Buchtipp: Lager als Architektur
Kriegsflüchtlingslager der Habsburgermonarchie und Architektur der Moderne
Man muss sich schon ein bisschen was trauen, gut 400Seiten über die Kriegsflüchtlingslager der Habsburgermonarchie zu verfassen. Die an der TU Graz lehrende und forschende Antje Senarclens de Grancy hat es gewagt. Das Ergebnis trägt den Titel Lager als Architektur. Kriegsflüchtlingslager der Habsburgermonarchie und Architektur der Moderne und ist nicht nur ein gut lesbares Buch, sondern auch eine hochinteressante, architekturgeschichtliche und kulturwissenschaftliche Analyse des Phänomens Lager, das in seinen zeitlichen, funktional-sozialen und räumlich-materiellen Dimensionen untersucht wird.
Das in zwei Teile gegliederte Buch ist die Habilitationsschrift der Autorin und in der Reihe Exploring Architecture des Birkhäuser Verlags erschienen. Es versteht sich als eine kritische Architekturhistoriografie des modernen Lagers und der Wohnsiedlungen der Nachkriegszeit. Die Autorin diskutiert das Thema ohne Ambivalenzen, Widersprüche und die Heterogenität des untersuchten Feldes auszuklammern. Die Kriegsflüchtlingslager der österreichisch-ungarischen Monarchie werden – als bisher weitgehend unerforschtes Feld – analysiert und in der Architekturgeschichte der Moderne verortet.
Senarclens de Grancy arbeitet drei wesentliche Erkenntnisse heraus. Erstens, dass Lager zunächst als temporäre Bauten errichtet wurden und provisorische Schwellenräume darstellten. Hierbei bildeten sie jeweils spezifische soziale Ordnungen ab und sind deshalb als Machtinstrumente zu verstehen, die immer auf Segregation und Disziplinierung unter politischem Vorzeichen abzielten.
Zweitens weist die in den Lagern präsente und präsentierte Beherrschbarkeit von Chaos und Kontrolle gewisse Parallelen zum Städtebau der Moderne auf. Das Lager kann somit als erzieherisch intendiertes Abbild einer bürgerlichen Gesellschaft verstanden werden. Wohnsiedlungen wiederum lassen sich als räumliches Abbild des modernistischen Glaubens an Fortschritt durch Technik, Taxierung und Normierung lesen.
Drittens wurde der den Lagern und ihren Architekturen immanente Zustand der Ausnahme oft zum Dauerzustand. Dies zeigt die Autorin nicht nur an den Kriegsflüchtlingslagern der Habsburgermonarchie, sondern an diversen Beispielen. So betrachtet Senarclens de Grancy etwa Mary Crowleys und Ernő Goldfingers Holiday and Evacuation Camp im Vereinigten Königreich während des Zweiten Weltkriegs oder Fernand Pouillons Displaced Persons Camp. Dieses fungierte anfänglich als Transitlager, wurde dann zu einer Unterkunft für Obdachlose und entwickelte sich später zu einem Slum.
Viele Lager und Camps weisen dabei nicht nur morphologisch und typologisch Parallelen zu Wohnsiedlungen auf, sondern wurden oft auch später als solche genutzt. In Anbetracht der erarbeiteten Überlappungen führt die Autorin das Modell des Kippens ein, um das kurzfristige Umschlagen in eine radikal andere Nutzung zu fassen.
Sehr lesenswert sind auch die Reflexionen über die Konzentrationslager-Metapher in der Moderne-Kritik ab den 1950er Jahren. Senarclens de Grancy stützt sich hier unter anderem auf ihre Forschungen über den ungarischstämmigen, deportierten und nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich lebenden Architekten und Hochschullehrer David Georges Emmerich. In seinen Vorlesungen an der Universität Paris La Villette bezeichnete er den Städtebau der Nachkriegszeit als „urbanisme concentrationnaire“ und verdeutlichte diese Sichtweise seinen Studierenden auch mit Fotocollagen. Andere Theoretiker*innen kamen zur selben Erkenntnis und verglichen Nachkriegswohnsiedlungen konkret mit nationalsozialistischen Konzentrationslagern.
Die an Banalisierung und Verharmlosung grenzende Vehemenz dieser Moderne-Kritik könnte überraschen, wenn nicht darauf aufmerksam gemacht werden würde, dass bereits die „Vorgängergeneration“ wie Camillo Sitte, Le Corbusier und (allen voran) Sigfried Giedion mit einer fast ähnlichen Heftigkeit die europäische Stadt der Gründerzeit kritisierte und diese vor allem mit der Metapher des Kerkers oder Gefängnisses beschrieben.
Lager als Architektur regt dazu an, weiter nachzudenken, indem wir uns fragen könnten: Wenn die Generationen von Sitte bis Giedion die auf feudalistischen Macht- und Raumstrukturen errichtete Stadt der Gründerzeit als Kerker bezeichneten und die Generation nach 1950/60 die bitterste vorstellbare Metapher nutzte, um die gerasterten Städte mit ihren Vorort-Einöden zu kritisieren, drängt sich die Frage auf: Ist nicht beides als Kapitalismus-Kritik zu lesen (wobei nur die kapitalistische Produktion in der Lage ist, den Wohnungsbau in jeder politischen Konstellation zu pervertieren)?
Die bemerkenswerte Leistung der Autorin ist nicht nur die Aufstellung eines präzisen und dabei doch flexiblen Denkmodells, sondern dass dieses ohne tendenziöse Narration erfolgt. Die kritische Haltung gegenüber der (Selbst-)Mythisierung der Moderne und der Blick auf die Verantwortung der Architekturprofession machen Senarclens de Grancys Buch auch über den eigentlichen Gegenstand hinaus zu einer unbedingt lesenswerten Publikation.
Text: Ráhel Gyöngyvér Győrffy
Lager als Architektur. Kriegsflüchtlingslager der Habsburgermonarchie und Architektur der Moderne
Antje Senarclens de Grancy
416 Seiten
Birkhäuser Verlag, Basel/Berlin/Boston 2025
ISBN 978-3-0356-2735-0
88 Euro
Das Buch ist auch als kostenfreies Open Access-PDF erhältlich.




