München ohne Schrägaufzüge
Zu Herzog & de Meurons neuen Plänen für die Hochhäuser an der Paketposthalle
In München wird leidenschaftlich über Herzog & de Meurons Pläne für zwei Hochhäuser neben der Paketposthalle gestritten. Anfang der Woche stellten die Basler und Unternehmer Ralf Büschl eine überarbeitete Fassung ihres Entwurfs vor. Die Stadtgestaltungskommission gab dafür grünes Licht.
Von Gregor Harbusch
Vor drei Wochen ernteten Herzog & de Meuron (Basel) reichlich Kritik für ihren überarbeiteten Entwurf des Museums des 20. Jahrhunderts in Berlin. Von Politik und Bauherrschaft als nachhaltig, lebendig und ökologisch gefeiert, zeigte sich das architektonische Fachpublikum überwiegend ernüchtert bis schockiert von der nun projektierten „Scheune“ mit Photovoltaikdach. In München dürfte die Situation anders sein. Dort diskutierte am Dienstag die Stadtgestaltungskommission den überarbeiteten Entwurf der Basler für die beiden Hochhäuser auf dem Areal der Paketposthalle in München.
Zur Erinnerung: Im Sommer 2019 legte die Büschl-Gruppe, der das Areal im Stadtteil Neuhausen nahe der Friedenheimer Brücke gehört, einen Masterplan von Herzog & de Meuron vor. Die riesige, 1969 eröffnete Paketposthalle will man denkmalgerecht zu einem öffentlichen und kulturellen Ort umbauen. Neben der Halle sollen reichlich Neubauten entstehen. Seitdem wird in München heftig gestritten, denn Investor Ralf Büschl plant, zwei 155 Meter hohe Gebäude neben die Halle zu setzen. Hochhäuser sind im „Millionendorf“ München ein rotes Tuch und politisch brandgefährlich seit 2004 ein Bürgerentscheid eine Höhenbegrenzung von 100 Metern durchsetzte. Der Entscheid ist längst nicht mehr bindend, doch seine Symbolkraft weiterhin immens. Aktuell werden in der Stadt jedenfalls Unterschriften für ein Bürgerbegehren „HochhausSTOP“ gesammelt.
Anfang dieses Jahres gingen Stadt und Eigentümer bereits mit konkreteren Plänen für die Nutzung der Paketposthalle in die Offensive. Anfang der Woche wurde nun eine neue, dritte Entwurfsfassung veröffentlicht, die auf jeden Fall das architektonische Auge erfreuen kann. 2021 hatten Herzog & de Meuron nämlich mit einer Entwurfsvariante irritiert, bei der sie zwei riesige Schrägaufzüge an die Türme „anlehnten“, die allein der Erschließung der obersten Geschosse (die öffentliche Nutzungen aufnehmen sollen) dienten. Die Schrägaufzüge waren in formaler und auch symbolischer Hinsicht ein falscher Weg, den Eigentümerin und Planer erfreulicherweise wieder verlassen haben. Auch die 2021 präsentierte, modisch beliebige „Setzkasten“-Fassade findet sich im jetzigen Entwurf nicht mehr wieder. Stattdessen nimmt das Äußere die Rippenstruktur des historischen Hallendachs auf.
Der aktuelle Entwurf schließt mit seiner eleganten Fassadenstruktur und den konkav geschwungenen Baukörpern formal am Ursprungsentwurf von 2019 an, setzt aber einen veränderten städtebaulichen Akzent. Die gekrümmten Fassaden der Häuser drehen sich nun einander zu, am Boden soll hier ein Platz entstehen. Aus den spektakulären Schrägaufzügen wurden Außenaufzüge, die an der geschwungenen Fassade entlanggeführt werden sollen.
Über das Gesamtprojekt heißt es in der aktuellen Mitteilung: „Vorgesehen ist der Bau von etwa 1.100 Wohnungen, davon rund die Hälfte preisgedämpft und gefördert, aber auch Gewerbeflächen, Handel, Gastro, Hotel und viele soziale Einrichtungen für Jung und Alt. Das Paketpost-Areal ist die Blaupause der 15-Minuten-Stadt. Das Auto wird überflüssig.“ In der Stadtgestaltungskommission wurde der weiterentwickelte Masterplan positiv aufgenommen. 25 der 27 Mitglieder stimmten dafür. Bis 2025 möchte die Stadt Baurecht schaffen.
Mal ganz davon abgesehen, hat die Münchner Skyline bisher genug Selbstbewusstsein gehabt, auch ohne Hochhäuser zurecht zu kommen. Wenn Frankfurt diese aus der Zeit gefallenen Gesten seinen Banken zugesteht, meinetwegen. Aber per se braucht eine mitteleuropäische Großstadt keine Hochhäuser.
Und meinen Sie etwa, 1.100 Wohnungen ("davon die Hälfte preisgedämpft") ließen sich hier nur über Hochhäuser realisieren!? Quatsch: Wir reden hier ja über knapp 9 Hektar Entwicklungsfläche!
Ansonsten: Hotel, Retail, Büros, Retail, Gastro, Retail ... Geht's eigentlich noch!?
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin sehr dafür, dass diese Fläche überplant wird - idealerweise mit Nutzungen, die der Stadt WIRKLICH weiterhelfen (und dabei keinen so katastrophalen ökologischen Fußabdruck hinterlassen). Aber Hochhäuser braucht es dafür nicht - erst recht nicht in einer Höhe, die fast das Doppelte von dem ist, was hier bisher erlaubt war.
Alles gut und schön, doch allein
dafür muss es kein Hochhaus sein!
Bliebe nur noch,
zu erklären,
wo beim Hochhaus liegt
(und verbleibt!)
der Gewinn,
denn Veränderung allein
macht ja ohne Mehrwert noch keinen Sinn!
Schafft´s also Soziales?
Günstigen Wohnraum?
Löst es irgendein Problem?
Dass das nicht der Fall ist, ist nämlich in Frankfurt
-neben den Hochhäusern-
bestens zu seh´n!
Über deren Ansehnlichkeit ließe sich sicher
ganz vortrefflich und kontrovers streiten,
doch um sie als Stadtbaustein wertzuschätzen,
dafür muss man den Blick schon gewaltig "weiten".
Denn bei aller streitbarer Meinung, wie sie
solitär, für sich jeweils allein, dort steh´n:
Für Passanten sind sie jedenfalls keine Einladung,
zwischen ihnen spazieren zu geh´n!
Sie bleiben Solisten, dort steht kein Ensemble!
Soziale Stadt sieht anders aus!
Mit German Angst hat das nichts zu tun!
Es geht stets auch um Stadt
und nicht nur um ein Haus!