Freie Berliner Mitte
Wettbewerb Rathaus- und Marx-Engels-Forum entschieden
Die beste Nachricht zuerst: Berlins Mitte zwischen Rotem Rathaus und Marienkirche, Fernsehturm und Spreekanal bleibt unbebaut. RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten konnten kürzlich den Wettbewerb zur Neugestaltung der Freiflächen für sich entscheiden. Beendet sind damit die Diskussionen um eine Rekonstruktion der „Neuen Alten Mitte“. Für das an Freiflächen arme, östliche Zentrum der Stadt kann das in Zeiten des Klimawandels nur von Vorteil sein.
Von Friederike Meyer
Die Eröffnungen des Humboldtforums und der neuen Haltestellen der U5 haben die Gegend um das Berliner Rathaus und das Marx-Engels-Forum endlich wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Wer dort heute unterwegs ist, erlebt einen an Boden- und Baudenkmälern reichen Raum mit dürftig gepflegten Grünanlagen und den Spuren des rückgebauten U-Bahn-Projekts. Höchste Zeit also für eine Überarbeitung des Areals. Durchgeführt wird diese auf der Basis des kürzlich verkündeten Ergebnisses eines offenen Ideen- und Realisierungswettbewerbs, den das Land Berlin ausgelobt und zwischenzeitlich mit Bürger*innen diskutiert hat. Die Gruppe F – Freiraum für alle koordinierte das Verfahren.
Die Aufgabe zur Neugestaltung des 18 Hektar umfassenden Wettbewerbsgebietes war vielschichtig. Historische Bezüge und Denkmäler galt es ebenso zu berücksichtigen wie den Baumbestand, die Landschaftsarchitektur der DDR-Zeit und den hohen Nutzungsdruck – die Auslobung umfasste ganze 234 Seiten. Im Ideenteil sollte ein Zwischenzustand im Jahr 2030 dargestellt werden, im Realisierungsteil die konkrete Umsetzung ab 2024. Das Umfeld von Fernsehturm und Marienkirche sollte auf Basis der 2015 entwickelten„Bürgerleitlinien“ bestandsorientiert modernisiert werden.
53 Arbeiten wurden eingereicht, 21 kamen in die zweite Phase und wurden unter Bezugnahme auf Ideen der Bürger*innen weiterentwickelt. Die Jury unter Vorsitz von Klaus Overmeyer kam zu folgendem Ergebnis:
- 1. Preis: RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten (Bonn, Köln)
- 2. Preis: Atelier Loidl Landschaftsarchitekten (Berlin)
- 3. Preis: Pola Landschaftsarchitekten (Berlin)
- 4. Preis: Sowatorini Landschaft (Berlin)
- Anerkennung: Levin Monsigny Landschaftsarchitekten (Berlin)
- Anerkennung: WES LandschaftsArchitektur mit Hans-Hermann Krafft (Berlin, Hamburg)
- Anerkennung: sinai Gesellschaft von Landschaftsarchitekten (Berlin)
Der Siegerentwurf des Büros RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten sieht ein zentrales Band vor, das die denkmalgeschützten Bereiche des Rathausforums unter Einbeziehung des Neptunbrunnens mit dem Marx-Engels-Forum verbindet, um dann in einer Freitreppe zur Spree vor dem Humboldtforum zu enden. Dieses zentrale Band wird von zwei „Flanierbändern“ begleitet, die den gesamten Bereich wie eine Spange erschließen.
Obwohl die Jury die „relativ starken Eingriffe durch Baumfällungen im Bereich der zentralen Freifläche, die Abgrabungen im Bereich der grünen Spreetreppe sowie den hohen Versiegelungsgrad“ laut Protokoll kritisch bewertete, sprach Overmeyer von einem „Meilenstein für die Freiraumgestaltung der Berliner Mitte“. Die Arbeit übersetze die komplexen Anforderungen an den Ort in einen klaren und verbindenden Freiraum, der alle Chancen habe, zu einem Habitat für die Berliner Stadtgesellschaft des 21. Jahrhunderts zu werden.
Die zu gestaltende Fläche umfasst rund 72.000 Quadratmeter. 23 Millionen Euro sind derzeit für Planung und Realisierung des Wettbewerbsergebnisses kalkuliert. Im Jahr 2024 soll mit der Umsetzung begonnen werden.
Ein Wohnungsbau Leuchtturm Projekt im Sinne der umgebenden DDR Bebauung mit Sozialwohnungen, wäre ein echtes Ausrufezeichen . Auch stadträumlich würden der Neptunbrunnen und selbst das Schloss von einem gegenüber profitieren.
Schon beim ersten frühen Besuch stach die Kirche wie ein Fremdkörper maßstabs- und beziehungslos dazwischen. Keiner dieser Entwürfe hat dieses Problem sinnstiftend gelöst. Dabei ist das entwerferisch die größte Herausforderung. Die Ignoranz und Blindheit und damit die herausstechend ungewollte Zeitkritik ist ebenso groß wie seinerzeit in der DDR. Insofern gleichen sich die Zeiten. Schwächen zu Stärken, hätte diese den Anlass zum ganzen Entwurf geben müssten, etwa als zweite Ordnung im Gleichgewicht zur ersten. Oder als einzigem Aufriss zum sonstigen Grundriss, ganz bewusst, etwa wie der Kölner Dom in seiner Domplatte. So steht sie da wie ein Hund der in die Rabatte pinkelt, Zeichen intellektueller Armut. Und doch ist sie der Anlass für das gesamte Diagonalornament bis zu den Turmpavillons, was dann aber ansonsten Achsbezogen sich entwickelt. Dieses Grundornament asymmetrisch eskalierend von diesem seinem Ursprung, wie eine dekonstruktive Spinnwebe über den ganzen Platz eskalierend und somit beides einfangend, wenn auch nur als vorher-nachher. Vielleicht noch dem roten Rathaus eine Bedeutung gebend. Das würde sogar den beiden Turmpavillons über ihre bloße Geometrie hinaus eine besondere Bedeutung geben, in Spannung zu ihrem Formanlass, der Kirche. Diese unsere unter Trümmern verschüttete Historie würde in Beziehung treten, anfangen zu sprechen. Das ist die Aufgabe. Sind Glaubens- und Hoffnungselemente nicht auch in der Ostmoderne? Im direkten Bezug zwischen Kirch- und Fernsehturm? Den Platz jenseits einer barocken Achse als sich öffnende Entwicklung. Libeskinds Beziehungsstrahlen zu einem multipolaren Spiel der Überschneidungen, auch dem Schloß. Auch der querenden Spandauer Straße als herausgearbeitetem player, wieder im Sinne von Schwäche zu Stärke und Bedeutung. Alles hat Bedeutung, spricht miteinander, gibt sich gegenseitig erst Sinn und Bedeutung. Dieses Muster auch um die potsdamer Garnisonskirche oder dem ganzen potsdamer Flickenteppich. Geld haben sie ja, aber eben noch nicht die Einfälle, nur zum dumpfen Gegeneinander reicht es. Auch eine Armut.
Als ob die nächste Landschaftplaner Mode diesem Areal dann noch die gewünschte Lebendigkeit einhauchen könnte. Anstatt sich auf den Bereich vorm FT zu konzentrieren und dem Elend des MEF ein Ende zu bereiten, wird hier die nächste Version einer Grünfläche vorangetieben, die auch wieder von keinem benutzt werden wird außer um mal schnell ans Denkmal zu huschen und zum Bootsanleger zu kommen. Der Senat hätte hier mal Eier zeigen sollen und die LB mit Zugang zur U5 hinstellen könne, mitsamt einem Wohnungsbauprogramm und preiswertem Wohnen im Zentrum analog zum NV. So bleibt es eine stadtzerstörende Schneise bar jeder menschlichen Proportion die hier zementiert wird. Und jetzt dürft ihr mich zerreissen. Mich juckts nicht.
Die Qualität der 60er Jahre Planung scheint erkannt worden zu sein, nebst der Merkwürdigkeiten der isolierten Marienkirche und der würdigen Inszenierung der beiden bärtigen Herren in ihrem Kreis und der übrigen Versatzstücke (Wie war das mit der Gerichtslaube?!) Ob die Schneise so freigestellt sein muss kann man diskutieren; ein paar mehr Bäume dürften sich da schon in die Fläche hinein wagen, mein Eindruck. Aber gut, super Ergebnis; hoffen wir mal, dass das Ganze im Rahmen einer Post-Corona-Wiederaufbau-Hilfsmaßnahme trotz der dann absolut und kollateral ruinierten Normalhaushalte realisiert werden kann.