Hochkultur für alle
Opernhaus in Shanghai von Snøhetta
Dass Snøhetta aus Kulturbauten öffentliche Stadträume machen können, hat das Büro mit dem vielfach ausgezeichneten Opernhaus in Oslo bewiesen. 2008 eröffnet, wurde es nicht zuletzt für sein begehbares Dach bekannt. Nun, 18 Jahre später, hat Snøhetta ein weiteres Opernhaus fertiggestellt – diesmal in Shanghai. Ähnlich wie in Oslo, wenn auch in deutlich anderem Kontext, setzt auch dieser Bau auf Zugänglichkeit jenseits des eigentlichen Kulturbetriebs.
2016 gewannen die Architekt*innen den Wettbewerb für das Shanghai Grand Opera House, das durchaus ein neues Wahrzeichen der Stadt werden dürfte – und auch soll. Lokales Planungsbüro war ECADI. Der prominente Standort am Ufer des Huangpu-Flusses spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Auf dem ehemaligen Geländer der Expo 2010 ist in den vergangenen Jahren ein rund 190 Hektar großes Naherholungsgebiet entstanden. Einige der Pavillons blieben erhalten, neue Bauten kamen hinzu. Dazu gehört etwa ein großmaßstäbliches Gewächshaus von DMAA, das direkt neben dem wohl markantesten Neubau der Parkanlage, der Oper, steht.
Auf stattlichen 147.000 Quadratmetern bietet der Komplex weit mehr als Aufführungsräume. Neben diesen gibt es Ausstellungsflächen, Restaurants, eine Bibliothek, Proberäume und Bildungsbereiche. Die drei Säle mit insgesamt 4.200 Plätzen unterscheiden sich in Größe, technischer Ausstattung und Atmosphäre. Der Hauptsaal fasst 2.000 Zuschauer*innen. Dunkelrote Oberflächen prägen den Raum, dessen Plätze sich über fünf Ebenen verteilen. Kleine Logen entlang der Seitenwände schaffen dabei intimere Situationen. Hier stehen die großen, klassischen Formate auf dem Programm: Oper, Ballett und Sinfoniekonzerte.
Das Angebot des Opernhauses soll jedoch ausdrücklich ein breiteres Publikum ansprechen. Entsprechend anders gibt sich das mit 1.000 Plätzen kleinste Auditorium. Eine knapp 13 Meter hohe Glasfassade öffnet den Saal zum angrenzenden Park und zur Dachlandschaft. Der Raum ist für experimentelle Aufführungsformate vorgesehen. Dazwischen liegt der dritte Saal mit 1.200 Plätzen, der unter anderem chinesischen Opernformen, Tanz und Schauspiel Raum bietet.
Der Grundriss folgt einer radialen Geometrie, deren konzentrische Linien sich in der umgebenden Landschaft mit Wegen und Pflanzungen fortsetzen. Im Mittelpunkt der Gestaltung ist jenes Element zu finden, das bereits vor der Fertigstellung für Aufmerksamkeit sorgte: eine große Doppelhelix-Treppe, die 24 Stunden am Tag zugänglich ist.
Mit weit auskragenden Stufen verbindet sie das Erdgeschoss mit der begehbaren Dachlandschaft. Diese ist Aussichtsplattform, Bühne und öffentlicher Treffpunkt zugleich. Die geschwungene, scheinbar der Schwerkraft enthobene Treppe überspannt rund 30 Meter und soll in ihrer Form an einen sich öffnenden chinesischen Fächer erinnern. Für die entsprechend komplexe Tragwerksplanung des Neubaus zeichnet das Ingenieurbüro schlaich bergermann partner sbp verantwortlich. Mehr Einzelheiten zur Konstruktion der Treppe finden sich bei BauNetz WISSEN.
Die strahlend weiße, geometrische Fassade wird von hohen, vertikal gegliederten Glasflächen durchbrochen, die den Blick ins Innere freigeben. Um das verglaste Zentrum herum liegt das Foyer, das die Besucher*innenströme verteilt. Im Gegensatz zur eher abstrakten Außenhaut sind die Innenräume stärker auf die jeweilige Nutzung abgestimmt. Vor allem in den Sälen bestimmen Holz, unterschiedliche Rottöne und weiche Oberflächen die Atmosphäre – nicht zuletzt mit Rücksicht auf die akustischen Anforderungen. (gk)
- Fertigstellung:
- 2026
- Architektur, Landschaftsarchitektur und Innenarchitektur:
- Snøhetta
- Tragwerksplanung:
- schlaich bergermann partner
- Lokales Planungsinstitut:
- East China Architectural Design & Research Institute (ECADI)
- Theaterplanung:
- Theatre Projects
- Akustik:
- Nagata Acoustics
- Bauherrschaft:
- Shanghai Grand Opera House
- Fläche:
- 146.800 m²















