Von Sirenen bis Saiten
Umbau zum Stadtteilzentrum in Gent von ATAMA
Was macht man mit einem brutalistischen Bezirksamt aus den 1970er Jahren am Rande eines Parks, wenn das Amt inzwischen deutlich weniger Platz benötigt? Viele Gemeinden würden wohl einen Abriss favorisieren. Anders die belgische Stadt Gent, die für das graue Ensemble im Stadtteil Gentbrugge 2019 einen Wettbewerb ausschrieb, der die Frage nach Abriss oder Umbau offen ließ. Die frei gewordenen Flächen sollten durch eine innovative Nutzungsmischung bespielt werden, denn sowohl die Polizei als auch die Stadtteilbibliothek, eine Grundschule und die städtische Musikakademie waren auf der Suche nach Räumen.
Gewinnen konnten damals ATAMA (Gent), deren Vorschlag nicht nur einen fast vollständigen Erhalt des Bestands vorsah, sondern einige kluge Anbauten, mit denen der architektonische Charakter des Bestands fortgeschrieben und insgesamt gestärkt werden sollte.
Der ursprüngliche Bau stammt vom belgischen Architekten Paul Felix (1913–81), der sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit brutalistischen Sichtbetongebäuden für Kirchen, Klöster und die öffentliche Hand einen Namen machte. Das Bezirksamt verteilte er auf drei Gebäude um einen gemeinsamen Hof: ein eingeschossiger Eingangspavillon, ein zweigeschossiger Flachbau und ein sechsgeschossiges Hochhaus mit abgerücktem Erschließungsturm. Die unterschiedlichen Volumen verband der Architekt durch das Material Beton und den strengen Rhythmus der modularen Fassaden.
ATAMA bauten den Bestand bis zur Tragstruktur zurück und verteilten das neue Programm auf die Gebäude. Die Musikakademie bekam das kleine Hochhaus, die Polizei zog in den Pavillon, während sich Schule, Café, Bürgerservice und Bibliothek den Flachbau teilten. Der Rohbau war kräftig genug, um auf jedes Gebäude ein zusätzliches Stockwerk zu setzen: mehr Büroräume für die Polizei, ein Tanzsaal für die Musikschule und ein Spielplatz für die Grundschule.
Darüber hinaus ergänzten ATAMA das Ensemble um ein viertes Haus, in dem ein Veranstaltungssaal namens Spektakelzaal liegt, der vor allem von der Musikschule genutzt werden soll. Der zuvor halboffene Hof wird durch Neubau fast vollständig umschlossen, was etwas mehr Privatheit schafft. Die unterschiedlichen Einrichtungen erhielten jeweils gut erkennbare Eingänge im Erdgeschoss, was die Orientierung erleichtert.
Die Architekt*innen sorgten dafür, dass innen wie außen Räume entstanden, die gemeinsam genutzt werden können und wo sich die unterschiedlichen Nutzergruppen zufällig begegnen. Das Ensemble – das nun den Namen De Felix trägt – soll so zu einem lebendigen, öffentlichen Stadtteilzentrum werden. Bram Aerts, einer der Partner von ATAMA, erklärte der belgischen Online-Zeitschrift Architectura, dass man das Gebäude als kleine Stadt verstehe, in der vieldeutige Räume Platz ließen für Zufall, Überlappungen und unerwartete Nutzungen. Glaswände im Inneren sorgen für gute Orientierung, viel Licht und dafür, dass die verschiedenen Nutzergruppen auch Einblicke in die anderen Bereiche der Gebäude bekommen.
Architektonisch orientieren sich alle neuen Elemente bis in die Details an der Ästhetik des Bestands und am Rhythmus seiner Module. Besonders deutlich wird diese bei den schlanken Sichtbetonpaneelen, die rund um den Veranstaltungssaal eine zeitgenössische Kolonnade bilden, sowie bei der neuen Umfassung des Dachspielplatzes. Dort bilden geschwungene Fertigteile eine offene Attika. Zwischen den Paneelen gibt es Sitznischen im Maßstab der Kinder, gesichert durch Metallnetze und mit Ausblick über den angrenzenden Park.
Selbst bei der runden, rundum verspiegelten Technikzentrale, die mitten auf dem Dachspielplatz steht, ist man sich nicht ganz sicher, ob sie beim Umbau hinzugefügt wurde – oder ob sie nicht vielleicht schon Felix entworfen hatte ... (fh)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- ATAMA
- Tragwerkplanung:
- UTIL und Boydens Studiebureau
- Landschaftsarchitektur:
- Cluster Landschap & Stedenbouw
- Haustechnik:
- Boydens Studiebureau
- Bauherrschaft:
- Stadt Gent
- Fläche:
- 5.674 m² Gross Floor Area
- Baukosten:
- 14.730.000 € Nettobaukosten
Erst vor einem Jahr hatten wir über ein anderes Projekt von ATAMA berichtet: den Umbau der alten Feuerwache in Kortrijk, wo die Architekt*innen ebenfalls mit verspiegelten Flächen arbeiteten.




