Buchtipp: Neue Pinakothek München
Vielstimmigkeit zu einem strittigen Bauwerk
Am 28. März 1981 eröffnete die Neue Pinakothek in München, seit 2019 wird das Museum aufwendig saniert, Ende des Jahrzehnts soll es wieder eröffnen. Dann wird die Neue Pinakothek vermutlich mehr gefeiert werden als je zuvor in ihrer fast 50-jährigen Geschichte. Warum? Weil Alexander von Brancas Gebäude nicht unbedingt geliebt wird in der bayerischen Landeshauptstadt. Das liegt weniger an der gezeigten Kunst mit Schwerpunkt 19. Jahrhundert, sondern an der vehementen Kritik an der Architektur, die zur Eröffnung formuliert wurde. Sie prägte die öffentliche Wahrnehmung und hängt seitdem wie ein Schatten über dem Gebäude.
Ein kürzlich erschienenes, schmales Büchlein widmet sich dieser bemerkenswerten Dynamik der Fachkritik an von Brancas Hauptwerk, das einen kriegszerstörten Vorgängerbau von 1853 ersetzte und bis heute nicht unter Denkmalschutz steht. Der Fall Neue Pinakothek München. Vielstimmigkeit zu einem strittigen Bauwerk versammelt fünf wissenschaftliche Texte und Dutzende wunderbare Farbfotos aus den 1980er Jahren. Der eigentliche Clou sind jedoch die groß gesetzten Zitate aus den zuweilen vernichtenden Kritiken, die die Herausgeber*innen Korinna Zinovia Weber, Andreas Thuy und Andreas Putz konzise kontextualisieren und durch Querverweise in die Essays rückbinden.
Worin aber bestand denn nun das Problem, das die Kritiker mit dem Haus hatten? Kurz gesagt haderte insbesondere die inländische Kritik mit der historisierend-postmodernen Formensprache. Von Branca hatte es nämlich gewagt, seinen spätmodernistischen Wettbewerbsentwurf aus dem Jahr 1967 (der im Buch leider unterbelichtet bleibt) im Laufe der Zeit sehr entschieden zu verändern, sodass man heute vor einem Haus steht, das in Habitus, Materialität und Detaillierung sehr deutliche Anleihen an mittelalterlicher Architektur nimmt. Historiker*innen freuen sich, dass von Branca seine Inspirationsquelle später klar benannte. Auf einer Italienreise lernte er schon als Student in den 1950er Jahren unter anderem das weltberühmte Castel del Monte des staufischen Kaisers Friedrich II. kennen, dessen „Einfachheit, Klarheit und zurückhaltende Monumentalität“ ihn schwer beeindruckten.
Die modernistische Kritik hätte ihm in jener abstrakt gehaltenen Einschätzung vielleicht nicht unbedingt widersprochen. Doch dass von Branca in den langen Jahren der Planung diese Eindrücke schließlich originell verarbeitete und zu einer eigenwilligen Mischung aus monumentalem Gestus, eindeutig mittelalterlichen Zitaten, pittoresken Situationen und weich gerundeten Gliederungselementen synthetisierte, war den strengen Herren der Architekturkritik dann doch zu viel des Guten.
Frei Otto und Berthold Burkhardt warnten (beim gleichzeitigen Blick auf die Stuttgarter Staatsgalerie) vor den „Musterfassaden der Speer’schen Epoche aus edlem, verfremdeten Stein“, Eberhard Schulz sprach von „Schwächen und Drohgebärden“ der Postmoderne, und Gerhard Ullmann zog das Fazit: „Was beunruhigt, ist das Taktische zwischen Postmoderne und Regionalismus, zwischen den industrialisierten Bauteilen aus Stahlbeton und den mittelalterlichen Wasserspeiern – all das provoziert Unsicherheit, dann Widerspruch und Unbehagen.“
Zu den schärfsten Kritikern des Neubaus gehörte der Architekt und Journalist Christoph Hackelsberger. Sein fulminanter Verriss in der Süddeutschen Zeitung erschien in der Wochenendausgabe vor der feierlichen Eröffnung und setzte den Tonfall für die weitere Auseinandersetzung. Er zerlegte den Bau bis ins letzte Detail, wenn er etwa schreibt: „Die Rundbögen der Fenster – reine Schreinerdekoration, die den alten Sinn des Bogens banal ungewollt karikiert – wirken peinlich.“ Dem Haus attestiert er schließlich „sensible Verwirrung, Rettungssehnsucht und Kapitulation vor dem Anspruch einer ungeliebten Zeit“. Von Branca reagierte im Großen und Ganzen nur sehr verhalten auf die Vorwürfe. Hackelsberger notierte in einem Brief kurz nach seinem Verriss, der von ihm so vehement Angegriffene hätte die Kritik „wie ein Gentleman hingenommen“.
Die Textbeiträge zeichnen nicht nur diese Diskussionen um das Haus nach. Sie gehen auch auf die Bildsprache der Fotografien ein, auf die konkreten historischen Referenzen sowie das laufende Sanierungsprojekt – das von der ARGE Hild und K Architekten (München) und Caruso St John (London) geleitet wird und nach dessen Abschluss das Haus sicherlich mit frischem Blick ganz neu bewertet werden wird.
Unbedingt lesenswert ist Angelika Schnells anspruchsvoller Aufsatz, der die architekturtheoretischen Debatten um die Postmoderne und ihre Auseinandersetzung mit der Geschichte – und hier insbesondere mit der NS-Zeit – nachzeichnet. Der Text eröffnet eine erfrischend internationale Perspektive und schafft den vielleicht schönsten Moment im Buch – wenn im intellektuellen Parforceritt zwischen Charles Jencks und dem „Zerreißen der Signifikantenketten“ plötzlich von Branca und sein Engagement in bayerischen Heimatpflegevereinen auftaucht.
Text: Gregor Harbusch
Der Fall Neue Pinakothek München. Vielstimmigkeit zu einem strittigen Bauwerk
Korinna Zinovia Weber, Andreas Thuy, Andreas Putz (Hg.)
176 Seiten
Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2026
ISBN 978-3-95976-585-5
12,80 Euro
München hat sich mit den 1980er Jahren schon immer schwergetan. Das zeigt auch ein Blick auf das 1985 eröffnete Kulturzentrum Gasteig, das bald von HENN aufwändig saniert und umgebaut wird. Formal klar im Brutalismus wurzelnd, ist der Gasteig in seinem mittelalterlich lesbaren Duktus durchaus ein Stück weit vergleichbar mit der Neuen Pinakothek.



