Buchtipp: 200 Jahre James Hobrecht
Planer des modernen Berlins
Als ältester Berliner Architektenverein bereits 1824 ins Leben gerufen, war der Architekten- und Ingenieurverein Berlin-Brandenburg AIV durch seine Mitglieder – darunter Karl Friedrich Schinkel, Paul Wallot, Ludwig Hoffmann, Alfred Messel oder James Hobrecht – von Anfang an mit der Transformation der Stadt zur modernen Metropole befasst.
Seit einigen Jahren pflegt der AIV zunehmend dieses Erbe und schafft mit Ausstellungen, Veranstaltungen und Publikationen immer wieder den Brückenschlag zwischen Geschichte und brennenden Themen der aktuellen Stadtentwicklung. Zu nennen sind etwa das groß angelegte Projekt Unvollendete Metropole 2020 (das unter anderem den Ideenwettbewerb Berlin-Brandenburg 2070 umfasste) oder die Freiluftausstellung immer modern! Berlin und seine Straßen im Jahr 2024.
Im vergangenen Herbst und Winter widmete der AIV dem Bauingenieur, Stadt- und Infrastrukturplaner, Stadtbaurat und langjährigen Vorsitzenden des AIV James Hobrecht anlässlich seines 200. Geburtstags eine vierteilige Veranstaltungsreihe. Auch hier zielte die Auseinandersetzung mit der Geschichte letztlich darauf ab, Hobrechts Werk aus heutiger Sicht zu beurteilen und Anregungen für künftige Planungen zu gewinnen.
Kuratiert wurde das umfangreiche Programm von Harald Bodenschatz, der nun auch den im Wasmuth Verlag erschienenen Sammelband 200 Jahre James Hobrecht. Planer des modernen Berlins gemeinsam mit dem AIV herausgegeben hat. Das reichlich mit Bild- und Planmaterial illustrierte Buch versammelt im Wesentlichen die acht Abendvorträge, ergänzt um einen Beitrag des Hobrecht-Biografen Klaus Strohmeyer sowie fünf Positionen aus verschiedenen Planungs- und Bauverbänden.
Darüber, dass Hobrecht (1825–1902) die städtebauliche Entwicklung Berlins maßgeblich geprägt hat, besteht Einigkeit. Unter seiner Leitung entstanden 1862 der bald nach ihm benannte „Bebauungsplan für die Umgebungen Berlins“, ein Fluchtlinienplan sowie das 1869 geplante Kanalisationssystem. In den folgenden Jahrzehnten des rasanten Wachstums bis zum Ersten Weltkrieg wurde die kompakte Metropole samt stadttechnischer Infrastruktur weitgehend realisiert.
Unter dem Schlagwort Mietskasernenstadt wurde sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Zerrbild sozialer Ungerechtigkeit in der Kaiserzeit stilisiert und Hobrecht zum Feindbild der Generation von Planer*innen, die eine Suburbanisierung nach amerikanischem und englischem Vorbild anstrebte. Nach den Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg, dem Umbau zur autogerechten Stadt und der Kahlschlagsanierung gelang der IBA’87 die Rehabilitierung der Innenstadt als Wohnort. Der Hobrecht-Plan bildet die Grundstruktur der heute wieder so sehr geschätzten, dichten und nutzungsgemischten Gründerzeitquartiere mit ihren großzügigen öffentlichen Stadträumen, ihrem hierarchischen Netz baumbestandener Straßen, breiten Bürgersteigen und einem Kanon unterschiedlicher Platzformen.
Straßen und Plätze bilden denn auch einen Themenblock des Buches. Markus Tubbesing zeichnet in seinem Beitrag die Entwicklungsgeschichte des bis in die Details qualitätvoll gestalteten Stadtraums und seine rechtlichen Voraussetzungen nach. Er ordnet außerdem ein, warum die Stadtumbauprojekte anderer europäischer Städte wie Paris, Barcelona oder Wien für Hobrecht wenig Orientierung boten.
Demgegenüber betont Katrin Lompscher in ihrem Beitrag die stadtökologische und soziale Funktion grüner Quartiersplätze und Parks. Erfrischend und informationsreich ist die Perspektive des Fußverkehrslobbyisten Roland Stimpel auf die Geschichte der Berliner Gehwege und die Zukunftstauglichkeit der Hobrechtschen Straßenprofile. Aktuelle Probleme dokumentiert sein Fotospaziergang durch die übernutzte Hobrechtstraße in Neukölln.
Ein weiterer Schwerpunkt des Bandes umfasst die stadttechnische Infrastruktur. Hobrechts Kanalisationssystem, maßgeblich unterstützt vom Virologen Rudolf Virchow, bildete von Anfang an die unsichtbare Grundlage für das großstädtische Wachstum. Stephan Natz erläutert in seinem Beitrag die bis heute funktionierende Mischkanalisation und aktuelle Themen der Berliner Wasserversorgung wie Stauraumprogramm und Schwammstadt. Georg Friedrichs und Michael Knoll zeichnen die Geschichte der Berliner Energieversorgung nach – von der ersten Gas-Erleuchtungs-Anstalt bis zur Energie- und Wärmewende auf dem Weg in eine klimaneutrale Zukunft, die Berlin bis 2045 erreichen möchte.
Peter Lemburg skizziert die berufliche Karriere Hobrechts als preußischer Baubeamter und Spezialist für Stadttechnik. Er beleuchtet dessen Beschäftigung mit Gesundheitsthemen und Stadthygiene sowie zeitgenössische Diskussionen über den Bebauungsplan, die zwischen Fachleuten und in der Presse geführt werden.
Mit der Rezeption von Hobrechts Werk setzt sich Mit-Herausgeber Bodenschatz auseinander. Insbesondere befasst er sich mit der überzogenen Kritik, die Werner Hegemann 1930 in Das Steinerne Berlin formulierte, und der daraus resultierenden generellen Verurteilung der Mietskasernenstadt, die weitreichende Folgen für die Berliner Stadtplanung bis in die 1970er Jahre hinein hatte. Bodenschatz arbeitet zudem Hobrechts Wirken im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen, ökonomischen und rechtlichen Realität seiner Zeit heraus, die von ungezügelter Bauspekulation und fehlendem Mietrecht geprägt war.
Hobrecht setzte auf soziale Vielfalt innerhalb der Mietshauskomplexe, sein Konzept der „Durchdringung“ steht im Gegensatz zur sozialräumlichen Segregation in den angloamerikanischen Vorstadtsiedlungen, nach deren Vorbild bald auch rund um Berlin Villen-, Kleinhaus- und Gartenvororte entstanden. Bodenschatz sieht in den Schlüsselthemen Hobrechts – Wohnungsfrage und soziales Miteinander, Verkehr und stadttechnische Infrastruktur sowie die Gestaltung öffentlicher Räume – auch die zentralen Themen des aktuellen Städtebaus.
Text: Ulrike Alber-Vorbeck
200 Jahre James Hobrecht. Planer des modernen Berlins
Harald Bodenschatz und Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg (Hg.)
128 Seiten
Wasmuth Verlag, Berlin 2026
ISBN 978-3-8030-2230-1
24 Euro
Die 2000 erschienene Biografie James Hobrecht (1825–1902) und die Modernisierung der Stadt von Klaus Strohmeyer sowie der im Rahmen eines DFG-Projekts an der TU entstandene und 2018 von Gabi Dolff-Bonekämper, Angela Million und Elke Pahl-Weber herausgegebene Band Das Hobrechtsche Berlin. Wachstum, Wandel und Wert der Berliner Stadterweiterung sind vergriffen.



