Berlins neue Altstadt
Fünf Entscheidungen am Molkenmarkt
Seit Jahren diskutiert Berlin über die Bebauung am Molkenmarkt, jenes prominente Areal zwischen Stadthaus und Rotem Rathaus. Wie historisch wollen wir auf den landeseigenen Grundstücken wieder aufbauen, wie zukunftsorientiert wollen wir sein? Wer soll künftig im Stadtzentrum wohnen dürfen und sich eine Wohnung leisten können? Und schließlich: Wie lässt sich das alles bezahlen? Auch wenn der Molkenmarkt verglichen mit anderen Projekten der Stadt ein kleines Areal umfasst, steht der Prozess beispielhaft für die aktuelle Stadtentwicklungspolitik der Hauptstadt.
Nach monatelangen archäologischen Grabungen, einem heftig kritisierten städtebaulichen Wettbewerbsverfahren und dem Beschluss des Rahmenplans wird seit 2025 im architektonischen Maßstab geplant. Das Gesamtareal umfasst fünf Blöcke. Die Blöcke A und B realisiert die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Berlin Mitte (WBM). Im ersten Realisierungswettbewerb für den Teilbereich B/1 waren im November 2025 bereits Entwürfe für 3 Lose prämiert worden.
Ende Juni wurde nun der zweite Realisierungswettbewerb entschieden, den die WBM in Kooperation mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen ausgelobt hatte. Es umfasst Block A und den verbliebenen Teilbereich B/2 im Block B entlang der Parochialgasse. Der südliche Teil von Block B und der nördliche Teil von Block A sollen vor allem Wohnen und Gewerbe aufnehmen. Im südlichen Teil von Block A ist ein Gebäudekomplex für Bildende und Darstellende Künste vorgesehen.
Zur Pressekonferenz am Montag betonte Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler, dass das Flächenprogramm im Zuge der Überarbeitung der Planung nochmals erweitert wurde. Die geplante Geschossfläche umfasse nun 44.000 Quadratmeter. Statt der ursprünglich 200 Wohnungen sollen damit 220 entstehen können, ergänzte WBM-Chef Lars Dormeyer. Hinzu kommen 23.000 Quadratmeter Gewerbefläche sowie Räume für Kultur und öffentliche Einrichtungen. Dormeyer rechnet derzeit mit Baukosten von 6.800 Euro pro Quadratmeter (Kostengruppe 200–700). Das sei 17 Prozent höher als zu Beginn der Planungen. Jurymitglied Antje Freiesleben erklärte bei der Vorstellung der Siegerentwürfe: „Wir wollen ein europäisches Quartier mit Zitaten von Italien über Skandinavien bis Tschechien schaffen.“
Um gestalterische Vielfalt zu organisieren, hatte man die im Wettbewerb betrachteten Abschnitte Block A und B/2 in vier Lose gegliedert. Eine losübergreifende Aufgabe (Los 5) betrifft die übergeordnete Gestaltung der Erdgeschosszone im Block A, wo eine Arkade die unterschiedlichen Häuser gestalterisch verbinden und einen zusammenhängenden Stadtraum schaffen soll. Auf die europaweite Ausschreibung hatten sich vor allem Arbeitsgemeinschaften mehrerer Architekturbüros beworben. In einem vorgeschalteten Teilnahmewettbewerb waren pro Los sieben Teams ausgewählt worden. Weitere drei Teams pro Los waren gesetzt.
Alle 40 Teams (für 4 Lose) hatten gerade mal neun Wochen Bearbeitungszeit. Ende Juni tagte die siebenköpfige Jury mit rund 50 anwesenden Fachleuten aus Verwaltung, Planung und Politik an fünf aufeinanderfolgenden Tagen. Für jedes Los gab es ein eigenständiges Preisgericht mit jeweiligem Juryvorsitz, für den sich die vier Fachpreisrichter*innen Antje Freiesleben, Kathrin Schmitz, Jörg Springer und Ferdinand Heide abwechselten. Sie entschieden wie folgt:
Los 1: Fünf Gebäude an prominenten Standorten im Quartier, darunter zwei Eckhäuser an der künftigen Parochialgasse. Für jede Arbeit wurde eine Aufwandsentschädigung über 9.300 Euro netto gezahlt.
- 1. Preis: Hemprich Tophof (Berlin) mit Max Dudler (Berlin) und Simone Boldrin Architettura (Berlin)
- 2. Preis: Urban Agency (Kopenhagen)
- 3. Preis: Peter W. Schmidt + Assoziierte (Berlin) mit Fischer Rüdenauer Architekten (Stuttgart) und Atelier Kaiser Shen Architekten (Stuttgart)
Los 2: Vier Gebäude in Block B/2 und Block A. Für jede Arbeit wurde eine Aufwandsentschädigung über 6.000 Euro netto gezahlt.
- 1. Preis: von Ey Henkel Architektur (Berlin) mit jessenvollenweider architektur (Basel) und Trutz von Stuckrad Penner Architekten (Berlin)
- 2. Preis: Duplex Architekten (Hamburg) mit Gort Scott Architects (London) und Kim Nalleweg Architekten (Berlin)
- 3. Preis: Senator. Project Management Service (Dresden)
Los 3: Vier Gebäude in Block B/2 und Block A. Für jede Arbeit wurde eine Aufwandsentschädigung über 7.000 Euro netto gezahlt.
- 1. Preis: P/E/P Architekten + Stadtplaner (Münster) mit Kleihues + Kleihues (Berlin) und Muck Petzet Architekten (München)
- 2. Preis: Schmitt von Holst Architekten Partnerschaft (Berlin) mit van geisten.marfels architekten (Potsdam)
- 3. Preis: Harris + Kurrle Architekten (Stuttgart)
Los 4: Kulturbaustein Block A. Für jede Arbeit wurde eine Aufwandsentschädigung über 16.800 Euro netto gezahlt.
- 1. Preis: Lederer Ragnarsdóttir Architekten (Berlin) mit Baumschlager Eberle Architekten (Berlin)
- 2. Preis: Caruso St John Architects (London)
- 3. Preis: Thomas Müller Ivan Reimann (Berlin)
Los 5 betrifft die übergeordnete Gestaltung der Erdgeschosszone im Block A. Eine durchgehende Arkaden beziehungsweise Kolonnade soll die unterschiedlichen Häuser gestalterisch verbinden und einen zusammenhängenden Stadtraum schaffen.
- 1. Preis: Team von Ey Henkel Architektur (Berlin) mit jessenvollenweider architektur (Basel) und Trutz von Stuckrad Penner Architekten (Berlin) als Gestaltungsvorgabe für die umlaufende Arkade im Inneren von Block A
Die Initiative Offene Mitte Berlin setzt sich für den Erhalt grüner und öffentlicher Freiräume in dem Gebiet ein und steht einer dichten Bebauung in der Stadtmitte kritisch gegenüber. Sie erinnerte in einer Pressemitteilung zum Wettbewerbsergebnis an die Kostenvorgaben des Landesrechnungshofes sowie an das Ziel des Senats, kostengünstigen Wohnraum schaffen zu wollen und machte Vorschläge für Baukostensenkungen. Potenzial böten etwa die rigiden Bebauungsleitlinien in Bezug auf die Maisonette-Einheiten und die Materialität der Fassaden. Eine gute Gestaltung sei auch ohne Sockelbereiche aus Naturstein möglich, heißt es in dem Schreiben.
Die WBM wird nun ein Vergabeverfahren mit den drei prämierten Teams pro Los durchführen, heißt es wiederum in der Presseerklärung des Senats. Bei der Bewertung werde die Platzierung im Wettbewerb zentrales Kriterium sein. Auch die geplante Organisation der weiteren Projektbearbeitung sowie das Honorarangebot sollen in die Entscheidung einfließen. (fm)
Die Projekte der übrigen Preisträger sowie die Wettbewerbspläne veröffentlicht die Senatsverwaltung zu einem späteren Zeitpunkt.






Aber vielleicht ist das auch eine arg hohe Erwartung an einen überschaubaren Häuserblock, ein schon städtebaulich verzweifeltes Vorhaben. Auch ist eine gewisse Vernöferung der entstehenden Baumassen in Berlin allenthalben und nicht nur am Molkenmarkt unverkennbar. Das traurige daran ist, dass kaum ein Beitrag zwischen Europa-City und Molkenmarkt etwas zu einer lebendigeren Stadt beiträgt. Egal aus welcher "ideologischen" Position heraus er geplant wurde. Beide folgen im Grunde dem Motto Carlo Emilio Gaddas von Mailand im frühen 20. Jahrhundert, das lautete: Die Unlust sagte zum schlechten Geschmack: Komm lass uns eine neue Stadt bauen, darin werde ich Königin sein und du König. Und so geschah's..
"Heinz Hillmer aber meinte einmal, "dass wir uns nicht der besonders in der Moderne gehegten Hoffnung hingeben, etwa wirklich Neues erfinden zu können, sondern dass wir uns stattdessen bewusst an den immer wiederkehrenden Grundformen der Architektur und des Städtebaus orientieren."Kontext: Das ist der Raum einer Architektur, die nicht das Zukünftige gegen das Tradierte ausspielt, sondern die Sphären versöhnt." in "Süddeutsche Zeitung vom 08.07.2026 Autor Gerhard Matzig.
Warum sollen in der Altstadt von Berlin zwingend Hochhäuser - die ökologisch auch nicht unbedenklich sind - oder neue nie dagewesene Lösungen ausprobiert werden? Die Argumente von Klima bis soziale Stadt sind m.E. oft nur vorgeschoben und überzeugen nicht in der Sache.
In Hamburg wird die Hauptsynagoge in der Stadtmitte rekonstruiert werden. Der Nazi-Bunker der dort noch steht - und bis heute unter Denkmalschutz steht - wird abgebrochen werden. Der Vorsitzende der Stiftung Bornplatzsynagoge Daniel Sheffer sagt meiner Meinung nach völlig zu Recht "Was die Nazis zerstört haben bauen wir wieder auf.
Berlin braucht meiner Auffassung nach langfristig eine neue Altstadt, um das Tradierte mit dem Zukünftigen wieder in eine Balance zu bringen, zu versöhnen. Weiterhin sollte die Barbarei der Nazis "Arisierung" und Enteignung der vielen Häuser jüdischer Berlinerinnen und Berliner in der Berliner Altstadt nicht das letzte Wort der Bau-Geschichte sein - nach Daniel Sheffer "Was die Nazis zersört haben bauen wir wieder auf.
Abschließend noch Gabrielle von Armin:
"Heute bin ich mit der Ringbahn durch Berlin gefahren. (...) Durch eine deprimiend hässliche, abstoßend kalte Stadtlandschaft. Ein phantasieloser Riesenklotz neben dem nächsten. Kein Gefühl fürs Gesamte, kein Ensemble, kein Geist, keine Lust, kein Ornament, keine Freudlichkeit, keine Eleganz. Nur Gebäude im Dienst der Effizienz, des Kapitals" in "Der Trost der Schönheit" S. 179f 2023
Danke ebenso. Die „Hauptmeinung“ vertreten diese im Kombination rhetorisch und argumentatorisch raffinierten Politsprech-Kommentatoren jedoch bei Weitem nicht. Seien Sie darüber nicht zu sehr verdrießlich. Offensichtlich versuchen hier einige, ihr Weltbild mit allen möglichen Kniffen und Tricks in der Kommentarspalte durchzudrücken.
Mit solchen Ideologen (auch wenn sie sich selbst gegenteilig nennen) ist leider keine fruchtbare Diskussion mit Mehrwert führbar.
Don't feed the trolls.
Kurz und knapp: Die "Progressiven" hier wollen ein Verfahren, das nicht die Augen verschließt vor den wirklichen Fragestellungen der Zeit. Ein solches würde vielleicht auch was hervorbringen, was ihr dann "Stadtreparatur", "Stil" oder "Schönheit" nennen könnt - ganz sicher aber halt mehr als das.
Nennt es Realitätssinn oder Verantwortungsbewusstsein, ihr nostalgischen Märchenonkels.