Die Verwaltung übernimmt
Entscheidung am Berliner Molkenmarkt
Kein Sieger am Molkenmarkt. So knapp kann man das Votum der Jury zum Abschluss des Werkstattverfahrens zur städtebaulichen Qualifizierung des Areals zwischen Nikolaiviertel, Rotem Rathaus und Altem Stadthaus zusammenfassen. Die Entscheidung sorgte auf der Pressekonferenz heute Mittag für einige Irritationen.
Von Gregor Harbusch
Mit großer Spannung war das Urteil des Preisgerichts erwartet worden. Immerhin schienen sich in dem Verfahren zwei konträre Projekte gegenüberzustehen, die den ältesten Stadtplatz Berlins – der heute vor allem eine unwirtliche Verkehrsschneise ist – zu einem gemischten, nachhaltigen und bezahlbaren Quartier machen sollen. Man erwarte „Antworten auf die Zukunftsfragen der Stadt“, wie Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt (hier im Interview) gleich zu Beginn betonte.
Auf der einen Seite steht das Projekt von Bernd Albers Gesellschaft von Architekten (Berlin) und Vogt Landschaftsarchitekten (Zürich), die unter besonderer Beobachtung standen, da der kürzlich früh verstorbene Albers viele Jahre mit Kahlfeldt in der Planungsgruppe Stadtkern zusammengearbeitet hatte. Auf der anderen Seite steht der Entwurf von OS arkitekter (Kopenhagen) und cka czyborra klingbeil architekturwerkstatt (Berlin), der vielen Beobachter*innen als der strukturell offenere und konzeptionell zeitgemäßere gilt.
Beide Teams waren Ende November letzten Jahres aus einem städtebaulichen Wettbewerb als Sieger hervorgegangen. Die Jury vergab damals zwei erste Preise. Die Büros gingen anschließend in ein öffentliches Werkstattverfahren. Dessen Auftakt Mitte Januar war zugleich der erste öffentliche Termin von Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt, deren Berufung kurz vorher zu heftigen Diskussionen geführt hatte.
Die gestrige Sitzung des Preisgerichts unter Vorsitz von Christa Reicher markiert nun den Abschluss des Werkstattverfahrens. Ausführlich erläuterte Kahlfeldt auf der heutigen Pressekonferenz das bisherige Procedere. Sie betonte, wie wichtig der öffentliche Planungsprozess aus Sondierungsphase, Wettbewerb und Werkstattverfahren gewesen sei. Ebenso ausführlich berichtete Reicher über Themen und Empfehlungen des Preisgerichts – etwa von den Herausforderungen des öffentlichen Raums, vom gewünschten Erhalt des Bestandsgebäudes Klosterstraße 44, von fehlenden Fahrradabstellplätzen in beiden Entwürfen oder den Schwierigkeiten unterirdischer Ver- und Entsorgung.
Nachdem alle Beteiligten gesprochen hatten, machte sich leichte Verwunderung breit. Denn so viel man über Verfahren, geplante Machbarkeitsstudien und die nun anstehende „Charta Molkenmarkt“ erfahren hatte, so wenig war die Frage eines Gewinners oder einer Juryentscheidung im klassischen Sinne auch nur berührt worden. Auf Nachfrage legte Kahlfeldt mit Verweis auf die Auslobungsunterlagen dar, dass eine solche Entscheidung nie geplant gewesen sei. Von „Empfehlungen der Jury“ sei in der Auslobung die Rede. Explizit stehe dort auch, dass es keine Beauftragung geben werde. Sie gab zu, dass das Verfahren durchaus „ein bisschen ungewöhnlich“ sei, doch die Komplexität und Relevanz des Projekts an diesem speziellen Ort rechtfertige ein solches Vorgehen.
Die Zeichen stehen also auf Kooperation statt Konkurrenz. Das passt zu der Beobachtung vor Ort, dass sich die beiden Entwürfe durch die Überarbeitung in der Werkstattphase deutlich angenähert haben – auch wenn ihnen eine andere architektonische Haltung und ein anderes Verständnis von Stadt zu Grunde liegen mag, wie Reicher betonte.
Der Ball liegt nun bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen. Sie wird die „Charta Molkenmarkt“ erarbeiten, auf deren Basis dann die hochbaulichen und freiräumlichen Wettbewerbe ausgelobt werden. Alle Erkenntnisse des bisherigen Verfahrens, die Empfehlungen der gestrigen Preisgerichtssitzung, aber auch die Resultate von einigen noch notwendigen Machbarkeitsstudien werden einfließen. Bis Ende des Jahres soll der erste Teil, bis Mitte 2023 der zweite Teil der Charta abgeschlossen werden. Zunächst wird es um einen städtebaulichen Rahmenplan gehen, danach soll ein Gestaltungshandbuch auch entscheidende Fragen der architektonischen Umsetzung festschreiben.
Die Charta wird durch den Senat beschlossen und dem Abgeordnetenhaus vorgelegt. Bis Ende des ersten Quartals 2024 könnten dann die Wettbewerbe initiiert werden, ab Mitte 2029 würde die Realisierung beginnen. Taktgeber des gesamten Verfahrens sei die Mittelalterarchäologie, betonte Kahlfeldt und konterte damit auch die Frage, ob man das Projekt nicht schneller vorantreiben könne. Bis 2025 werden die Archäolog*innen im Herzen der Stadt nach Resten des alten Berlins graben.
Ausführliche Informationen zur Geschichte des Molkenmarkt und den aktuellen Planungen findet man unter molkenmarkt.berlin.de.
Offensichtlich hat Frau Kahlfeldt hier das Verfahren gesprengt, weil sie Angst hatte, die Mehrheit der Jury könnte für einen von ihr nicht gewollten Entwurf stimmen. So funktioniert aber ein solches Verfahren und die Demokratie im allgemeinen nicht. Es gab eine Jury aus qualifizierten Leuten (Architekten, Stadtplaner, Bauherren usw.). Wenn Frau Kahlfeldt deren Meinung nicht akzeptiert und sie kurzerhand entmachtet, mag Ihnen das Ergebnis recht sein, aber mit dem Verhalten sollten Sie ein Problem haben wenn Sie Sympathien für demokratische Strukturen und damit zusammenhängende Institutionen haben. Wenn Ihnen dies egal ist beschweren Sie sich bitte nicht wenn es das nächste mal nicht so läuft wie Sie es sich wünschen.
Sie bringen es auf den Punkt! Welche Anmutung? Begriff ? von STADT will Berlin in der Innenstadt, im Zentrum für Wohnen haben? Innenstadt ist nicht Schöneberg, nicht Prenzlauer Berg! Die augenblickliche Zielführung eiert zwischen nicht sooo richtig Altstadt , nicht sooo richtig Ökobau. Schon das Friedrichswerder verwechselte Berlin mit Lichtenberg. Ihr Vorschlag ist richtig, wir geben die kleinteilige Parzellierung auf, strukturieren die Straßenblöcke in Abschnitten größer mit weniger Erschließungskernen und individualisieren die Fassaden.
Ich bin ganz bei Ihnen, was die Wettbewerbs- und Mitbestimmungsregeln betrifft, hier wurde das Verfahren wirklich nicht zum Ende gebracht. Ich möchte ihnen aber auch meine Sicht hierzu (diesmal ohne Emotionen) mitteilen. Ich persönlich fand den Entwurf von OZ von Anfang an lebendiger und phantasiereicher. Quirligkeit so wie Stadt ja sein sollte konnte ich mir bei dem Entwurf am besten vorstellen. Jetzt entbrannte meine Wut jedoch daran, dass bei der Vorstellung das Thema Grün/Klima alle anderen Themen (z. B. wie entstehen diese Parzellen?, Fassadentypen, etc.) überdeckt bzw. fast verkleistert hat. Ich weiß bis heute nicht, was da am Molkenmarkt (der im Grunde seit Mitte der 30ern Jahren ausradiert war) eigentlich entstehen soll? Ein zweites Nikolaiviertel? Da wäre in der Tat der durchaus sauber durchgeplante Entwurf des Büros Albers (Herr Albers verstarb leider dieses Jahr) am geeignetsten. Zumindest gelingt direkt am Molkenmarkt durch die Satteldächer eine passende Überleitung. Will man eine Altstadt wie in Frankfurt? Ja dann bitte so konsequent wie in Frankfurt, d. h. mit Rekonstruktionen der bedeutendsten Bauten und (!) der Parzellen (!). Will man dies, so sollte man auch dem Mumm haben, dies klar und deutlich zu kommunizieren. Will man eine Art Potsdamer Platz? Also etwas Parzelle, aber nicht genau wie früher, etwas Straßenverlauf, aber nicht zu genau, etwas mit Weltstadt, aber nicht zu hoch. Damals rissen zumindest die potenten Geldgeber Einigens raus, da sie sich bei den Fassaden nicht lumpen ließen. Am Molkenmarkt aber scheint mir so eine Voraussicht mit der WBM als Hauptinvestor nicht zu bestehen. Also wie kommt man hier überhaupt auf diese kleinteilige Parzellierung? Worauf bezieht sich das, wenn man doch keine Altstadt bauen möchte? Das Rote Rathaus, das Stadthaus und die Bebauung an der Parochialstraße aus NS-Zeit, das Palais Podewill und das Landgericht in der Littenstraße kann man doch ruhig als Mega-Blöcke mit Einheitsfassaden betrachten (nicht abwertend gemeint). Worauf soll sich dann das kleinteilige Gewusel beziehen? Man betrachte nur den (traurig anmutenden) Block der WBM ein paar Meter weiter auf der Fischerinsel, oder man braucht sich nur die Rückseite der Rathauspassagen und des Eingangs des Motel Ones zur Grunerstraße mit einem Sockelbau von bis zu 35 Metern Höhe ansehen. Wie viele Wohnungen werden es wohl werden im neuen Viertel am Molkenmarkt? Zu wenige auf jeden Fall. Wenn dann ein Architekt wie von OZ davon spricht, dass man in dieser "Gemeinschaft" dann das "Gemüse aus der Region" pflanzt, dann steigert sich das Ganze für meine Begriffe ins Groteske. Bullerbü mag in Kopenhagen noch funktionieren, Berlin ist definitiv eine andere Nummer. Aus diesen Gründen kann ich das Abbrechen des Verfahrens nachvollziehen. Vielleicht hat hier ja jemand erkannt, dass hier nichts zusammenpasst.