Think big
München bekommt einen neuen Konzertsaal
Ein Kommentar von Nadin Heinich
Anfang Dezember fällt die Entscheidung für den Standort des neuen Konzertsaals in München – nach fast fünfzehn Jahren Diskussion. Am Dienstag hat das Bayerische Kabinett beschlossen, mit zwei privaten Investoren zu verhandeln. Was heißt das für die Entwicklung der Stadt?
Für Nicht-Münchner: In der Stadt sind zwei international renommierte Spitzenorchester beheimatet, die Münchner Philharmoniker sowie das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Es gibt aber nur ein Haus, den Gasteig, mit Hausrecht für die Philharmoniker. Seit Anfang der 2000er Jahre wird diskutiert, diverse Standorte wurden vorgeschlagen und wieder verworfen, inklusive eines nicht realisierten Wettbewerbs. Diesen Sommer wurde, parallel zum Beschluss, den Gasteig ab 2020 zu sanieren, das Frankfurter Büro Albert Speer und Partner vom Bayerischen Wissenschaftsministerium beauftragt, in einer Machbarkeitsstudie fünf verschiedene Standorte zu prüfen: den im historischen Stadtzentrum gelegenen Finanzgarten und den Apothekerhof in der Residenz, den Olympiapark sowie das Werksviertel und die Paketposthalle im Osten beziehungsweise Westen der Stadt.
Im Ergebnis dieser Studie – seit Ende letzter Woche liegt sie dem Ministerium vor, wurde jedoch noch nicht veröffentlicht – wurden die beiden letztgenannten Standorte am besten bewertet. Es sind beides Projekte privater Investoren. Als Favorit gilt das Werksviertel, ein ehemaliges Industrieareal, u. a. mit den Optimolwerken und der Knödelproduktion von Pfanni, das ab Mitte der 90er Jahre als „Kunstpark Ost“ mit Diskotheken und Clubs zwischengenutzt wurde und das nun nach einem Entwurf von Steidle Architekten zu einem neuen Stadtviertel weiterentwickelt wird. Hier könnte man „sofort“ anfangen zu bauen. Bei der Paketposthalle handelt es sich um eine riesige, denkmalgeschützte Halle aus den 1960er Jahren, bei Errichtung das weitestgespannte Bauwerk weltweit, die einst von der Post als Paketverteilzentrum geplant und inzwischen eher provisorisch als Briefverteilzentrum genutzt wird. Soll hier ein Konzertsaal entstehen, wie es der Projektvorschlag der Gruppe um Architekt Joachim Jürke, Landschaftsarchitektin Andrea Gebhard und Rechtsanwalt Josef Nachmann vorsieht, muss erst die Post umziehen. Das dauert länger. Jedoch wird die Post im Anbetracht der Stadtentwicklung mittelfristig sowieso umziehen müssen.
Dass die meisten „Klassikfreunde“ die Innenstadt favorisieren, überrascht nicht. Es ist gut für München, dass die „Peripherie“ diskutiert wird. Die Stadt wächst, mit dem starken Flüchtlingszustrom um so mehr. Und immer noch gibt es nur das eine, zu kleine, „perfekte“ Zentrum. Da kommt Kulturbauten auch im größeren Maßstab eine immer wichtigere identifikatorische Kraft zu, Stadt zu gestalten. Der Konzertsaal ist eine riesige Chance für München. Wünschen würde man sich eine stärker langfristig orientierte Diskussion über die Perspektive der Stadt. Baubeginn 2018, denn dann sind Wahlen. Es ist absurd, dass es jetzt, nachdem man über zehn Jahre diskutiert hat, vor allem darum geht, möglichst schnell bauen zu können.
Industriecharme als Sehnsuchtsort – das Werksviertel ist für München speziell, im internationalen Vergleich jedoch überhaupt nicht. Und das Stadtviertel würde auch ohne Konzertsaal funktionieren. Hier einen Konzertsaal zu bauen, wäre eine Entscheidung, die niemandem weh tut. Die Paketposthalle ist ein bisher verborgenes Juwel der Stadt. In ihrer Klarheit und Erhabenheit wäre sie das viel stärkere Statement. Die Zeiten egozentrischer BMW-Welten à la Coop Himmelb(l)au sind vorbei, intelligente Umnutzungen sind das „neue Sexy“, die neuen Stars. Die Paketposthalle zum Konzertsaal weiterzuentwickeln, ist eine einmalige Chance, eine sowieso anstehende, sinnvolle Nachnutzung zu finden. Für diese Lösung braucht es mehr Mut – und der ist München zu wünschen.
www.die-resonanz.de – Konzertsaal in der Paketposthalle
www.werksviertel.de – Mehr zum künftigen Werksviertel
Zum Werksviertel: die Idee des Hauses der Musik ließe sich dort realisieren, wenn man umliegende andere Einrichtungen, wie die Tonhalle mit integriert, z.B. für elektronische Musik, für Kammermusik etc. Das wäre noch zu klären. Auch reizvoll erscheinen mir zwei Ideen: Zum einen die von Landschaftsarchitekt Peter Kluska, der in einem Leserbrief an die SZ die Verlagerung der Musikhochschule in das Landwirtschaftsministerium mit "angedocktem" Konzertsaal auf dem angrenzenden Parkplatz fordert. Oder Architekt Gunter Henn, der ein "Haus der Musik" anstelle der LMU-Institutsgebäude einschließlich Museum "Reich der Kristalle" an der Theresienstraße fordert. Die dort angedachte Pinakothek des 21. Jahrhunderts ließe sich auch in der in absehbarer Zeit leerstehenden Elektrotechnik der TU unterbringen; die Tate Modern in London ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie man ein Museum in einem ehemaligen Technikgebäude unterbringt. Und nicht den Apothekenhof der Residenz vergessen: In Verbindung mit dem Herkulessaal, umgebaut als Kammermusiksaal, wäre auch die Residenz ein ”Haus der Musik“ im weitesten Sinne, kombiniert mit der Staatsoper und dem Cuviliestheater und Sprechtheater im Residenztheater, das beste Kulturzentrum weltweit. Lassen Sie uns alle diese Ideen weiterdenken für München und Bayern!
Aber die Riesenchance, ein Baudenkmal zu erhalten und mit einer neuen Funktion zu füllen bzw. etwas ganz neues daraus zu schaffen, wäre ein wirklicher Fortschritt für München. Außerdem gäbe die Philharmonie ein echtes kulturelles "Rückrad" für die Entwicklung an der Bahnachse München - Pasing.
es kann nur einen Standort geben, die Posthalle!