Unsichtbar bleiben
Zur Sanierung der Neuen Nationalgalerie in Berlin von David Chipperfield Architects
Die Neue Nationalgalerie in Berlin ist fit für die kommenden Jahrzehnte. Der nach Plänen von Mies van der Rohe 1968 fertig gestellte Bau, der vielen als Ikone der Moderne gilt, wurde unter Leitung von David Chipperfield Architects von Grund auf instandgesetzt. Mit dem heutigen Tag der Schlüsselübergabe an die Staatlichen Museen zu Berlin geht ein Sanierungsprojekt zu Ende, auf das die Denkmalpflege wohl lange verweisen wird.
Von Friederike Meyer
Dem Museum weitere Jahrzehnte Funktionsfähigkeit zu ermöglichen, den bauzeitlichen Zustand von 1968 samt Patina zu erhalten und so wenig wie möglich strukturell einzugreifen – das waren die Aufgaben für das Büro David Chipperfield Architects, als die Neue Nationalgalerie 2015 ihre Türen für die Grundinstandsetzung schloss. Lange hatte das 50 Jahre alte Haus unter den bekannten Altersproblemen öffentlicher, moderner Bauten gelitten: veraltete Haustechnik, geborstene Scheiben, korrodierte Elemente, Gebrauchsspuren einer musealen Turbonutzung. Wer nun sechs Jahre später die auratische Halle betritt, zuckt mit den Schultern: Sieht aus wie vorher. Genau das war der Plan. In seiner Erfüllung liegt die Leistung aller Beteiligten, von denen das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung BBR als Bauherrenvertreter und Projektmanager, Mies-Enkel Dirk Lohan und Mies-Spezialist Fritz Neumeyer als Berater, Topos, ProDenkmal und die Ingenieure von GSE, Enseleit und W33 als Fachplaner stellvertretend genannt sein sollen.
Es ist eine Leistung, die vor allem mit geduldiger Moderation der verschiedenen Interessen, mit gründlicher Archivrecherche und technisch präziser Ausführung zu tun hat, und die auf der nicht unbedingt selbstverständlichen Grundhaltung des Architekturbüros basiert, möglichst unsichtbar bleiben zu wollen. Zugleich, das muss man fairerweise sagen, waren die Rahmenbedingungen ideal wie selten bei einem Projekt dieser Größe und Prominenz: Nicht nur, dass der Bund 140 Millionen Euro bereitstellte. Alle Beteiligten wollten ein Exempel für den korrekten Umgang mit einer, ja mit ihrer Ikone der Moderne statuieren. Hier war eine Generation am Werk, die zeitgleich mit dem Haus heranwuchs und seinen Mythos tief verinnerlicht hat. Ihr Respekt vor der Aura des Bauwerkes, ihr Slogan „So viel Mies wie möglich“ war eine Konstante, die die gesamte Bauzeit bestimmt hat. Keine Streiterei drang nach außen, keine Kostensteigerung dominierte die Debatte. Alles war unter Kontrolle – so wie die radikal reduzierte Konstruktion des auf acht Stützen ruhenden, schweren Dachs über der auf maximale Transparenz getrimmten Halle.
Bis zur schmalsten Fuge wurde das Vorgehen dokumentiert und in all seinen Facetten medial aufbereitet – vom Abtragen der Granitplatten und Eichenholzpaneele über die Erneuerung der Tragstruktur bis zum Wiedereinsetzen der Originalteile an ihren alten Platz. Die Beiträge im liebevoll gepflegten Baublog präsentierten derweil Anekdoten und Bilder aus der Nutzungszeit und gaben jedem Meilenstein der Sanierung Raum – den neuen Glasscheiben, die in der nötigen Größe weltweit nur ein einziges Werk in China herstellen konnte; dem Beleuchtungskonzept, das man auf LED-Technik umrüstete; der Betonsanierung, die im Untergeschoss nötig wurde; der optimierten Haustechnik, die in den alten Kanälen verläuft; den Bäumen im Skulpturengarten, dessen Wände neu gesetzt werden mussten.
Es ist eine Sanierung, bei der es im sichtbaren Teil nichts wegzunehmen, aber auch nichts hinzuzufügen galt. Jegliche Veränderung hätte die Struktur in ihrer Gesamtwirkung entstellt, sagt der verantwortliche Architekt Martin Reichert. Im Gegensatz zur Halle, deren Erscheinungsbild um jeden Preis erhalten bleiben sollte, diskutierte man im Untergeschoss lange über die Raufasertapete und den grauen Teppichboden in den Ausstellungsräumen, die nicht so recht in das Bild der glanzvoll perfekten Moderne passten. Raufasertapeten findet man im sanierten Haus nur noch exemplarisch, doch ansonsten blieben alle Elemente erhalten, zum Teil ersetzt durch Materialien der Originalhersteller. Dennoch gab es – von außen unsichtbare – räumliche Änderungen. Die Gemälde- und die Skulpturensammlung wurden in ein neues Depot unter dem östlichen Vorplatz verlagert. An ihre Stelle sind Garderobe und Buchladen gerückt – die einzigen Orte, an denen die Architekten ihre dezente Handschrift hinterlassen konnten. Die betonsichtige Decke der alten Depoträume bleibt als Zeichen, dass sie ursprünglich nicht öffentlich zugängig waren, erhalten.
Die Aufgabe der denkmalgerechten Grundinstandsetzung kann man besser wohl nicht erfüllen. Die Qualität des Ergebnisses bietet aber auch Anlass zur Diskussion um die Angemessenheit der Mittel. So lässt es uns die Standards hinterfragen, die Kunstwerke und Verleihgeschäft heute von Museen erwarten und die all die technischen und ökologisch bedenklichen Verrenkungen provozieren, damit ein derart transparentes Gebäude in Zeiten turbulenten Wetters rund um die Uhr innenklimatisch stabil bleibt. Es lässt uns nach dem Publikum fragen, das sich im Haus künftig willkommen fühlen wird – und nach dem Nutzen für die Stadt jenseits des Geldes, das die Touristen dalassen, um die sorgfältig konservierte und vielleicht eines Tages als Weltkulturerbe deklarierte Perfektion bewundern zu können. Als die Nationalgalerie gebaut wurde, markierte sie den Aufbruch in eine neue Zeit. Ermöglicht ihre Sanierung einen erneuten Aufbruch? Die Antwort liegt nun in den Händen der Staatlichen Museen. Doch diese schwelgen erst einmal in den guten alten Zeiten. Am 22. August wird das Haus mit einer neuen Sammlungspräsentation und einer Ausstellung zum Bildhauer Alexander Calder, dem Schöpfer der Skulptur „Têtes et Queue“ auf dem Vorplatz, wiedereröffnet.
Zu Beginn der Sanierung erschien die „BAUNETZWOCHE#393 „Der Mies’sche Patient“. Am 6. Mai 2021 erscheint die BAUNETZWOCHE#578 mit einem vergleichenden Blick nach Washington, wo Mecanoo jüngst die Mies’sche Martin Luther King Jr. Memorial Library aktualisiert haben.
Die Tage der offenen Tür wurden aus Pandemiegründen auf den 28. bis 30. Mai 2021 verschoben.
Es fehlen nur noch die Skulpturen, die auf der Terrasse einen Kontrapunkt zu diesem monumentalen Bau setzten. Ich hoffe, die finden wieder ihren Weg an den alten Platz zurueck? (siehe Bild 23-25). @8 Christoph: Auf den bauzeitlichen Fotos befindet sich kein Fahrrad. Und die Radlerin auf Bild 1 faehrt auf dem an dieser Stelle sicheren Radweg ...
Als Mies-Fan kann ich mir eine kleine Korrektur nicht verkneifen. Sie betrifft die Beschriftung von Bild 16: nicht der "Travertin" der Schächte wurde abgenommen und wieder angehängt, sondern der Serpentinit Verde Gloria ( oder auch grüner Tinos Marmor), wie ihn Mies auch am Barcelona-Pavillon eingesetzt hat... Im Übrigen möchte ich dem Kommentar von Frauke widersprechen: nur das Zeigen der nunmehr sichtbaren Betonstruktur ist denkmalgerecht - eine Verkleidung im "Mies'schen Sinne" wäre ein Fälschung. Der "Start-Up-Beton-Look" von Kassettendecke und Pilzstütze unten ist zudem ein schöner Kontrapunkt zur Stahlkonstruktion oben. Und eine wunderbare kleine Entdeckung für jeden Pilger in den Katakomben des Tempels. [Anmerkung der Redaktion: Danke für den Hinweis, wir haben Bildunterschrift 16 korrigiert.]
gerade das finde ich gut! das man das alles sieht. es ist wie bei den meisten schön schlanken eleganten tischleuchten...man sieht oben das design, unterm tisch liegt der dicke trafo mit dem kabelsalat , den es dazu eben braucht.