Zukunft für das Stadthaus-Areal
Wettbewerb in Bonn entschieden
Viele würden das Bonner Stadthaus am liebsten abreißen und neu bauen. Doch die Ära der großen Kahlschläge ist vorbei. Es ist Zeit, neu zu denken: Mit einem Suffizienz-Wettbewerb, einer neuen Art Wettbewerb für den Rückbau von Bestand, suchte die Stadt bauliche Lösungen für eine nachhaltige Transformation des 90.000 Quadratmeter großen Verwaltungskomplexes in ein offenes und inklusives Stadtquartier. In dem Pilotprojekt überzeugte das Team um SCOPE Architekten, das mit einer Abrissquote unter 25 Prozent ein umsetzbares und nachhaltiges Zukunftsszenario für den sperrigen Stadtbaustein entworfen hat.
Die Verwaltung sollte mit dem Neubau effizienter werden. Alle Ämter, auch das Stadtarchiv und der Ratssaal fanden sich gebündelt an einem Ort, 1500 Arbeitsplätze nach neuesten arbeitsmedizinischen Erkenntnissen in Großraumbüros organisiert. Dazu Kita, Kantine, eine Ladenzeile, alles erschlossen von einem Netz aus Wegen, Plätzen und Passagen, zwei Etagen über Straßenniveau. Zeitgenössische Kunst setzte Zeichen, ein eigens entwickeltes grafisches Leitsystem machte die rigide Architektur zugänglicher.
Doch mit der Stadt konnte das „Haus für den Bürger“ nie wirklich zusammenwachsen. Als 2013 die verspiegelte Vorhangfassade wegen brüchiger Halterungen abgenommen wurde, verlor der Komplex seine Hightech-Anmutung, saß plump und grau im Stadtkörper, ohne je wirklich Mitte gewesen zu sein. Nach Jahrzehnten intensiver Nutzung erzwangen schließlich Wasserschäden und Korrosion, mangelhafter Brandschutz, veraltete Arbeitsstrukturen und eine Gebäudehülle mit geringer Energieeffizienz, Perspektiven für das Stadthaus zu prüfen.
So wurde über Sanierung versus Abriss und Neubau an gleicher oder anderer Stelle diskutiert, bis sich der Stadtrat im März 2024 der Empfehlung von dbp dasbauprojekt anschloss: das Stadthaus kernsanieren, als Hauptsitz der Stadtverwaltung belassen und durch Teilabriss mit Neubau einen Nutzungsmix ermöglichen, der als lebendiger Stadtbaustein erscheint. Die Kosten dafür wurden auf knapp 500 Millionen Euro geschätzt.
- 1. Preis: SCOPE Architekten mit ORplan, Degen-Tritschler, Pfrommer + Roeder (alle Stuttgart), Sailer Stepan Tragwerksteam (München), MW Energiebüro, Prof. Dipl.-Ing. Michael Wengert (Stuttgart), Marko Weckwerth (Ludwigshafen am Rhein)
- ein 2. Preis: heinlewischer (Dresden) mit HJPplan+ Stadtplaner und Architekten (Aachen), Rehwaldt Landschaftsarchitekten (Dresden), sbp schlaich bergermann partner (Berlin), Transsolar (Stuttgart), Prof. Rühle, Jentzsch & Partner (Dresden)
- ein 2. Preis: Ortner & Ortner (Berlin) mit capattistaubach urbane Landschaften (Berlin), RSP Remmel + Sattler Ingenieurgesellschaft (Frankfurt am Main), Transsolar (Stuttgart), Peter Stanek (Berlin)
- Anerkennung: BauWerkStadt, Decker I Jockers I Oelmann I Schraa (Bonn) und ppp Architekten + Stadtplaner (Lübeck) mit Stadtplanung Zimmermann (Köln), club L94 Landschaftsarchitekten (Köln), Kempen Krause Ingenieure (Aachen), MNP Ingenieure (Lübeck)
- Anerkennung: h4a Gessert + Randecker Generalplaner mit Pesch Partner Architektur Stadtplanung, Glück Landschaftsarchitektur, Boll Partner für Tragwerke (alle Stuttgart), HHP Nord/Ost Beratende Ingenieure (Braunschweig), PKi (Köln)
- Anerkennung: blauraum Architekt*innen (Hamburg) mit Octagon Architekturkollektiv, Prof. Henry Fenzlein, Stadtplaner und Architekt (Leipzig) ab 01.01.26: ora Partnerschaft von Architekt:innen, Landschaftsarchitekt:innen und Stadtplaner:innen, Rabe Landschaften (Hamburg), Knippershelbig (Stuttgart), Transsolar (Stuttgart), hhpberlin Ingenieure für Brandschutz (Berlin)
Als „kritische Würdigung“ bezeichnen SCOPE (1. Preis) ihren Umgang mit dem Stadthaus. Mit wenigen Eingriffen in den Bestand haben sie eine klare Gliederung und Öffnung des Areals erreicht, der transformierte Stadthauskomplex erscheint von allen Seiten und auf allen Niveaus lesbar und zugänglich. Mit dem Rückschnitt des Parkdecksockels legen sie den Vorplatz auf Straßenniveau, der Elisabeth-Selbert-Platz an der Südost-Ecke wird dadurch zum barrierefreien Entree. Damit deutlich vergrößert, funktioniert der nun auch als Scharnier zwischen Innenstadt und Nordstadt. In der Achse der Fußgängerbrücke, die die Straßenbahnhaltestelle anbindet, gliedern SCOPE das Areal auf dem Sockelniveau mit einer Wegachse, die sich zur neuen inneren Quartiersmitte aufweitet. Östlich davon liegen die drei höchsten Hochhäuser, die zu erhalten waren.
Wie das Quartier in den Stadtraum ausstrahlt, wird auch in den Händen der neuen Nachbarschaften liegen.Uta Winterhager
Alle sechs Türme werden auf dem erhöhten Niveau des Sockels aus der Quartiersfuge heraus erschlossen. Dort liegen öffentliche oder halböffentliche Nutzungen, das Stadthausfoyer, die Kita oder eine Tagespflege. Die Freibereiche sind mit Grün und Möblierung einladend gestaltet, auch die bauzeitliche Kunst am Bau taucht wieder auf. Private Freibereiche liegen an den begrünten Randzonen, sowie auf den Dachflächen. Die reduzierten Parkdecks, nun teils Quartiersgarage und Fahrradparken, bieten rund 500 Pkw-Stellplätze. Wie sich das neue Quartier formiert und in den Stadtraum ausstrahlt, wird auch in den Händen der neuen Nachbarschaften liegen.
heinlewischer (ein 2. Preis) bauen den Sockel des Stadthauskomplexes an den Rändern radikal zurück und stellen den Bestand auf gläserne Füße. Mutig werfen sie zwischen den Türmen zum Wohnen und Verwalten einen grünen Hügel auf. „Bonna Montis“ überwindet das Gefälle mit geschwungenen Wegen, Sitzstufen und Rasenflächen. Die urban gestalteten Plätze, die an den gegenüberliegenden Ecken auf Straßenniveau liegen, werden nahtlos in den grünen Freiraum integriert. Es ist bemerkenswert, wie konsequent das Team die vorgefundene städtische Wüste mit ihrem verspielten Biotop überzeichnen. Diese Lösung wäre ein spannendes soziales Experiment.
Ortner & Ortner (ein 2. Preis) schneiden die ausufernde Figur des Sockelbaus auf ein sauberes Rechteck zurück. Auch das bleibt aus dem Straßenraster gerückt, lässt aber ebenerdig klar gefasste, differenzierte Stadträume entstehen, im Norden etwas unerwartet eine Freilichtbühne im Wäldchen. Der verbleibende zweigeschossige Unterbau erscheint seltsam vertraut. Er integriert die Hochhaussockel in ein öffentliches Stadtgeschoss mit eingeschnittenem Lichthof. Die grünen Dachlandschaften sind einzelnen Nutzungen vorbehalten.
Nun startet das Verhandlungsverfahren zur Beauftragung der Generalplanung. Bis Ende 2027 soll das Stadthaus leergezogen und aus der Nutzung genommen sein. Die Verwaltung zieht in verschiedene Interimsquartiere, unter anderem in ein leerstehendes Kaufhaus. Die Rückkehr ins Stadthaus ist für 2033 geplant.
Vom 12. bis 26. Juni werden die Wettbewerbsergebnisse im Foyer des Stadthauses, am Berliner Platz 2, 53111 Bonn, ausgestellt.