Hochhäuser neben der Paketposthalle?
Herzog & de Meuron planen in München
Die Paketposthalle im Münchner Stadtteil Neuhausen ist ein beeindruckendes Bauwerk: 1600 Betonfertigteile bilden ein gefaltetes Tragwerk, das fast 150 Meter überspannt. Bei Fertigstellung war dies die größte Spannweite einer Halle aus Fertigteilen weltweit. Das war 1969, die Pläne stammen von Architekten aus der Oberpostdirektion München. Die Paketposthalle ist also ein zeittypischer Bau, sie steht unter Denkmalschutz. Für die ursprüngliche Nutzung als Paketverladestation wird die Halle nicht mehr gebraucht. Beinahe wäre hier Münchens neuer Konzertsaal eingezogen. Dafür setzte sich ein anderer Standort durch. Nun gibt es ein neues Konzept: Erst im Mai hatte der Stadtrat beschlossen, das Areal als Kultur- und Kreativquartier für den Stadtteil Neuhausen entwickeln zu wollen. Keine drei Monate später liegt der Masterplan von Herzog & de Meuron vor.
Die Münchner Büschl Unternehmensgruppe als Eigentümerin hatte die renommierten Architekten beauftragt. Mit der Allianz-Arena haben die Schweizer schon einmal gezeigt, wie ansprechend sie große Veranstaltungsräume in München gestalten können. Nun wollen sie die Paketposthalle zu einem offenen Raum für kulturelle und gemeinschaftliche Nutzungen umgestalten und damit ein bisher verschlossenes Denkmal der Stadtgesellschaft zugänglich machen – eine Aufwertung, die sich gewiss auch auf die umliegende Nachbarschaft auswirken wird. Die Architekten schlagen vor, alle Einbauten zu entfernen, sodass unter dem freistehenden Tragwerk ein Stadtplatz für Märkte, Ausstellungen, Konzerte entsteht. Diesen Multifunktionsort von 19.000 Quadratmetern, der dem „Bedarf nach einem innerstädtischen Versammlungsort für Großveranstaltungen“ entspricht, auch umzusetzen, erfordert städtebauliches Geschick.
Und so kommen wir zu einem Thema, das größeres Konfliktpotential besitzen könnte: Herzog & de Meuron planen zwei neue Türme von 155 Metern Höhe auf dem Areal. Sie sollen eine „Torsituation an der südwestlichen Ecke der Halle“ bilden und einen „spezifischen Referenzpunkt“ innerhalb der Stadt setzen, der auf die öffentlich bedeutsame Funktion des Standorts verweist. Die Mischnutzung von Wohnen, Büro, Gewerbe, Gastronomie und sozialen Einrichtungen soll zusätzlich auch in den sechsgeschossigen „Höfen“ unterkommen, die das neue Quartier komplettieren. Dass Türme ein sensibles Thema sind, zeigt derzeit an anderer Stelle die Diskussion um eine Anhebung der Dichteobergrenzen in deutschen Städten. In München selbst steht das Konzept von Herzog & de Meuron aber auch in Konflikt mit einem Bürgerentscheid von 2004, der die maximale Bauhöhe auf 100 Meter, nämlich auf die Höhe der Frauenkirche, begrenzt. Der Bürgerentscheid ist rechtlich längst nicht mehr bindend, die anberaumten Türme würden ihn jedoch erstmals in Frage stellen. (dd)
"Die radikale Kapitalisierung des Wohn- und öffentlichen Raums hat Städte wie London, Moskau, Paris und München zu Refugien der sehr Wohlhabenden und Bestverdiener gemacht." ... "Bis die New Yorker merkten, dass links und rechts der Promenade die Immobilienpreise explodierten und Stararchitekten unbezahlbare Wohntürme hinstellten." wow, wie die sz das in new york auf den punkt bringen kann, während sie hier in münchen kläglich versagt und zwei hochhaustürme in den himmel(!) lobt! tolle vorlage, da könnte hier auf dem fachforum gerne noch breiter diskutiert werden.
Ich würde sie ja nicht mal an diesem Standort ausschließen, aber die Höhe von (zweimal!) 155 Metern ist großer (sic) Quatsch an diesem Ort. Die unmittelbare Umgebung hat ja schon ein paar höhere Gebäude bekommen und in dem Rahmen sollte es meiner Meinung nach auch bleiben (d.h. deutlich unter 100 Metern), da sie sonst viel zu dominant das Stadtbild prägen. Sie markieren aber weder einen besonders wichtigen öffentlichen Ort noch sind sie selber ein wichtiges öffentliches Gebäude. Solche Kandidaten sollen sich dann bitte weiterhin im Norden Münchens austoben - da stehen sie nicht schlecht. Der öffentliche Raum hat übrigens herzlich wenig von Hochhäusern. Deren Nutzung trägt doch meist nicht mehr als einen überteuerten Kiosk, ein Restaurant, das abends geschlossen hat, und noch einen Starbucks zum urbanen Leben bei. Dazu kommt noch, dass deren Nutzer meist auch nichts mit dem Geschehen vor der Tür ("auf der Straße") zu tun haben wollen - Hochhäuser befeuern eher Parallelgesellschaften als dass sie einen Beitrag zur Verständigung oder für ein positives Miteinander leisten. Und den Wohnungsmarkt entspannen sie ganz sicher auch nicht - wenn hier überhaupt Wohnungen entstehen und nicht Büros, die den Zuzug nur noch mehr anheizen. Ich bin enttäuscht von diesem Entwurf, weil er sehr viele sehr offensichtliche Fehler hat (s.u.) und darüberhinaus zwei Hochhäuser an einen Ort in München platziert, der in meinen Augen nicht mal die Hälfte der angestrebten Höhe verträgt. Und was die Prozesskultur angeht: Wer seine Beteiligung am Diskurs auf Fachforen und Social Media beschränkt, darf nicht meckern. Mitreden geht anders...