Was kann der Gebäude-Klimarechner?
Fünf Fragen an Muck Petzet
Seit knapp sieben Wochen steht der Gebäude-Klimarechner als kostenlose Testversion im Netz. Er ist Ergebnis eines vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) geförderten Forschungsprojekts, das Muck Petzet Architekten (München) mit mehreren Kooperationspartnern verantworten – und eines von vielen neuen digitalen Werkzeugen im Sinne der Bauwende. Was kann der Rechner und was nicht?
Der ‚richtige Umgang‘ mit Bestandsbauten ist berechenbar.Initiator*innen des Gebäude-Klimarechners
Muck Petzet: Wir haben versucht, die Nutzung so einfach wie möglich zu gestalten. Bauherrschaften, Projektentwickler oder öffentliche Verwaltungen erhalten Einblick in die komplexe Materie. Ich denke aber, dass der Rechner auch von Architekt*innen gebraucht wird. Wir wollen die Abhängigkeit von Betriebs- und Herstellungsemissionen transparent machen – und ermutigen, Wege abseits der Effizienzstandards zu gehen. Dass Ersatzneubauten im Sinne des Klimaschutzes keinen Sinn ergeben, darüber sprechen in der Fachwelt viele. Das auch mit Zahlen nachvollziehen zu können, hilft hoffentlich beim Überzeugen aller Beteiligten.
Man füttert den Gebäude-Klimarechner mit Daten zu Baujahr, Bruttogrundfläche, Geschosszahl und Energieträger. Und bekommt Angaben zu CO2-Ausstoß, Ressourcenverbrauch und Müllaufkommen der jeweiligen Baumaßnahme. Woher stammen die Werte für die Berechnung?
Wir haben verschiedene Objekte modelliert und gerechnet, jeweils maximal- und minimalinvasive Testplanungen durchgeführt und die spezifischen CO2-Emissionen ermittelt. Wir konnten dabei auch auf eigene Umbauprojekte zurückgreifen, wie etwa die Wohngemeinschaftshäuser in Berlin Schlachtensee oder die Atriumhäuser in der Studentenstadt München. Für die Um- und Ersatzneubauten haben wir Tabellenwerte aus Forschungsprojekten ausgewertet.
Ja, eine moderate Modernisierung ist meistens richtig – zu diesem Ergebnis kommen ja auch die Kollegen der Initiative „Praxispfad CO2-Reduktion im Gebäudesektor“. Gebäudeerhalt mit Wechsel auf einen regenerativen Energieträger bedeutet oft den geringsten Gesamt-CO2-Fußabdruck. Allerdings sind regenerative Energien erst im Aufbau. Ersatzneubauten (gleiches Volumen wie der Bestand) können die bei ihrer Errichtung ausgestoßenen CO2-Emissionen bis 2045 (das Jahr, in dem Deutschland laut Klimaschutzgesetz klimaneutral sein will) nicht mehr „amortisieren“. Das ist eine wichtige Erkenntnis, die der Rechner mit Zahlen belegen kann.
Wir sehen angesichts der existenzbedrohenden Dimension CO2-Äquivalente als die entscheidende ‚Währung‘ an.Muck Petzet
Wir bilden neben der Klimadimension mit CO2-Äquivalente-Emissionen auch das Müllaufkommen und den Ressourcenverbrauch ab. Kosten wären natürlich grandios. Wir haben das lange diskutiert und letztlich verworfen, da diese sich dynamisch entwickeln und ein dynamisches Datensystem voraussetzen, das wir mit unserem Rechner nicht abbilden können. Kosten alleine bringen auch keine brauchbare Erkenntnis – sondern nur in Verbindung mit den daraus generierten Returns oder Werten. Wir sehen angesichts der existenzbedrohenden Dimension CO2-Äquivalente als die entscheidende „Währung“ an, die nur noch begrenzt zur Verfügung steht.
Sie schreiben: „Mischformen, wie Teilabbruch, Aufstockungen oder auch Neubauten mit geänderten Flächen und Volumen können wir in dieser extrem vereinfachten Gratis-Online-Version leider nicht abbilden.“ Legen Sie nochmal nach?
Die meisten Tools am Markt sind überkomplex und kostenpflichtig. Wir denken, dass es richtig und notwendig ist, Wissen möglichst breit verfügbar zu machen. Das war nur mit der öffentlichen Förderung durch das BBSR möglich. Nach der aktuell laufenden Beta-Phase soll eine finale Version kommen. Damit ist das Forschungsprojekt erstmal beendet. Ob wir den Gebäude-Klimarechner dann noch weiterentwickeln, hängt auch vom Feedback und der Nachfrage ab.
Die Fragen stellte Maximilian Hinz.
Muck Petzet Architekten, die sich selbst als „aktivistisches Architektur- und Beratungsbüro“ verstehen, leiten das Forschungsprojekt, das vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) über das Programm „Zukunft Bau“ gefördert wird. Der BDA und die Greyfield Group treten als Mitinitiatoren auf. An der Entwicklung beteiligt sind zudem die Accademia di architettura-USI in Mendrisio, b+ee bauphysik + energieeffizienz und Madaster. Im wissenschaftlichen Beirat sitzen Elisabeth Endres (A4F), Thomas Auer (Transsolar) sowie Timm Sassen (Greyfield Group). Träger der Website gebäude-klimarechner.online ist der Verein ReduceReuseRecycleArchitectureAssociation.