Logieren in Saarinens US-Botschaft
Umbau zum Hotel von David Chipperfield Architects in London
Wann kann man schon davon sprechen, dass der Einzug eines Fünfsternehotels ein Gebäude zugänglicher gemacht hat? In London-Mayfair ist das der Fall – zumindest, wenn der Geldbeutel die richtige Größe besitzt. Denn David Chipperfield Architects (London) haben die 1960 nach Plänen von Eero Saarinen errichtete, ehemalige US-Botschaft am Londoner Grosvenor Square für die Rosewood Hotel Group umgebaut.
Für die ursprüngliche Nutzung hatte der finnisch-amerikanische Architekt ein vergleichsweise offenes Haus konzipiert. Immerhin gab es im luftigen Erdgeschoss eine öffentliche Bibliothek. Nachdem die Botschaft aber in den späten 1960er Jahren zum Hintergrund der Proteste gegen den Vietnamkrieg und den US-amerikanischen Weltmachtanspruch geworden war, verstärkte man die Sicherheitsvorkehrungen. Ende der Nuller-Jahre verkaufte das US-Außenministerium den Saarinen-Bau an den katarischen Immobilienentwickler Qatari Diar. 2018 zog die Botschaft schließlich in einen neuen Glaskubus im Süden Londons.
David Chipperfield Architects verantworten infolge eines gewonnenen Wettbewerbs ab 2015 die Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes am Grosvenor Square sowie dessen Transformation zum Hotel The Chancery Rosewood. Innenräumlich zählen dazu die grundsätzliche Struktur und die Grundrisse – nicht jedoch das pompöse Interior Design, das mehrere Innenarchitekturbüros unter Federführung von Joseph Dirand gestalteten. Während man beinahe den gesamten Bestand ausgeräumt und neu eingerichtet hat, lag es Chipperfield und Team daran, an den Fassaden „ein Gefühl von Offenheit wiederherzustellen“.
Dementsprechend ließen die Architekt*innen die nachträglichen Sicherheitsvorkehrungen und den abgeschrägten Sockel abbauen, der wie eine Barriere zwischen Bürgersteig und Erdgeschoss wirkte. Im Sinne eines Piano Nobile – mit Rezeption, Lounge, Bars und Mehrzweckräumen –entfernten sie zudem sämtliche Trennwände im ersten Obergeschoss und erweiterten die expressive, diagonale Betonrasterdecke über die gesamte Grundfläche des Baus. Die vormalige U-Form der Obergeschosse füllten sie mit zusätzlichen Räumen, um 144 Suiten unterzubringen.
Auch in der Höhe ist der Bau gewachsen. Dabei setzt sich die Aufstockung des sechsten Obergeschosses nicht deutlich vom Bestand ab, sondern schreibt die restaurierte Schachbrettfassade aus Portland-Natursteinrahmen fort. Üblicherweise fordert die Denkmalpflege bei derartigen Vorhaben eine klarere Trennung. Die Architekt*innen orientierten sich allerdings an einer nicht realisierten Skizze von Saarinen, die ein entsprechendes, höheres oberstes Geschoss zeigt.
Diese Skizze dürfte auch der katarischen Bauherrschaft zupass gekommen sein, konnte das Gebäude so doch auf insgesamt 48.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche erheblich erweitert werden. Über dem obersten Vollgeschoss thront die restaurierte goldene Adler-Skulptur von Theodore Roszak. An dessen Farbe wiederum orientiert sich der neue, zurückversetzte Dachpavillon in goldeloxiertem Aluminium mit zwei bis zu 350 Quadratmeter großen Penthäusern und der Eagle-Bar. Von der so entstandenen Dachterrasse aus können die superreichen Gäste nun nicht nur auf den Hyde Park und Grosvenor Square blicken. Sie sehen auch, dass der patriotische Adler aus Schrott-Überresten von B-52-Bombern zusammengesetzt und mit Goldfarbe überpinselt ist – was in schräger Art und Weise an das Bild denken lässt, die derzeitigen USA abgeben.
Gleichwohl ist der Saarinen-Bau heute nicht länger ein US-Außenposten, sondern ein Luxushotel im Besitz eines katarischen Staatsunternehmens. Dieses Hotel schmückt sich laut Medienberichten mit einer Innenausstattung, für die unter anderem 100 verschiedene Gesteins- und Marmorarten aus aller Welt zusammengetragen wurden. Trotzdem rechnen Architekt*innen und Betreiber mit der ersten BREEAM Outstanding-Bewertung eines Fünfsternehotels in Großbritannien. (mh)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- David Chipperfield Architects
- Project Directors (David Chipperfield Architects):
- David Chipperfield, Louise Dier, Billy Prendergast Benito Blanco, Alasdair Graham, Mattias Kunz
- Project Architect:
- Ryan Butterfield
- Team Architektur:
- Antonio Acocella, Ricardo Alvarez, Pau Bajet, Gonçalo Baptista, Gerriet Behrens, Nick Beissengroll, Eugeni Bru, Ryan Butterfield, Thomas Castle, Roy Coupland, Florian Dirschedl, Sebastian Drewes, Elena Dueñas, Tom Herre, Alejandro Felix, Victoria Gallagher, Ines Gavelli, Clemens Gerritzen, Jochen Glemser, Christopher Harvey, Adam Jones, Kelvin Jones, Joseph Little, Julia Loughnane, Radu-Remus Macovei, Joseph Marchbank, Ruth Mellor, Katherine Nolan, Tram Huong Ngo, Matthias Emanuele Odazzi, Ricardo Ploemen, Tobias Rabold, José Ramón Sierra, Cecilia Sjöholm, Dario Stiore, Luke Vouckelatou, Aleksandra Waluda, Sascha Peter Wurm, Richard Youel
- Denkmalschutzberatung:
- Turley Associates
- Gestaltung öffentlicher Raum:
- Publica Associates
- Landschaftsarchitektur:
- Building Design Partnership
- Statik und Fassadenplanung:
- AKT II
- Hotelspezialist:
- Reardon Smith Architects
- Nachhaltigkeitsberatung:
- Twin and Earth
- Bauherrschaft:
- Qatari Diar
- Fläche:
- 48.000 m² Bruttogrundfläche
Mit einem ähnlichen Ansatz wie Chipperfield stockten auch Buckhardt Architektur einen 60er-Jahre-Bau in Genf kaum merklich auf.































