Bayerischer Pragmatismus
Der neue Konzertsaal in München wird im Osten der Stadt errichtet
Ein Kommentar von Nadin Heinich
Jetzt ist es entschieden. Mit dem Beschluss des bayerischen Kabinetts vom Dienstag wird der neue Konzertsaal in München im sogenannten Werksviertel im Osten der Stadt gebaut werden. Auf dem Areal, auf dem ehemals die Knödelproduktion von Pfanni beheimatet war und das seit den Neunzigerjahren als „Kunstpark Ost“ mit Clubs und Diskotheken zwischengenutzt wurde, entsteht aktuell ein neues Viertel zum Leben, Wohnen und Arbeiten. High and low, Restaurants, Hotels, Künstlerateliers, Büros, unter anderem für Start-ups, Nachtleben und der neue Konzertsaal. Der vorläufige Abschluss einer fast 15 Jahre währenden Debatte.
Zuletzt standen noch zwei Standorte zur Auswahl, das Werksviertel und die Paketposthalle im Westen der Stadt, eine riesige, denkmalgeschützte Halle aus den Sechzigerjahren, bei ihrer Errichtung das weitestgespannte Bauwerk weltweit. In einer vom bayerischen Wissenschaftsministerium im Sommer bei dem Frankfurter Büro Albert Speer und Partner in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie wurden zuvor noch fünf Standorte untersucht: der im historischen Stadtzentrum gelegene Finanzgarten, der Apothekerhof in der Residenz, der Olympiapark, das Werksviertel und die Paketposthalle. Im Oktober wurden die Ergebnisse dieser Studie veröffentlicht, eine Bewertung nach Punkten, bei der das ehemalige Pfanni-Areal am besten abschnitt, gefolgt von der Paketposthalle. Da es sich bei beiden um Projekte privater Investoren handelte, führte das Finanzministerium in den letzten Wochen Vorverhandlungen über die Konditionen zur Überlassung des Grundstücks und den Bau des Konzertsaals, begleitet von einer hitzigen öffentlichen Diskussion mit Veranstaltungen, organisiert von den lokalen CSU-Verbänden im Osten beziehungsweise Westen der Stadt.
Wirklich transparent verlaufen ist der Entscheidungsprozess, der unter starkem politischen Druck stand, zuletzt nicht. Das Gutachten von Speer und Partner ist bis heute nicht veröffentlicht, auch darf sich das Frankfurter Büro gegenüber der Presse dazu nicht äußern. Als Hauptargumente für das Werksviertel gelten die zeitliche Verfügbarkeit und die Kosten. Bis 2018 soll der Konzertsaal „unumkehrbar“ auf den Weg gebracht werden (dann sind wieder Wahlen), die Inbetriebnahme des Konzertsaals ist bis Ende 2021 geplant. Ist solch ein äußerst sportlicher Zeitplan entscheidend für gute Architektur oder guten Städtebau? Öffentlich wirksam für das Werksviertel ausgesprochen hatten sich zuletzt der Dirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons, und die einflussreichen Konzertsaalfreunde, die sich seit Jahren für einen neuen Konzertsaal einsetzen und ursprünglich den Standort im Finanzgarten favorisierten. Nur von außen betrachtet ist diese Meinungsänderung überraschend. Doch wo blieben die Wortmeldungen von Architektenverbänden etc., von denjenigen, die sich professionell mit Stadt beschäftigen? Eine mit Weitsicht und Abstand vom lokalen Klüngel geführte Debatte über die Weiterentwicklung der Stadt? Dass sich ein einzelner Architekt, der in absehbarer Zeit in München bauen möchte, nicht in den politischen Kleinkrieg begibt, ist nachvollziehbar. Doch wenn ein Berufsstand sich zu den relevanten Fragen fast gar nicht äußert, macht er sich selbst überflüssig. Deko auf der Torte.
Die Paketposthalle wäre die größere, mutigere Lösung gewesen, eine ganz eigene Musikstadt. Gewonnen hat der Pragmatismus. Aber vielleicht gibt es doch noch Überraschungen. „Jetzt, da im Osten der Konzertsaal gebaut wird, fehlt noch etwas im Westen“, so der Architekt Peter Haimerl, der unter anderem den Konzertsaal in Blaibach gebaut hat. In Aubing, tief im Münchner Westen, plant er gemeinsam mit dem Sänger Thomas E. Bauer die Transformation eines Kraftwerks zum Konzertsaal, als Interimslösung für den voraussichtlich ab 2020 zu sanierenden Gasteig und als unabhängigen Veranstaltungsort. In Aubing gibt es Grundstück, Baurecht, Bauträger, Betreiber, die Gebrüder Amberger, Inhaber der Mineralölfirma Allguth, als Investoren und einen fertigen Entwurf. Der Spatenstich ist für Anfang 2017 geplant.
Noch ist in München also nicht abschließend entschieden, wo in Zukunft die Musik spielen wird. Und auch der Bayerische Landtag, der der Kabinettsentscheidung für den Konzertsaalstandort hinter dem Ostbahnhof ebenfalls zustimmen muss, scheint nicht restlos überzeugt. Man will die Angelegenheit nach der Weihnachtspause diskutieren.
Mehr zum Werksviertel: www.werksviertel.de
Die Öffentliche Hand ist bei einem Projekt solch einer Größenordnung zur Auslobung eines Wettbewerbs verpflichtet (§5 VgV). Insbesondere bei einem so sehr in der Öffentlicheit stehenden Projekt wird man davon ausgehen können. Dass sich ein vorher an einer Studie beteiligtes Büro durch gute Ideen für die Teilnahme an einem Wettbewerb "beworben" hat und daher ggf. eingeladen wird, ist in meinen Augen nicht verwerflich. Es ist jedem Büro, das sich für qualifiziert genug hält, freigestellt, sich aktiv am Prozess zu beteiligen und für die Teilnahme am Wettbewerb zu bewerben (wenn er denn nicht sowieso offen ist).
Oder sehen sich die genannten Büros bereits als die einzig Auserwählten ? Wir täten gut daran einen fairen , offenen Wettbewerb für diese Bauaufgabe einzufordern und sich dann auch daran zu beteiligen.
Dass der Paketposthalle immer noch - nicht zuletzt hier - hinterhergetrauert wird, hat auch etwas mit Aufklärung der Öffentlichkeit zu tun. Wer, wenn nicht Verbände und / oder Kammer sind besser geeignet, die Eignung des Gebäudes aus neutral-fachlicher Sicht zu beurteilen? Warum lässt man die Behauptungen der Projektentwickler unkommentiert stehen, wenn die Risiken so offensichtlich und so vielfältig sind? Dabei hätte man sich bequem ins Fahrwasser der AS+P-Studie begeben können, ohne sich des Vorwurfs der Einflussnahme verdächtig machen zu müssen. Dem Münchner Kindl (# 7) kann man nur sagen: Die Idee der Musikstadt ist schön und nicht nur in der Paketposthalle umsetzbar gewesen. Warum nicht dafür werben, dass im Werksviertel Ähnliches entsteht?
Trotz gründlicher Recherche habe ich in den letzten Monaten, als es um die tatsächliche Entscheidung ging, leider keine fundierten Wortmeldungen seitens erwähnter Interessenverbände gefunden. Zu 2. Genau wie Sie halte ich es nicht für zielführend, ständig irgendwelche Renderings für irgendwelche Standorte zu publizieren. Wenn es gut gemacht ist, ist das bestenfalls amüsant, bleibt aber harmlos.
Bedeutet das wir dürfen keine neuen, hochspannenden, städtebaulichen Projekte angehen, wie die Konzerthalle in eine bestehende Paketposthalle einzusetzen? Ja..vielleicht lieber bei altbekannten, funktionierenden Strukturen bleiben, an denen wir uns alle noch nicht satt gesehen haben, bei denen es nur um schnellen Profit geht, weitere Luxuswohnungen, etc... Bloß keine "Musik-Stadt in der Stadt" errichten, weil München ja (noch nicht!) groß genug ist!?! Und außerdem wäre es ja ein Desaster würde die Umsetzung der neuen Konzerthalle eventuell etwas länger dauern, teurer werden.. man denke ja nur an die Hamburger Elbphilharmonie, ja um Himmels Willen. Das München aber mit der Paketposthalle und der sie umgebenden Musikstadt sowohl für die Besucher, als auch für die Musiker, ein neues, international faszinierendes Wahrzeichen bekommen würde ist dabei scheinbar uninteressant! Der Standort ist optimal an das gesamte Verkehrsnetz angebunden und was noch viel prägnanter ist: Er liegt direkt an der Stammstrecke, am westlichen Stadteingang nach München."Hallo und herzlich Willkommen in München. Hier bei uns spielt die Musik!" - wie könnte also ein Grundstück städtebaulich besser verortet sein! Die Stadt wächst. Diese Tatsache steht wohl außer Frage. Das Zentrum dehnt sich aus, selbst die Standorte einzelner Fakultäten wandern langsam, aber sicher weiter hinaus. Warum dann also nicht auch die Kultureinrichtungen flächiger in der aufgehenden Stadtmitte miteinander vernetzen? Auch architektonisch ist die Idee den Konzertsaal in ein ingenieurtechnisches Meisterwerk einzuschieben ein sehr intellektuelles Unterfangen. Das es sich bei diesem Projektvorschlag - die gesamte Musikstadt inkludiert – um einen qualitativen und hochinteressanten Architekturbeitrag handelt, beweist nicht zuletzt der Umstand, dass international angesehene Architekten reges Interesse an dem Projekt zeigen.