Rekonstruktionsbemühungen am Molkenmarkt
Stiftung Mitte Berlin gegründet
Die Bebauung um den Molkenmarkt am Roten Rathaus in Berlin ist derzeit umstritten wie kein anderes Projekt in der Stadt. Mehrfach war das endgültige Votum der Jury im städtebaulichen Werkstattverfahren verschoben worden. Vor zwei Wochen verkündete Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt schließlich, dass eine Entscheidung nie vorgesehen gewesen wäre. Vielmehr gehe es nun darum, das gesamte Wissen aus dem zweistufigen, partizipativen Prozess in einer „Charta Molkenmarkt“ festzuhalten.
Diese Erklärung rief in der lokalen Presse und auch bei gesellschaftspolitischen Akteuren Unverständnis und Kritik hervor. In der taz zum Beispiel war zu lesen, dass die Jury den Entwurf von OS arkitekter (Kopenhagen) und cka czyborra klingbeil (Berlin) bevorzugt habe und dass sich Kahlfeldt mit dem von ihr bevorzugten Entwurf der Büros Bernd Albers Architekten (Berlin) und Vogt Landschaftsarchitekten (Zürich) im Preisgericht nicht habe durchsetzen können. Bereits im Juli hatte der Tagesspiegel über die Charta Molkenmarkt berichtet, die in Kahlfeldts Haus erarbeitet wird. Kritiker*innen monieren, dass die Charta nur vom Senat beschlossen werden soll – und nicht vom Abgeordnetenhaus, wie es noch vor einigen Monaten hieß.
Diese Woche ist eine neue Akteurin auf die öffentliche Bühne getreten. Die im Juli gegründete Stiftung Mitte Berlin (SMB) der Berliner Unternehmerin Marie-Luise Schwarz-Schilling setzt sich unter dem Motto „Für das Herz der Stadt“ offensiv für eine historische Rekonstruktion des Molkenmarkts ein, heißt es in der heute verbreiteten Presseerklärung. Der SMB geht es laut eigener Aussage darum, „dass im Bereich der ehemaligen Altstadt möglichst viele Plätze, Gebäude und Denkmäler aus der Zeit vor 1933 wiedergewonnen werden“. Ein Blick auf die Webseite der Stiftung und die mitgelieferten Visualisierungen zeigt, dass es der SMB nicht nur um den Molkenmarkt geht, sondern auch um die Fischerinsel oder die Bebauung der Freifläche zwischen Rotem Rathaus und Marienkirche, Fernsehturm und Spreekanal. Für deren Gestaltung hatten RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten vor einem Jahr einen Wettbewerb gewonnen. Dessen Ergebnis war unter anderem auf Basis von 2015 entwickelten „Bürgerleitlinien“ und unter Bezugnahme von Ideen der Bürger*innen weiterentwickelt worden.
Für eine „stärkere Bürgerbeteiligung, etwa durch Befragungen, Bürgerforen und Werkstätten“ möchte sich auch die SMB erklärtermaßen einsetzen. Von Mittwoch 19. bis Sonntag, 23. Oktober 2022 hat sie ein „Mitte-Festival“ in der Parochialkirche (Klosterstraße 67, 10179 Berlin) angekündigt, das sie zusammen mit knapp 30 Partnern realisiert. Neben einer ganzen Reihe an Veranstaltungen soll dort anhand von Bildern und Filmen „die einstige und potentielle Schönheit von Mitte“ gezeigt werden. Einen ersten Eindruck der Ideen Schwarz-Schillings und ihrer beiden Vorstandskollegen Benedikt Goebel (Stadtforscher) und David Kastner (Immobilienmanager) geben die vier Visualisierungen, die heute veröffentlicht wurden. Sie zeichnen ein programmatisch restrospektives Idealbild und funktionieren zugleich als plakativer Kontrapunkt zur komplexen Plansprache des bisherigen Werkstattverfahrens. (gh)
Beim letzten Absatz musste ich lachen. Das wäre doch fast genau das, was sich Hilbersheimer für die Friedrichstraße (oder, wers nicht kennt, Le Corbusier für Paris) überlegt hat. Die monströsen Platten rahmen dann die schönen neuen Altbauten. Ich kann verstehen, dass man die Spandauer Straße bebauen möchte, da sie in ihrer jetzigen Form zwangsläufig immer als Trennung der Grünanlage wahrgenommen wird. Da das eine Ausfallstraße für die gesamte Spandauer Vorstadt richtung Süden ist, wird es da wohl auch nie zur einer Verkehrsberuhigung kommen. Hier ist von keiner Seite bisher eine gute Idee gekommen (nein, Fußgängerbrücken sind eine schlechte Idee). Ich bin mir gar nicht so sicher, ob diese Initiative ihre Bilder selbst so ernst nimmt. Ich habe eher den Eindruck, die wünschen sich eine "bürgerliche" Stadt mit vielfältigen, privaten Bauherren, die dann für vielfältige Nutzungen und entsprechend ein bisschen Leben sorgen. Könnte ich dann auch nachvollziehen. Der Glaube, dass die städtischen Wohnungsbaugesellschaften tatsächlich vielfalt "hinmanagen", der ist mir fern. Ich kriege da eher Erinnerungen an klassisches Center-Management. Vielleicht bekäme ich dann aber eine Wohnung dort. Möchte ich das? Das weiß ich wohl erst, wenn das Viertel gebaut ist. Mir fehlt hier im Diskurs ansonsten eine echte Diskussion über für und wieder einer Stadt, wie sie hier skizziert wird. Eine paar Punkte sind angeklungen (Barrierefreiheit, Bürgersteige, etc.) aber die werden ja auch mehr oder weniger durch die Normen und Gesetzgebungen geklärt. Fassaden sind nur Fassaden, da brauchen wir unsere Moden auch nicht über die von gestern oder morgen zu stellen. "Wir setzen uns ein für ein dichtes Stadtquartier mit attraktiven Straßen und Plätzen." Welche Argumente sprechen gegen dieses Ziel der Stiftung? Man darf sie ja dann beim "Mitte-Festival" in der Parochialkirche vortragen.
Ich lebe seit über 20 Jahren in dieser Stadt, aber diesen immer wieder hochwabernden berlinischen 'horror vacui' konnte ich noch nie begreifen. Wieso kann man solche Freiflächen nicht einfach wertschätzen? Stellen wir uns mal vor, die Wiener kämen plötzlich auf die Idee, die Plätze entlang ihres Rings wären 'zu leer', oder die Pariser würden anfangen, das Champ de Mars vor dem Eiffelturm bebauen zu müssen. Und dann am besten noch alles mit dieser Frankfurter Plastikarchitektur zukleistern. Ist ja so wunderbar 'historisch'. Absurd! Und nein, so eine Kritik hat nichts mit einer unterstellten Verteidigung der DDR-Vergangenheit zu tun, sondern viel mehr mit einer Akzeptanz der gelebten Gegenwart in dieser Stadt. Und bitte, bitte, können wir hier endlich mal Fachleute auf die entscheidenden Positionen bekommen, die ein Verständnis für urbane Maßstäbe haben, anstatt dass der SPD-Klüngel immer wieder reaktionäre Provinzler ins Baudirektorium beruft? Sich solche Kleinstadtbauten zwischen der Randbebauung des Rathaussforums auch nur vorzustellen - wie piefig kann man denn eigentlich denken!
Bei heutiger Architektur kann man aber im Grunde kaum mehr von "Moderne" sprechen. Die Vorstellungen von OS am Molkenmarkt zum Beispiel entsprechen einer politisch korrekten "Klima"-Architektur - was auch immer das genau sein soll?! Das Problem heutzutage ist ja, dass alleine der Hinweis (man macht an der Fassade oder an der Technik irgendwas mit Klimaschutz und Zertifizierung, etc.) schon das Ergebnis heiligt. Bei OS war dies im Vortrag bei der Veranstaltung sehr gut daran zu erkennen, dass man vorschlug die Rathauspassagen (Parkhaus und Bürogebäude zur Grunerstraße) hinter Bepflanzung verstecken zu wollen, weil dies wieder irgendwas mit Klima... Daran erkennt man, dass diese Leute nicht mehr für die Moderne, sondern eher für einen Gang zurück stehen. Die Lebendigkeit dieses Parkhauses, seine fröhlich wirkende Modernität wird nicht nur ignoriert, sondern es besteht der Wunsch, weil das Gegenüber anders ist als man es selbst möchte - dieses zu verstecken oder unsichtbar zu machen. So sehe ich in den Vorstellungen der "Stiftung Mitte" eine etwas verengte Sichtweise auf Stadt - allerdings nicht mehr verengt als bei OS Architekten zum Beispiel. Heute wollen beide Gruppen in einem alten Bauernhaus am Lande wohnen. Die einen wollen die Wände schön bemalt und ein Kränzchen vor der Tür und die anderen genießen den nackten Steinboden und die freigelegte Wandstruktur (ohne Putz). Und dabei isst man den selbst angebauten Bio-Grießbrei und fühlt sich moralisch überlegen. Leider marschieren beide Gruppen stramm zurück in gruselige Vorzeit und keine der beiden Gruppen erkennt es bei sich selbst, wirft es aber der anderen Gruppe vor. Was würde ich drum geben in der Moderne zu leben!!