäftigen. Sie im klassischen Sinne als Hauptkriterium für einen Architekturpreis heranzuziehen, ignoriert jedoch die gesellschaftliche Dimension von Architektur.
Transparenzhinweis: Die Autorin wirkt häufig in Preisgerichten mit. Unter anderem war sie 2010 und 2020 Teil der Jury des DAM-Preises und 2024 des Sächsischen Staatspreises für Baukultur.





Die größte Aufregung erzeugt das schlichte Haus von etal. Mit Bruttobaukosten von rund 3.500 €/m² in Bayern ist es vergleichsweise günstig gebaut. Rein formal ist es nicht hässlich, aber auch nicht schön. Ausgezeichnet wurde also nicht die Form, sondern der Inhalt. Und hier stellt sich die Frage: Warum eigentlich die Aufregung? Sollte junge, sozial orientierte Architektur in Deutschland nicht gefördert werden?
Der Wunsch nach ornamentvoller, prächtiger, großzügiger und wohl proportionierter Gestaltung ist vollkommen legitim. Die Komplexität, die Heterogenität der Stadtfassaden, das Spiel der Oberflächen, all das fehlt in weiten Teilen der zeitgenössischen Architektur.
Doch dann stellt sich eine andere Frage: Wer von den etablierten Architekten erfüllt diesen Anspruch? Wird die von Max Dudler, David Chipperfield und co erzeugte urbane Tristesse von konservativer Seite wirklich als Schönheit verteidigt? Oder ist man dort ebenso ratlos?
Ein Paradebeispiel für diese Hilflosigkeit ist die James Simon Galerie von David Chipperfield. Ein teurer Anbau mit dem Anspruch, modern und zugleich zeitlos zu sein, doch letztlich eine formal strenge, in ihrer Proportion fragwürdige Geste. Ähnlich ernüchternd ist die Entwicklung des Tacheles Quartiers durch renommierte Büros. Und wenn Herzog und de Meuron eine Lidl Scheune präsentieren, stellt sich ebenfalls die Frage:
Wo also ist die Schönheit in der zeitgenössischen Architektur?
Peter Zumthor fällt einem als einer der wenigen Baukunstmeister ein. Doch darüber hinaus wird es dünn.
Betrachtet man historische Gebäude, seien es Gründerzeithäuser, antike Theater, Renaissancevillen oder Fachwerkbauten, spürt man meist unmittelbar die Baukunst: die Ehrlichkeit der Materialität, die sichtbare Konstruktion, die stimmigen Raumproportionen, die schmuckvolle und heterogene Fassade, die das Auge fordert und erfreut. Das fehlt!
Doch auch den Konservativen sei gesagt: Vielleicht sollte man die eigenen Helden kritischer hinterfragen. Bei 130 Millionen Euro Budget hätte die James Simon Galerie durchaus mehr Komplexität vertragen. Die Mittel wären vorhanden gewesen.
Der DAM Preis ist einer der wenigen Preise, die von Theoretikern kuratiert werden. Das ausgezeichnete Haus von etal bildet daher durchaus den Zeitgeist ab. Deutschland befindet sich in einer wirtschaftlich schwierigen Lage, bezahlbarer Wohnraum fehlt vielerorts. Vielleicht regt das Projekt Menschen an, sich zusammenzuschließen, Ressourcen zu bündeln und gemeinschaftlichen Wohnraum zu schaffen. Selbstbau sollte nicht als Makel, sondern als Chance verstanden werden.
Deutschland ist vor allem ein Land der Arbeiter. Wir brauchen eine Architektur der Aneignung, eine Architektur, die befähigt, stärkt und zur Handlung ermutigt. Die wahre Schönheit eines Raumes entsteht nicht allein durch seine Form, sondern durch die Menschen, die ihn nutzen und mit Leben füllen.
typisch deutsch eben.
Gut, dass heute mehr Kriterien eine Rolle spielen! Vielleicht haben Planungsprozesse damit zu tun - vielleicht aber auch nicht, und sicher kommt es immer auf den Einzelfall an.
Dennoch sollten Juries immer nur das Ergebnis bewerten - und nicht die Planungsprozesse. Diese sind natürlich spannend, um zu sehen, welche Prozesse die besten Ergebnisse hervorbringen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass immer mehr Projekte prämiert werden, und die entsprechende mediale Aufmerksamkeit oder gar finanzielle Förderungen bekommen, die sich nur durch ihren Planungsprozess, in der Regel partizipativ, von der Masse abheben, nicht aber durch ihr Ergebnis. Das finde ich dann schade.
Vor allem aber schlägt es sich auf die Auslobung von Wettbewerbsverfahren nieder - dabei braucht es keine partizipativen Prozesse, die länger dauern, mehr Geld kosten, für die Planer sehr aufwändig sind, wenn sie am Ende doch keine besseren Ergebnisse bringen.